Wieviel Trump steckt in Putin?

Kürzlich hat die “New York Times” in einem Kommentar die Möglichkeit erörtert, dass Putin sich vielleicht doch nicht verkalkuliert habe und alles, was jetzt geschieht, von ihm genau so geplant worden sein könnte. Das klingt abenteuerlich und in der Tat deuten die Fakten eher auf das Gegenteil hin. Aber nimmt man einmal an, dass Putin sich nicht verkalkuliert hat, was könnte er sich gedacht haben?

Vielleicht kann Donald Trump weiterhelfen. Trump hat sich bekanntlich, zumindest in der Anfangszeit seiner Präsidentschaft, nicht als Politiker gesehen, sondern als Geschäftsmann, der in die Politik gegangen ist. Nimmt man sein Selbstverständnis ernst, sollte man zur Kenntnis nehmen, was er in “The Art of the Deal” schreibt, seinem Buch über seine Jahre als erfolgreicher Geschäftsmann.

Es sind vor allem vier Taktiken, denen Trump seinen Erfolg zuschreibt. Das ist zum ersten das hohe Pokern: Als Trump wollte, dass sich die Europäer und besonders die Deutschen mehr für die NATO engagieren, stellte er deren Zukunft infrage. Darauf zeigten sich einige europäische Länder tatsächlich bereit, mehr zu tun, um die NATO am Leben zu erhalten. Man akzeptiert das kleinere Übel, um das grössere zu vermeiden.

Möglicherweise verfolgt Putin dieselbe Taktik in der Ukraine: Er greift das gesamte Land an, um am Ende die Krim und die beiden sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk, Russland einzuverleiben. Wenn der Blutzoll auf ukrainischer Seite zu hoch wird, so könnte Putin glauben, mag die Abspaltung einiger Gebiete als das kleinere Übel erscheinen.

Zum zweiten nutzt Trump Psychologie, oder besser: den Psychoterror. Indem man den Gegner herabsetzt, ihn öffentlich demütigt, zerstört man dessen Moral. Das ist ganz offensichtlich auch Putins Vorgehensweise, der die demokratisch gewählte Regierung der Ukraine wiederholt als “Junta” und von Neonazis durchsetzt bezeichnete.

Zum dritten setzt Trump auf Durchhaltevermögen. Oft muss man einfach nur weitermachen, bis dem Gegner der Atem ausgeht. Voraussetzung ist natürlich, dass die eigenen Ressourcen länger halten als die des Gegners. Sicherlich kann Putin sehr viel mehr Soldaten und Ausrüstung heranschaffen als die Ukraine.

Zum vierten benutzt Trump eine Sprache der Superlative. Was Menschen wirklich beeindruckt, so glaubt er, sind Dinge, die man als das grösste, schnellste, teuerste oder mächtigste seiner Art verkaufen kann. Er selbst hat vor masslosen Übertreibungen nicht zurückgeschreckt. So behauptete er z.B., dass noch nie eine so grosse Menschenmenge bei der Amtseinführung eines amerikanischen Präsidenten dabei gewesen sei, wie in seinem Fall (“biggest crowd ever!”).

Auch Putin mag es riesig, geradezu monströs, angefangen bei dem gewaltigen Marmortisch, an dem er westliche Staatspersonen wie Emmanuel Macron mit maximaler Distanz empfing, bis hin zu einer Rhetorik der Masslosigkeit. Den “westlichen Block” beschimpft er als “Reich der Lügen”, das Russland zerquetschen und vernichten wolle, während er von einer amerikanisch geprägten Welt warnte, in der sich niemand mehr sicher fühle – alles grosse Worte, die Ausdruck eines extremen Freund-Feind-Denkens sind.

Alles zusammengenommen bestätigt das, worauf schon oft hingewiesen wurde: Dass Putin darauf aus ist, sein Land nicht nur auf Kosten der Ukraine zu stärken, sondern die gesamte Peripherie dauerhaft einzuschüchtern und zu schwächen, den westlichen liberalen Konstitutionalismus zurückzudrängen und den populistisch-nationalistischen Autoritarismus zur neuen Alternative oder gar zum neuen globalen Erfolgsmodell zu machen.

Das muss freilich nicht bedeuten, dass Putin von Trump gelernt hat. Wahrscheinlich sind beide einfach nur desselben Geistes Kind. Die Parallelen sind jedoch auffällig und verdienen Beachtung. Allerdings sollte sich niemand der Hoffnung hingeben, dass Putin scheitern werde wie zuvor Trump.

Nicht nur ist Putin in keine demokratischen Strukturen eingebunden, was ihn von Trump unterscheidet. Zudem kann, wie der berüchtigte Sturm auf das Kapitol: zeigt, selbst ein in demokratische Strukturen eingebundener Präsident noch gehörigen Schaden anrichten – wieviel mehr dann ein russischer, für den all das nicht gilt.

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