Im Land der Lüge

Ausländische Diplomaten in Teheran, schreibt der Orientalist Volker Perthes in seinem Buch “Iran”, haben wiederholt die Erfahrung gemacht, dass ihre iranischen Gesprächspartner offenbar wenige Hemmungen haben sie anzulügen. Eine Studie über den iranischen Verhandlungsstil bestätigt das.[1] Ohne das Buch hier weiter empfehlen zu wollen: das sollte man wissen, wenn man sich auf das iranische Regime einlässt.

So gesehen ist die Dreistigkeit, mit der die vom ägyptischen Präsidenten Mursi in Teheran gehaltene Rede verfälscht wurde, gar nicht so verwunderlich. Der Dolmetscher hatte in Mursis Sympathiebekundung gegenüber dem Widerstand in Syrien einfach das Wort Syrien durch Bahrein ersetzt und aus einer Kritik am Assad-Regime eine Solidaritätsadresse gemacht! Bahrein hat mittlerweile offiziell Protest eingelegt.

Allein schon von daher kann man sich ausmalen, wie die iranische Kooperation mit der internationalen Atomenergiebehärde IAEA einzuschätzen ist. Aber lassen wir deren aktuellen Bericht doch einfach selbst zu Wort kommen:

While the Agency continues to verify the non-diversion of declared nuclear material at the nuclear facilities and LOFs declared by Iran under its Safeguards Agreement, as Iran is not providing the necessary cooperation, including by not implementing its Additional Protocol, the Agency is unable to provide credible assurance about the absence of undeclared nuclear material and activities inIran, and therefore to conclude that all nuclear material in Iran is in peaceful activities

While the Agency continues to verify the non-diversion of declared nuclear material at the nuclear facilities and LOFs declared by Iran under its Safeguards Agreement, as Iran is not providing the necessary cooperation, including by not implementing its Additional Protocol, the Agency is unable to provide credible assurance about the absence of undeclared nuclear material and activities in Iran, and therefore to conclude that all nuclear material in Iran is in peaceful activities.

Das sollte auch die letzten Illusionen beseitigen, was den Charakter des Regimes betrifft. Freilich sind Illusionen häufig von hartnäckiger Natur.

  1. Volker Perthes, Iran. Eine politische Herausforderung, Bonn 2008, 61 Fn. 4.

Alptraum Syrien: Was kommt nach Assad?

Sie nennen sich “Brigaden der Freien von Damaskus”, “Helfernetzwerk Syrien” oder “Beistandsfront für die Bewohner Syriens” und sind in allen gängigen sozialen Netzwerken aktiv: bei Facebook, Google+ und Twitter.
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Diese Leute wollen Assad beerben – und einen Kalifatstaat errichten.

Sie zeigen Filmmaterial, auf dem Gegner bei laufender Kamera erschossen werden. Auf einem anderen Film triumphiert eine Rebellengruppe, die sich um einen offenbar zu Tode gefolterten Assad-Anhänger versammelt hat.
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Schon der ganze kriegsverherrlichende Ton wirkt verstörend. Eine Gruppe zeigt auf ihrer Seite in der “Wer wir sind”-Sektion einen Videozusammenschnitt von Kriegsszenen.
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Wenn diese Leute an die Macht kommen, wird Assad rückblickend als das kleinere Übel erscheinen. Nicht zuletzt, was Israel angeht.

(Ich bitte um Verständnis, wenn ich hier keine Links setze oder sonstige Hinweise, die es leichter als nötig machen, die entsprechenden Seiten im Internet zu finden.)

Das Wesen der Zensur

Dass in Diktaturen wie der iranischen Zensur herrscht, ist bekannt. Weniger bekannt dürfte sein, was Zensur eigentlich bedeutet. Und wer jetzt glaubt, Zensur heisse, dass da eine rote Grenze bestehe, die nicht übertreten dürfe, wer etwas publizieren will, der könnte sich irren. Es ist subtiler.

Die islamische Zensur verfügt seit einigen Jahren über eine Kontrollsoftware, die unzulässige und verbotene Wörter ohne Rücksicht auf den Sinnzusammenhang löscht oder durch ein erlaubtes Wort ersetzt. (…) Der Übersetzer von “Der Zauberberg” von Thomas Mann übersetzte den deutschen Ausdruck “schamrot im Gesicht” mit dem persischen Äquivalent “der Schweiß (araq) der Scham legte sich auf die Stirn”. Das persische Wort “araq” hat zwei Bedeutungen: Schweiß und Wodka. Die Software änderte den Satz kurzerhand in “der Kaffee der Scham legte sich auf die Stirn”.

schreibt der iranische Exilschriftsteller Faraj Sarkohi auf Qantara.de (s.a. hier). Was so amüsant klingt (und tatsächlich Anlass von viel Spott über die Islamische Republik war), verweist auf den Kern dessen, was Zensur eigentlich bedeutet: Einschüchterung durch Unsicherheit. Der einzelne Schriftsteller und Journalist wird im Unklaren darüber belassen, was er eigentlich schreiben darf und was nicht. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal des Iran.

Bereits 1985 schrieb der britische Historiker Timothy Garton Ash über das kommunistische Ungarn, wie der Schriftstellerverband um klare Regeln für das Veröffentlichen geradezu bettelte. Ähnliches war zuvor in Polen passiert. Da regimekritische Texte zuweilen die Zensur passierten, währende andere, völlig harmlose, verboten werden konnten, waren klare Regeln zumindest das kleinere Übel. Die zu erwarten aber stellte sich als illusorisch heraus:

“Die Zensoren verfügen über keine objektiven Kriterien, um entscheiden zu können, wo die Grenzen liegen. Auch sie irren verloren im Labyrinth. ‘Die Realitäten akzeptieren’, heisst der Slogan. Aber was sind die Realitäten der meisten Redakteure oder Verleger? Sie sind die Einschätzung dessen, was ihre Vorgesetzten akzeptabel finden. Doch deren Realitäten sind auch keine anderen als die, die ihre Vorgesetzten akzeptieren. Und so geht es immer weiter, bis hinauf zur Spitze.”[1]

Ganz ähnlich geht es im heutigen Syrien zu. Mit dem Amtsantritt von Baschar al-Asad haben sich die Zustände sogar noch verschlimmert.[2] Noch einmal zum Iran: Unter der Amtszeit Khatamis (1997-2005) konnte man in iranischen Periodika Ansätze einer Ideologiekritik lesen, während schon damals offensichtlich unpolitische und auch mit dem Islam nicht in Konflikt stehende Publikationen der Zensur zum Opfer fielen. Das hat viele Intellektuelle zu dem Glauben verführt, es gebe einen Spielraum für kritische Intellektuelle, den es nur auszutesten gelte.

Ein Irrtum. Nicht nur, weil unter Ahmadinejad die Zügel wieder angezogen wurden, sondern auch, weil diese Unsicherheit und Unberechenbarkeit der Zensur erst die Schere im Kopf entstehen lässt – während in einem letzten Winkel des Bewusstseins sich die trügerische Hoffnung hält, es könnte vielleicht doch noch einen Spielraum geben.

Siehe auch:

  1. Timothy Garton Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. Aus den Zentren Mitteleuropas 1980-1990, Hamburg 1990, 150.
  2. Fouad Hamdan, Einige Illusionen über Syriens Regime. Verspielte Kompromisse: Präsident Baschar al Assad zeigt durch seine Gewaltpolitik, dass nur sein Sturz zur Stabilität im Land und in der Region führen kann. FAZ, Montag, 13. Februar 2012, Nr. 37, S. 23.

Gibt es eine Anti-Atomwaffen-Fatwa?

Irans Führer Ayatollah Khamenei, so hatten Medien berichtet, habe sich gegen den Bau von Atomwaffen ausgesprochen und dies in einem religiösen Rechtsgutachten, einer Fatwa dargelegt. Damit habe der iranische Verzicht auf Atomwaffen gewissermassen eine verbindliche Form gefunden. Doch zumindest über das Internet ist die Fatwa nicht zu finden, schreibt das “Tablet Magazine”:

Unfortunately, no one can find the fatwa. And even if it did exist, it would appear that it is nothing more than a ploy to sow confusion among Iranian adversaries—especially the United States. (…)

Let’s say though, for the sake of argument, that such a fatwa does exist. The fact that American officials seem to be basing U.S. policy on the existence of a fatwa represents a much more serious problem than the prospect of an Iranian bomb.

Cole, Clinton, and the U.S. State Department have missed the essential point: If there is indeed a fatwa, why would Iran’s commander-in-chief, Khamenei, violate an edict set down by the country’s preeminent religious authority, who happens to be the very same person? In other words, Khamenei is still moving toward acquiring the bomb that Khamenei is alleged to have forbidden.

Diese Argumentation besticht freilich nicht ganz, denn auch wenn es Anzeichen dafür gibt, dass das iranische Regime nach Atomwaffen strebt – sicher ist nichts. Eine ganz andere Frage ist allerdings, ob diese Aussage Khameneis, wenn sie denn wirklich schriftlich bezeugt ist (wozu wir noch kommen werden), überhaupt als Fatwa gelten kann. Denn die dafür notwendigen Voraussetzungen scheinen nicht erfüllt zu sein, womit ihre Verbindlichkeit in Frage gestellt ist.

Der Journalist Ahmad Ahrar – ein Dissident, der auch für die Kayhan (London) schreibt – hält die ganze Angelegenheit denn auch für einen Aprilscherz. Ausgerechnet in dem Moment, als der türkische Premier Erdogan gegenüber dem amerikanischen Präsidenten Obama seine Überzeugung aussprach, dass die einfachste Lösung der Atomfrage eine Fatwa sein könnte, legt Khamenei die gewünschte Fatwa vor – die dann doch keine ist oder nie eine war. Immerhin kann man auf die Webseite Khameneis gehen und siehe da!, dort findet sich ein längerer Text, der sich zu dieser Problematik wie folgt äussert[1]:

Wir sind überzeugt, dass neben Atomwaffen auch andere Arten von Massenvernichtungswaffen, einschliesslich chemischer und mikrobiologischer Waffen, als eine ernste Bedrohung für die Menschheit angesehen werden. Iran, das selbst Opfer von Chemiewaffen ist, fühlt mehr als andere Nationen die Gefahr der Herstellung und Aufbewahrung dieser Art von Waffen und ist bereit, alle Ressourcen gegen sie aufzuwenden. Wir erklären die Anwendung dieser Waffen für verboten (ḥarām) und betrachten es als allgemeine Pflicht, sich dafür einzusetzen, dass die Menschheit von diesem grossen Unglück verschont bleibe. Seyyed Ali Khamenei[2]

Ohne den Text überinterpretieren zu wollen, so fällt auf, dass im ersten Satz nur die Rede davon ist, dass Atomwaffen als “ernste Bedrohung gesehen werden” – nicht etwa gesehen werden müssen (das wäre dann bāyad talaqqī šawand). Auch ist unklar, ob diese Ausführungen den Rang einer Fatwa beanspruchen. Auf Khameneins Webseite ist sie jedenfalls nicht unter “Fatwas” gelistet, sondern unter bayānāt – “Verlautbarungen”.

  1. http://www.leader.ir/langs/fa/?p=bayanat&id=6675
  2. Übersetzung von mir, M.K. Im Original: به اعتقاد ما افزون بر سلاح هسته اي،‌ ديگر انواع سلاح هاي كشتار جمعي، نظير سلاح شيميائي و سلاح ميكروبي نيز تهديدي جدّي عليه بشريت تلقي مي شوند. ملّت ايران كه خود قرباني كاربرد سلاح شيميايي است، بيش از ديگر ملّتها خطر توليد و انباشت اين گونه سلاح ها را حس مي كند و آماده است همه‌ي امكانات خود را در مسير مقابله با آن قرار دهد .ما كاربرد اين سلاحها را حرام، و تلاش براي مصونيت بخشيدن ابناء بشر از اين بلاي بزرگ را وظيفه‌ي همگان ميدانيم. سيّدعلي خامنه اي

Eitelkeit und Starrsinn

Günter Grass möchte nicht länger schweigen, was er früher freilich auch schon nicht getan hat. Mit letzter Tinte, denn Grass ist noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen, schreibt er nieder, was ihm zur Irankrise einfällt. Weil er davon überzeugt ist, dass die ganze Welt es lesen will, lässt er seine Gedanken in drei Ländern gleichzeitig unter das Volk bringen.

Das Ergebnis könnte magerer nicht sein. Der Berg kreisste und gebar eine Maus: Mehr als ein arg verdruckstes Gedicht wollte dem Nobelpreisträger nicht aus der Feder fliessen. Die Tinte war wohl doch schon etwas eingetrocknet.

Und die Gedanken schon längst. Grass’ geistiges Reich ist das der Äquidistanz und des Relativismus. Weil es Israel dasjenige Land ist, das über Atomwaffen verfügt, und nicht der Iran, geht für ihn die Gefährdung des Friedens vom jüdischen Staat aus. Für Grass nämlich ist es die Technik, nicht dessen Anwendung, der seine Sorge gilt.

Das Messer in der Hand des Metzgers muss dann ebenso bedrohlich erscheinen wie das Butterfly in der Hand des Randalierers, die Pistole im Halfter des Polizisten genauso bedenklich wie die Flinte in der Hand des Bankräubers, und das Streichholz, mit dem der Zigarrenliebhaber sein Rauchwerk entflammt, ist nach dieser Logik nicht weniger eine Gefahr als das Feuerzeug in der Hosentasche des Pyromanen.

Die moralische Zerrüttung, die aus diesen Worten spricht, kommt allerdings nicht überraschend. Schon vor Jahren ist Grass zum Nahen Osten nichts besseres eingefallen, als von ”Opfer[n] des wechselseitigen Terrorismus” zu fabulieren. Und die übelsten Schurkenstaaten als das zu bezeichnen, was sie sind, fand er immer schon den wahren Skandal.

Natürlich gibt es auch in Grass’ Welt eine böse Macht, doch hat diese keine politische Grenze. Es handelt sich um die “Globalisierung als Diktat des Kapitals”. Unvergessen auch sein öffentlich bekundeter Abscheu gegen die Anfangsjahre der Bundesrepublik („Die damals propagierte Gesellschaft war durch eine Art von Spießigkeit geprägt, die es nicht einmal bei den Nazis gegeben hatte“).

In Wirklichkeit ist Grass der jüdische Staat (”dem Land Israel, dem ich verbunden bin”) ungefähr so wichtig wie den Hühnern einer Legebatterie die Qualität der deutschen Frühstückskultur. Wenn Grass davon spricht, kein “Überlebender” einer atomaren Katastrophe sein zu wollen, geht es um nichts anderes als um die Entlastung seiner Generation. Dem hat Emmanuel Nahshon, der israelische Gesandte zu Berlin, völlig zurecht eine Abfuhr erteilt: “[W]ir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist.”

An die reale Bedrohung aus Teheran verschwendet Grass nämlich keinen Gedanken. Vielleicht ist das, was Ahmadinejad über Israel sagt, tatsächlich nur heisse Luft. Vielleicht hat das Regime wirklich nicht vor, Atomwaffen zu entwickeln und vielleicht will es den jüdischen Staat gar nicht vernichten. Vielleicht.

Aber vielleicht auch nicht. Die israelische Bevölkerung wird jedenfalls nicht dasitzen und warten, bis Ahmadinejads Worten die entsprechenden Taten folgen könnten. Das wird ihr niemand verübeln können, der das Existenzrecht Israels anerkennt. Während Grass tausende von Kilometern entfernt luftige Poeme verfasst, steht Israel vor einer schwierigen Entscheidung: Sich in Zurückhaltung zu üben bis es zu spät sein könnte – oder einen präventiven Schlag wagen und damit möglicherweise eine unkontrollierbare Reaktion seitens des Iran auslösen.

Dem Grad an moralischer Entrüstung entspricht Grass’ Ausmass an intellektueller Abrüstung. Selten war ein politisches Gedicht so platt. Auch künstlerisch hat er schon lange die Waffen gestreckt.

Siehe dazu:

Noch ein Dementi

Hatte es anfangs noch geheissen, die Hamas werde sich im Falle eine Kriegs zwischen Israel und dem Iran heraushalten, so folgt nun das Dementi (via Times of Israel). Kommt einem das bekannt vor?

Wir erinnern uns: Westliche Meldungen, denen zufolge islamistische Terroristen moderat geworden seien, sind in der Vergangenheit von den entsprechenden Gruppen regelmässig dementiert worden.

Siehe auch:

Doppeltes Spiel

Die Annäherung von Hamas-Führer Mashaal an Präsident Abbas auf Grundlage einer gewaltfreien Politik ist Wasser auf die Mühlen mancher Versöhnungsschwärmer. Die Rolle des Störenfrieds wird daher wieder einmal der israelischen Regierung zugewiesen:

Weiterlesen

Ahmadinejad: Israel eine Verschwörung des Kapitals

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Zum jährlichen Qods-Tag hat der iranische Präsident Ahmadinejad eine Rede gehalten, die ich im folgenden auszugsweise dokumentiere, und zwar in deutscher Übersetzung auf Grundlage der persischsprachigen Paraphrase der amtlichen iranischen Nachrichtenagentur IRNA.[1]

Das zionistische Regime, so Ahmadinejad, ist eine Verschwörung und ein Wegbereiter für die Herrschaft kulturloser Kapitalisten und seine Parole ist die Parole der Herrschaft über die ganze Welt. Der beste Beweis dafür, dass Israel dem zerstörerischen Geist des westlichen Kapitalismus den Weg in den Nahen Osten bereite, sei die dauerhafte Rückständigkeit der Länder dieser Region – als Teil des zionistischen Plans, die regionale Vorherrschaft zu übernehmen. Die fortgesetzte Existenz Israels sei daher nicht nur gegen Palästina und die Staaten der Region gerichtet, sondern gegen die menschliche Würde (karāmat-e ensānī) aller Völker. In gleicher Weise seien alle menschlichen Werte und Grundlagen, wie auch Gesetze und Beschlüsse, die auf der Welt gelten sollten, dem Zionismus zum Opfer gefallen.

Alle Prämissen der israelischen Existenz seien denn auch auf Lügen und Täuschungen aufgebaut. Überall in der Welt, selbst in Europa und Amerika, lebten die Massen unter elendesten wirtschaftlichen Bedingungen (badtarīn šarāyeṭ-e eqteṣādī), weshalb sie wegen einer antihumanen Macht (ḥākemīyat-e zedd-e ensānī) den Gürtel enger schnallen müssen. Das “zionistische Regime” sei ein Symbol materiellen Denkens (namād-e andīše-ye māddī) und begünstige das kapitalistische Management.

Die Existenz des “zionistischen Regimes” in Palästina diene nicht dem Schutz einiger verstreuter Juden oder der Ausübung der jüdischen Religion, gleichwohl sei die palästinensische Frage keine Frage zwischen Juden und Muslimen oder Juden und Arabern, vielmehr sei Palästina zu einem Reservoir von Sklavenhaltern und Ausbeutern (barde-dārān ve-esteʿmā-garān) gemacht worden, die ihre Tätigkeit verstetigen wollen.

Deren Anliegen begründe auch die Opposition gegenüber dem iranischen Nuklearprogramm: Unter dem Vorwand der Sicherheit für das zionistische Regime leiste die kapitalistische Welt mit allen Mitteln Widerstand gegen Iran. Der Jerusalem-Tag (rūz-e qods) sei daher ein Schrei der ganzen Menschheit nach Freiheit von Sklavenhaltern und Ausbeutern und denjenigen, die heute den Anspruch auf Demokratie und Menschenrechte erheben. Israel sei folglich die Achse der Internationale von Dieben und Verbrechern.

Der Qods-Tag dagegen, so Ahmadinejad weiter, verteidige die Rechte der Unterdrückten (mustaẓʿafān) dieser Welt (ein Kampfbegriff der Islamischen Revolution). Der Quds-Tag sei ein Tag der “Wiederbelebung der Menschlichkeit” (eḥyā-ye ensānīyat) und der “menschlichen Ehre” (šarāfat-e ensānī). In den letzten 62 Jahren sei die Welt Zeuge geworden, wie nach dem Zusammenbruch der Prämissen israelischer Existenz das wichtigste Ziel des zionistischen Regimes in der eigenen Anerkennung und Konsolidierung bestehe.

Dies wollten die Zionisten erreichen, indem sie eine Million Palästinenser vertrieben und grossflächig mordeten (koštār-e wasīʿ-e -mardom), darunter Kinder und Frauen, oder indem sie einige Kompromissler dazu bewegten, sich zu ergeben. Doch während sie noch jubelten und glaubten, ihre Herrschaft auf Dauer errichtet zu haben, war plötzlich der 12. Imam aus der Tiefe der Geschichte aufgebrochen, um das Banner der Freiheit, der Einheit (touḥīd) und der Gerechtigkeit zu hissen.

Eine grosse Welle habe seither den Iran, dann die Region und schliesslich die ganze Welt erfasst, in dessen Herzen der Qods-Tag zur Achse aller Monotheisten (mowaḥḥedān) und Gerechtigkeitsliebenden wurde. Die Mächtigen seien gegen diese Welle aufgestanden und bildeten sich ein, durch Unterdrückung, verschärfte Roheit, lügnerische Propaganda und dem Überschütten mit westlichen Dollars dieses Regime stabilisieren zu können. Sie glaubten, sie könnten auf palästinensischem Boden einen solchen rassistischen zionistischen Staat (doulat-e nežād-parast-e ṣehyūnīstī) stabilisieren.

Die Ausweitung des palästinensischen Widerstands und die Vertiefung des Widerstandes in der Region sowie das Hochhalten der palästinensischen Aspirationen in den Herzen und Seelen der Jugendlichen und der Gläubigen der Region sowie der Freiheitsliebenden der Welt haben dem zionistischen Regime zwei harte Schläge zugefügt: Im Libanon (2006) und in Gaza (2008). Mittlerweile, so Ahmadinejad, sei auch das “zionistische Regime” zur Überzeugung gelangt, dass es sich unter den gegenwärtigen Bedingungen auf dem Boden Palästinas nicht konsolidieren könne. Mittlerweile sei gar das “Fundament der zionistischen Entität” (asās-e kiyān-e ṣehyūnīstī) in Gefahr geraten.

Ahmadinejad riet zur Vorsicht, einen unabhängigen palästinensischen Staat auf einem winzigen Stück Land von 11% der Fläche Palästinas zu errichten. Die Mächtigen seien darauf aus, einen Umsturz der Region zu untergraben, um so die “Wurzel des Verderbens” (ġorṯūme-ye fasād) aufrechtzuerhalten. Die Palästinenser ruft er zur Einheit auf, um gemeinsam einen “Schritt vorwärts” (gām-e ǧelou) zu machen. Das “heilige Ziel der Befreiung Palästinas” (hadaf-e moqaddas-e azād-sāzī-ye Felasṭīn) dürfe nicht einen Augenblick aus den Gedanken der Palästinenser und der Völker der Region verschwinden.

Die Ausrufung eines unabhängigen Staates Palästina sei nur der erste Schritt, nicht der letzte. Darauf müssten alle Anstrengungen gerichtet sein. Diejenigen, die die Wurzel aller Diktaturen, aller Verbrechen und des gesamten Unheils aller Völker seien, würden unter dem Vorwand von Demokratie und Freiheit durch die Hintertür ihre Herrschaft zu erneuern suchen. Weiter erklärt Ahmadinejad, dass Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung nicht aus den Gewehrkugeln der NATO-Mächte und Amerikas kommen.

Ahmadinejad ruft zur Einheit der Völker auf und mahnt, dass ein Staat, der kein gutes Verhältnis zu seiner Bevölkerung pflege, von dieser getrennt sei. (Kommentar erübrigt sich!) Die militärische Einmischung der NATO führe nur zu Zerstörung und Verwüstung der Völker, ihrer Kulturen, Ökonomien und Würde (ḥeyṯīyat). (Was das mit Palästinas zu tun hat, ist nicht ganz klar: Soll das heissen, die Bekämpfung Israels mit Waffengewalt sei – in Analogie zu Afghanistan oder Irak – kontraproduktiv? Oder soll die NATO nur als Beispiel für das zerstörerische Potential des Westens vorgeführt werden, was eine “Befreiung” Palästinas – mit welchen Mitteln auch immer – umso dringlicher macht?)

Ohne den Feind kleinreden zu wollen, so Ahmadinejad, sehe er doch, dass dieser seinen historischen Tiefpunkt erreicht habe (was wohl Gaddafi dazu sagen mag?), aber natürlich müsse man damit rechnen, dass er erneut Kräfte sammle, um das zionistische Regime zu retten. Alle Gläubigen, Monotheisten, Gerechtigkeits- und Freiheitsliebenden müssten sich auf die “Vernichtung des zionistischen Regimes” (maḥw-e režīm-e ṣehyūnīstī) konzentrieren, sodass die Anerkennung eines unabhängigen palästinensischen Staates nicht der Endpunkt, sondern nur der erste Schritt (gām-o sekū-ye awwal) sein könne. Letztlich gehe es darum, dass das ganze besetzte Palästina befreit werde.

Das “zionistische Regime” sei ein “Herd von Mikroben und Krebszellen” (kānūn-e mīkrōb ve-selūlhā-ye sarṭānī). Überlasse man ihm auch nur einen Handbreit palästinensischen Bodens, so sammle es schnell wieder Kräfte und schädige die ganze Region. Wer von Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit rede, könne nicht zugleich mit dem “zionistischen Regime” und Amerika zusammenarbeiten. Soweit Ahmadinejad.

Es wird wieder viel kreative Pseudowissenschaft nötig sein, um Äusserungen wie “Zerstörung des zionistischen Regimes”, “Herd von Mikroben und Krebszellen” und dergleichen zu entschärfen und als westliche Missverständnisse schönzureden.

  1. Auf Ahmadinejads Webpräsenz ist der Text offenbar nicht zugänglich, wie überhaupt sämtliche Dateien aus der Trefferliste der entsprechenden Suchabfrage.