Mitteilungen aus Kilis (4)

Die Syrer sitzen in diesen Tagen vor den Fernsehschirmen. Sie fassen sich mit ihrer einen Hand an ihre leeren Bäuche und mit der anderen nach der Fernbedienung. Sie suchen nach einer Nachricht, die da lautet: Raketenabschüsse und Luftangriffe werden eingestellt.

Vielleicht gibt es nichts dringenderes, was am Horizont sich abzeichnet. Doch dass die Arabische Liga die neue Regierung als legitim und einzige Vertreterin des syrischen Volkes ist von enormer Bedeutung. Ich hoffe, dass die Europäer und Amerikaner dem Beispiel der Araber folgen werden.

Es ist die einzige Lösung, um die Opposition zu unterstützen, damit sie ein Staat wird und wir das Chaos der bewaffneten Milizen hier und dort loswerden. Vielleicht wird Assad demnächst das Töten intensivieren, um die Welt unter Druck zu setzen, damit sie sagt: er bleibt wo er ist.

Leider rückt dieses Szenario näher. Wenn die Welt sich nicht militärisch bewegt, um diesen Verbrecher zu stoppen, dann wird die Welt demnächst noch mehr Morde und Verbrechen erleben.

Hier an der türkisch-syrischen Grenze ist die illegale Einwanderung nach Europa gängig. Die Preise betragen 5.000 Euro pro Person und es besteht die Möglichkeit, sogar Menschen zu schleusen, die über keinen Reisepass verfügen. Mit jedem Tag kommen  Wellen von Syrern auf die Europäer zu.

Vielleicht gehört es zur Dialektik der Geschichte, wie es in einer historischen Quelle heisst, dass die Syrer zunächst nach Italien und Griechenland ausgewandert waren. Ihre Auswanderung geschah aufgrund der Blüte von Rom und Athen, was die grosse formale Ähnlichkeiten zwischen ihnen erklärt, ebenso wie die Tatsache, dass elf Kaiser syrischer Herkunft waren.

Heute kehrt die Geschichte wieder. Damals war der Grund für die Migration, dass die Perser viele Syrer getötet hatten – und heute genauso. Und Bashar al-Assads Wurzeln gehen auf die heutigen Perser zurück. Sie sind diejenigen, die ihn durch Fatwas von Khamenei, al-Buti und Nasrallah zum Mord befähigen.

Der syrische Schmerz ist gross. Die türkische Regierung öffnet die Tür einen Spalt weit für die Syrer, indem sie ihnen Aufenthalt gewährt. Aber was ist mit denen, auf deren Reisepässe Geldstrafen erhoben werden, weil sie ihren Aufenthalt in der Türkei überzogen haben, darunter auch ich. Auf meinem Pass sind Bussen in Höhe von rund 300 Euro angelaufen. Ich bin illegal in die Türkei zurückgekehrt – was ist mit solchen wie mir?

Der Weg ist lang, es gibt viele Schwierigkeiten und das Leben für die Syrer hier ist sehr schwierig. Noch einmal: Die Lösung besteht darin, die neue legitime Strömung des syrischen Volkes und die neue Regierung zu unterstützen. Die internationale Gemeinschaft muss uns, den syrischen Flüchtlingen, helfen.

In meiner Korrespondenz mit dem schwedischen Botschafter sagte mir dieser, dass, wenn ich keine Verwandte in Schweden hätte, es für mich keine Möglichkeit gebe, in das Land zu reisen, weil keine Flüchtlinge aufgenommen werden. Dann fügte er hinzu: Oder durch die Heirat mit einer Schwedin. Wo ist diese Frau? Gehören Aufnahme und Hilfe für syrische Flüchtlinge zu den Prioritäten der schwedischen Frauen?!

Es wäre in diesem Fall aber auch kein Problem, wenn es so wäre. Denn das syrische Gesetz erlaubt die Polygamie.

Türkisch-syrisch Grenze, 26.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (3)

Die sich überschlagenden Meldungen aus Syrien machen einem Angst: Armut, Obskurantismus, Mord, Hunger – und takfirische Organisationen. All dies lässt den syrischen Bürger nicht schlafen.

Armut: Viele Reiche oder Angehörige der Mittelschicht gibt es nicht mehr in Syrien. Alle haben sie das Land verlassen, sind verstorben, wurden umgebracht oder entführt, um Lösegeld zu erpressen. Wer von ihnen zurückgeblieben ist, hat Angst, sein Luxusauto zu benutzen.

Obskurantismus: Die meisten derer, die zu den Waffen greifen, sind von geringer Bildung. Infolgedessen tragen sie Waffen zuallerst zur Selbstverteidigung und dann als Instrument, um andere für eine Frau zu töten oder um eine Meinung zu bekämpfen oder einfach nur so.

Mord: Auf den Strassen Syriens kann man Leichen sehen, die von Hunden und Katzen gefressen werden. Man kann ein Leichenteil sehen, ohne zu ahnen, von welchem Menschen er überhaupt stammt. Am schlimmsten aber ist die Tatsache, dass Kinder, die täglich einen Mord und Leichen zu Gesicht bekommen, zusätzlich allen Arten von Missbrauch und Gewalt asugesetzt sind, und zwar seelischer und sexueller Natur.

Hunger: Es genügt, wenn Sie die Berichte der internationalen Organisationen nehmen und die Zahlen mit Fünf multiplizieren, um die wahre Statistikzu erhalten. Es ist alarmierend.

Die takfirischen Organisationen (Gemeint sind fanatische Gruppen, die anderen Muslimen den Glauben absprechen. Von takfīr = für ungläubig erklären. Anm. d. Ü.) sind bei weitem die gefährlichsten. Es gibt viele Berichte über Tötungen, Diebstahl oder Vergewaltigung im Namen der Religion. Im Krieg ist alles zulässig, islamischer Ethik braucht es nicht. Das ist die traurige Wahrheit.

Es ist schrecklich. Was in Syrien geschieht, kann nicht toleriert werden. Als Syrer kann ich nicht genau sagen, wo diese Gedanken und diese Gruppen herkommen und wie sie sich finanzieren. Oder aus welcher Richtung sie Unterstützung erhalten. Alles deutet jedoch auf Extremisten aus Saudi-Arabien und einigen Golfregionen hin. Ich wäre auch nicht von Hilfe aus anderen Gegenden überrascht, die nichts mit dem Islam zu tun haben.

Ich persönlich habe von vielen Augenzeugen gehört, dass einige dieser Elemente sich die Frau irgendeines Mannes mitsamt ihrer Kinder greifen und in die sexuelle Sklaverei führen. Einige der Ausbeuter selbst verteilen internationale Hilfe gegen sexuelle Dienste. Diese Organisationen sind die einzigen, die ihren Kämpfern faire Löhne zahlen, während einige Kämpfer der Freien Armee nicht einen einzigen Qirsch (Währungseinheit, Anm. d. Ü.) erhalten haben, obowohl sie seit mehreren Monaten ausgeharrt haben. Manche sind korrupt geworden, wie diese Gruppierungen mit ihren befremdlichen Ideologien.

Vielleicht sind die sexuellen und finanziellen Anreize der Grund für ihre so bemekenswerte und rasche Zunahme. Ich mache den Menschen keine Vorwürfe, denn die Menschen in Syrien sind keine Platoniker. Jeder hat seine Wünsche und Launen, zudem werden sie getrieben von Armut, Elend und Hunger.

Vielleicht würden sich diese Gruppen eines Tages soweit vergrössern, dass auch ich zu ihnen gehöre, wo ich doch ein Obdach nur finde, wenn ich nach Syrien zurückkehre. Wie ich es in einem Romans namens „Fluss des Wahnsinns“ gelesen habe.

Da gibt es einen Fluss, dessen Wasser jeden wahnsinnig macht, der davon trinkt. Schliesslich bleibt nur noch der König bei Verstand, während das Volk dem Wahnsinn anheimgefallen ist. Im letzten Kapitel des Romans sitzt der König um den Verstand  weinend, während er vor sich ein Glas mit Wasser aus dem Fluss des Wahnsinns setzt, bis er sich gezwungen sieht, wie die anderen wahnsinnig zu werden. So trinkt er von dem Flusswasser, vor dem es kein Entkommen gibt.

Meine Worte an meine Freunde in West- und Osteuropa, Amerika und Japan richtend, sage ich: Den Vernünftigen gehört die Stimme der Freiheit und des Gewissens.

Bitte stoppt den Wahnsinn, der in Syrien geschieht.

Türkisch-syrische Grenze, 23.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (2)

Heute ist Muttertag, wir wünschen den Müttern alles Gute. Doch angesichts des gegenwärtigen Zustands der Mütter in Syrien ist überhaupt nichts gut. Meine Herren, die Lage in Syrien bedarf keiner Erläuterung.

Unterdessen geht die Entwicklung dahin, dass das Staatsoberhaupt Scud-Raketen auf sein Volk zu feuern beginnt, um es für die bewaffneten Milizen aufzuscheuchen. So bewegen sich die Menschen in Richtung der tödlichsten Waffen, den Scud-Raketen mit chemischen Sprengköpfen. Wie soll das weitergehen?

Nero, der Rom niederbrannte, war wahrscheinlich klüger oder weiser als Bashar al-Assad. Dieser Mann hat nicht nur seine Legitimitation verloren, sondern seine Menschlichkeit. In jeder Ecke Syriens hockt der Tod, der die Kinder mit ihren Müttern fortreisst. Oder nur die Kinder, sodass die Herzen der Mütter brennen. Wenn wir am Muttertag nach Syrien schauen – wieviele Mütter heute werden bald um ihre Kinder weinen und wieviele andere werden wehklagen. Wieviele Kinder weinen um ihre Mütter…?

Muttertag … Es soll auf ein altes Fest namens „Ni-Roz“ zurückgehen, ein Wort, das im Altägyptischen „Göttin der Blüte“ bedeutet. Es ist genau wie das Wort Nifartiti „erhabene Königin“, d.h. Königin der Fruchtbarkeit.

Es ist die Zeit der Frühjahrsblüte, sie stimmt mit der Zeit des Arabischen Frühlings überein. Es scheint, dass die Dämonen, die Feinde der Demokratie, den Arabischen Frühling zu vernichten versuchen. Sie brennen die Bäume nieder, töten die Blüten und zertrampeln das Grün – tonnenweise, um die Geburt des Frühlings zu stoppen. Und dann werden sie No-Ruz schon im Ansatz vernichten.

Glauben Sie, dass einige Verrückte die Geburt des Frühlings stoppen können? Ein Verrückter wie Nero hat das Leben im grossen Rom nicht aufhalten können und genauso wenig wird ein Verrückter wie Bashar al-Asad die Lebensadern Syriens unterbrechen.

Lebt, ihr Mütter, ihr Göttinnen der Fruchtbarkeit! Es lebe der Frühling! Lang lebe Syrien – das freie, das blühende! Frohes Nowruz!

Türkei, 21.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (1)

In Syrien wurden heute Todesfälle durch chemische Waffen registriert. Assad ist bankrott gegangen und hat begonnen, seine jüngsten Schläge gegen die Zivilbevölkerung mit chemischen Waffen auszuführen. Natürlich wird er sagen: Es war die Opposition, die getötet hat.

„Meine Herren, ich will Ihnen gestehen: Ich bin mit chemischen Waffen gegen die Menschen vorgegangen.“ Und das Geständnis ist der Herr der Beweise: „Ich habe viele Chemikalien und Chemiefabriken und werde auch vom Iran unterstützt.“

In der Diaspora gibt es einen neuen Regierungschef und das ist gut – aber der zweite Schritt. Denn wie der Premierminister sagte, ist es an der internationalen Gemeinschaft, die Anerkennung der Regierung zu beschleunigen, um ihr eine echte Legitimation zu geben, nicht nur eine Regierung.

Für das reale Leiden gibt es einen Ausweg, nämlich die Ausgabe von Reisepässen. Die Syrer fliehen vor dem Tod in die Länder der Welt und das schreckliche ist, dass viele Länder sich weigern, die Syrer aufzunehmen. Vielleicht gibt es ja das Gerücht, dass die Syrer böse ausserirdische Wesen seien.

Hier in der türkischen Diaspora leiden wir unter vielen Problemen. So haben sich die Mieten für Syrer verdoppelt und viele Türken wollen ihr Haus nicht an Syrer vermieten. Hinzu kommt, dass alle Syrer illegalen Arbeiten nachgehen und der Staat das Recht hat, jeden zu bestrafen, der ihnen Arbeit gibt. Am schlimmsten jedoch ist, dass ein Syrer die Hälfte oder weniger von dem verdient, was ein türkischer Staatsbürger erhält.

Wir respektieren jeden Staat, der uns aufnimmt, insbesondere die Türkei. Aber helfen Sie uns, in unsere Häuser zurückzukehren, das wäre für uns besser!

An die Welt gerichtet sage ich: Sie müssen jetzt der neuen Regierung die helfende Hand geben und sie darin unterstützen, eine nationale Armee aufzubauen, die frei ist von extremistischen Ideologien und Gruppendenken – ansonsten wird die gesamte Region zur echten Gefahr.

Leider sind aufgrund international verbotener Waffen, die Assad schon bald grossflächig einsetzen wird, noch mehr Opfer zu erwarten. Die internationale Gemeinschaft schaut erwartungsvoll auf das tragische Ende.

Assad ist bankrott gegangen und mit ihm seine Herrschaft. Es scheint, dass das Ende der Hisbollah nach dem baldigen Ende von Khamenei und Ahmadinejad ein tragisches sein wird.

Türkei, 19.03.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)