Experte auf Abwegen

Friday, October 21, 2005
Von Michael Kreutz

In einem Interview mit der “Welt” gibt Reuel Marc Gerecht, nahostkundiger Resident Fellow des renommierten American Enterprise Institute, seine Ansichten zur Zukunft der Demokratie im Nahen Osten zum besten. Neben einigen klugen Äusserungen gibt es jedoch auch Irritierendes, so, wenn er sagt:

Die Moslembruderschaft ist fundamentalistisch, aber nicht dschihadistisch. Die kulturellen Traditionen der Moslems, ihre Verehrung der Scharia machen sie nicht geneigter für die Diktatur als andere Menschen. Sie haben seit dem Zweiten Weltkrieg ungeheuer schmerzhafte Erfahrungen mit verschiedenen Diktaturen gemacht, und dadurch ist bei ihnen die Erkenntnis gewachsen, daß sie irgendeine andere Regierungsform brauchen. Doch Liberale und Progressive wie wir haben kaum die Möglichkeit, den Bin-Ladenismus philosophisch zu besiegen. Sie haben zuwenig Einfluß bei einem großen Teil der Bevölkerung des Nahen Ostens, die sich zunehmend religiös definiert. Der Säkularismus hat dort heute einen schlechten Ruf, weil er zu eng mit verwestlichten Diktaturen liiert war. Die einzigen, die den Dschihadismus in die Knie zwingen können, sind islamische Fundamentalisten.

Die Muslimbruderschaft ist also “fundamentalistisch, aber nicht dschihadistisch”, so steht es da, tatsächlich. Nicht zu fassen. Wie kommt der Mann auf diesen abstrusen Gedanken?

Nun gibt es in der Tat Gruppen, die von einer Rückkehr zum Urislam träumen, die eine islamische Utopie anstreben, mithin also fundamentalistisch sind, Gewalt jedoch ablehnen und die man daher als nicht-dschihadistisch bezeichnen könnte. Aber erstens sind solche Gruppen auf die eine oder andere Weise Sympathisanten derer, die den bewaffneten Dschihad praktizieren; und zum anderen ist gerade die Muslimbruderschaft, aus deren Reihen heraus der damalige Präsident Sadat ermordet wurde, potentiell gewalttätig. Allein der starke Arm des Mubarak-Regimes sorgt für Eindämmung.

Völlig abwegig auch diese Äusserung: Der Säkularismus habe im Nahen Osten deshalb einen schlechten Ruf, weil er in der Vergangenheit zu eng mit verwestlichten Diktaturen “liiert” war. Ein altes Lamento, das die Schuld für mangelnde Demokratie im Westen sucht – jetzt auch mal aus konservativem Munde. Man lernt nie aus. Ein Glück für Gerecht, dass ihn sein Interviewpartner nicht gefragt hat, auf welche “verwestlichten Diktaturen” er sich bezieht. Verwestlichte Diktaturen gab es im Nahen Osten bislang im wesentlichen nur zwei: Ägypten unter Sadat und der Iran in vorrevolutionärer Zeit. Und zumindest in der iranischen Bevölkerung ist der Säkularismus alles andere als diskreditiert: Das hängt mit der negativen Erfahrung mit den Mullahs zusammen, aber auch damit, dass der Iran vor ziemlich genau hundert Jahren die Erfahrung einer endogenen Demokratie gemacht hat, die mit einer Säkularisierung einherging (z.B. Entmachtung religiöser Gerichtsbarkeit).

Die übrigen Diktaturen dagegen sind, ausser in Saudi-Arabien und eben dem Iran, keine Theokratien, pflegen jedoch einen monopolisierten Staatsislam, mit dem sie die Religion zugleich kontrollieren und für eigene Zwecke nutzen können. Von wegen Säkularismus! Das gilt im übrigen auch für die demokratische Türkei.

Davon abgesehen sind Gerechts Ausführungen nicht sehr plausibel: Wäre seiner Einschätzung nach der Ruf des Säkularismus weniger ramponiert, wenn er von antiwestlichen oder jedenfalls: nicht verwestlichten Regimes getragen worden wäre? Säkular, aber nicht verwestlicht? Weiss der Mann, was er da sagt? Besteht der Vorwurf seitens islamischer Fundamentalisten nicht eben darin, dem Westen seine (vermeintliche) Religionslosigkeit vorzuhalten, die Verwestlichung eigener Regimes also gerade in deren ansatzweise vorhandenem Säkularismus zu erblicken?

Da wundert es nicht, wenn Gerecht angesichts dieser verfehlten Analyse zu dem völlig absurden Schluss kommt, dass die Fundamentalisten die einzig möglichen Bezwinger des Dschihadismus seien. Von einem “Resident Fellow” des American Enterprise Institute hätte man wirklich mehr erwartet.

–––

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6 Responses to “Experte auf Abwegen”

  1. Don Loc

    Die Moslembruderschaft ist fundamentalistisch, aber nicht dschihadistisch??

    Tatsächlich entspringt der moderne Djihad dem geistigen Gedankengut der Gründer der Moslembruder (1928 als Reaktion auf die Säkularisierung der Türkei gegründet). Und wurde in der Folge nur allzuoft von den Moslembrüdern durchgeführt. Zwar stimmt es, dass die Moslembrüder in den letzten Jahren weniger Gewalt angewandt haben, dies hat aber nichts mit einer Ablehnung von Gewalt zu tun. Vielmehr sehen sie, dass insbesondere die Islamisierung Europas viel besser durch Demographie als durch Djihad zu erreichen ist. Sobald allerdings die “critical mass” erreicht ist…….

    #28
  2. Tunesien unter Bourguiba/ Ben Ali wäre hinzuzufügen.

    #29
  3. @ marriex

    gewiss, wenn man tunesien zum nahen osten zählt.

    #30
  4. BK

    Nun gibt es in der Tat Gruppen, die von einer Rückkehr zum Urislam träumen, die eine islamische Utopie anstreben, mithin also fundamentalistisch sind, Gewalt jedoch ablehnen und die man daher als nicht-dschihadistisch bezeichnen könnte. Aber erstens sind solche Gruppen auf die eine oder andere Weise Sympathisanten derer, die den bewaffneten Dschihad praktizieren
    Das ist meiner Meinung nach kein haltbares Faktum, jedoch eine wichtige Kernaussage in ihrem Kommentar.
    Hinter dieser Ansicht verbirgt sich die Behauptung, dass dadadurch alle praktizierden Muslime, ohne Ausnahme, terroristische Aktionen im entferntesten Sinne befürworten, obwohl sie selbst nicht aktiv daran teilnehmen würde.
    Wenn Sie es anhand von Statistiken untermauern können wäre diese Behauptung ein Argument.
    gruß

    #31
  5. wollen sie wirklich behaupten, alle praktizierenden muslime träumten von einer rückkehr zur islamischen urgemeinde oder zu den glorreichen tagen der “rechtgeleiteten kalifen”? ich werde jedenfalls keine these statistisch belegen, die ich nicht aufgestellt habe.

    #33
  6. BK

    wollen sie wirklich behaupten, alle praktizierenden muslime träumten von einer rückkehr zur islamischen urgemeinde oder zu den glorreichen tagen der “rechtgeleiteten kalifen”?
    Das habe ich nicht gesagt, viel mehr war das meine Frage.

    Wenn sie es nicht belegen können oder wollen, dann sollten sie die These nicht aufstellen und wenn es nicht ihre eigene ist verteidigen. gruß

    #37

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