Mit Islamisten verhandeln?
Darf man mit Islamisten verhandeln?, fragt das Magazin Zenith zwei Islamwissenschaftler. Ja, sagt Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Nein, meint Martin Kramer vom Washington Institute for Near East Policy.
Perthes argumentiert, dass Islamisten erstens nicht allesamt Terroristen seien, und zweitens, dass die Frage schon längst entschieden ist: Mit Islamisten, wie wir sie etwa in den Regierungen Saudi-Arabiens und des Irans haben, werde schon lange verhandelt.
Das leuchtet ein, geht aber in gewisser Hinsicht an der Frage vorbei, denn mit den Regierungen Irans und Saudi-Arabiens verhandelt man nicht, weil sie islamistisch sind, sondern weil sie einen bedeutenden Faktor im Machtgefüge des Nahen Ostens darstellen. Mit Islamisten zu verhandeln, weil sie Islamisten sind und einem dem Westen entgesetzten Wertekanon anhängen, scheint mir dagegen völlig sinnlos. Perthes jedoch will den Islamismus vor den Radikalen retten:
Gerade wenn die internationale Staatengemeinschaft den Kampf gegen den globalen Terrorismus erfolgreich führen will, muss sie zwischen Dschihadisten vom Schlage al-Qaidas und anderen Islamisten trennen. Wer dies nicht tut, riskiert dem falschen Argument Vorschub zu geben, dass es sich bei diesem Kampf letztlich doch um einen westlichen Kreuzzug gegen »den Islam« handele.
Woher kommt eigentlich diese Besessenheit, um jeden Preis einen Dialog mit Extremisten führen zu wollen? Wenn er dazu dient, Realpolitik zu machen, mag er ja vielleicht seine Berechtigung haben, aber zum Zwecke gegenseitigen Verständnisses, zum »Brückenbauen« zwischen »dem Westen« und »dem Islam« gerät ein solcher Dialog zu einer lächerlichen Absurdität, wie die Reaktion des Islamwissenschaftlers Udo Steinbach angesichts der jüngsten Morddrohung gegen seinen Kollegen Hans-Peter Raddatz, dass durch »zwei so extreme Positionen« (die des Drohenden und die des Bedrohten) dem »vorsichtigen Dialog« zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen jetzt ein Rückschlag drohe. Der Mann hat Sorgen.
Perthes jedenfalls findet das überhaupt nicht absurd, denn »… Verhandlungen, zumal um Krieg oder Frieden, führt man ohnehin mit seinen Feinden.« Völlig richtig, aber ein Dialog ist etwas anderes, wie Perthes selbst sagt: »Dialoge sind ihrer Natur nach – anders als Verhandlungen – mehr oder weniger freundschaftliche Auseinandersetzungen.« Aha, Verhandlungen und Dialog sind also zwei Paar Stiefel. Und warum auch sollte ich »freundschaftliche Auseinandersetzungen« mit jemandem suchen, der mich bekämpfen will?
Perthes tappt hier in dieselbe Falle, in die er schon einmal gestolpert ist. 2004 hatte er für die Zeitschrift »inamo« einen Gastkommentar geschrieben unter dem Titel »Am leichtesten ist der Dialog, den man nicht führt.« Darin zeigt er das Dilemma all derer auf, die einen Dialog mit Leuten führen möchten, die von Toleranz nicht viel halten:
Denn entweder führt man das Gespräch mit den liberalen Eliten muslimisch geprägter Staaten, die ohnehin so denken, wie ihre europäischen Partner (…) Oder man sucht das Gespräch mit jenen in der arabisch-nahöstlichen Welt, mit denen wir grössere Probleme haben und läuft Gefahr, der unheimlichen Komplizenschaft mit diesen Gruppen beschuldigt zu werden.
So ist es. Nur die entsprechende Schlussfolgerung aus dieser Feststellung mag Perthes nicht ziehen. Da hilft ihm Martin Kramer:
Wann immer ich höre, wir sollten einen Dialog mit der Muslimbruderschaft und anderen so genannten “moderaten” Islamisten beginnen, überkommt mich ein alles durchdringendes Gefühl des déjà vu. Ähnliche Debatten hat es bereits früher gegeben. Der “Dialog” taucht immer dann auf, wenn es so aussieht, als ob die Islamisten an Boden gewännen. Endet ihr Höhenflug, ist auch die Debatte vorbei.
(…) Geben und nehmen – das macht einen Dialog aus. Und hier beginnt das Problem, denn die »moderaten« Islamisten würden uns wenig geben, aber sehr viel nehmen. Ihre Forderungen beinhalten: Visa und Asyl für Aktivisten; die Möglichkeit, in den USA Spenden einzuwerben; amerikanischen Druck auf arabische Regime für mehr politischen Freiraum; schließlich eine Revision der US-Nahostpolitik.
Und weiter:
(…) Befänden sich einige der Islamisten auf dem Weg zur Macht, wäre das Argument für einen Dialog vielleicht stichhaltiger. Doch auch wenn wir skeptisch sein mögen, was das Fortbestehen der saudischen Monarchie oder der irakischen Regierung betrifft, sehe ich keine islamistische Alternative. Und wenn, worüber würden wir in einem Dialog mit ihnen reden? Würde das uns nicht lediglich den nach Stabilität strebenden Kräften entfremden? Und glauben wir wirklich, dass die Islamisten uns dankbar wären? Dankbarer, als die Mudschahedin es waren?
Perthes dagegen, der es nicht einmal für abwegig hält, eine Gruppierung wie die Hamas “zu parlamentarisieren”, lehnt sogar Vorbedingungen für einen Dialog ab, der sonst nicht stattfinden würde. Er sollte wissen, wohin die Reise führt.
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