Israels Platz

Sunday, December 11, 2005
Von Michael Kreutz

“Oft wird in der Propaganda Israel als „Fremdkörper“ im arabischen Kulturbereich bezeichnet”, berichtet der aktuelle Newsletter der israelischen Botschaft. “Ignoriert wird dabei die Tatsache, dass fast die Hälfte der Israelis aus dem arabischen Raum stammt” (ganzer Text hier).

Das ist richtig und dieser Hinweis lässt sich noch vielfach ergänzen. Denn Israels Vorgeschichte unterscheidet sich in keiner nennenswerten Hinsicht von der seiner Nachbarstaaten im östlichen Mittelmeerraum, die auf dem Boden des ehemaligen Osmanischen Reiches gegründet wurden. Auch Länder wie Syrien, die Türkei, Griechenland, Albanien oder Ägypten waren keineswegs immer schon da. Kulturelle Renaissancen, ein näherer Kontakt mit den Idealen der Französischen Revolution und die Schaffung einer Nationalsprache sind die Marksteine des intellektuellen Prozesses, der sich spätestens ab dem 19. Jhd. in der gesamten Region vollzieht.

Der Zionismus ist ebensowenig eine Reaktion auf den Holocaust, wie die benachbarten Nationalbewegungen. Er ist noch nicht einmal mit den Verfolgungen des 19. Jhds. zu erklären, jedenfalls nichts allein damit, wie z.B. der Damaskus-Affäre 1840, einem Pogrom, das durch die Behauptung ausgelöst worden war, die Juden hätten ein christliches Kind zu rituellen Zwecken geschlachtet. Und auch, wenn der Mythos nicht totzukriegen ist: Der politische Zionismus beginnt keineswegs mit Theodor Herzl.

Der Vorläufer des Zionismus war ein bosnischer Rabbiner namens Yehuda Ben Solomon Ḥai Alkalai (1798-1878) aus Sarajevo. Alkalais Vorbild waren die nationalen Aspirationen der Serben und Griechen in seiner Zeit. Im serbischen Semlin hatte er eine Reihe von Schriften verfasst, in denen er die Rückkehr der Juden nach Palästina forderte, ohne auf den Messias zu warten, wie es die religiöse Orthodoxie vertrat. Seit Ende der dreissiger Jahre propagierte Alkalai in einer Reihe von Schriften die Schaffung des jüdischen Staates in Palästina. Mehrmals suchte er dazu die grossen jüdischen Gemeinden Europas, Konstantinopels und Palästinas persönlich auf.

Zur selben Zeit erarbeitete im ostpreussischen Thorn ein Rabbiner namens Zwi Hirsch Kalischer (gest. 1874) in seiner 1862 erschienen Schrift Drišat Tsion (»Sehnsucht nach Zion«) eine religiös-nationale Theorie, derzufolge eine Rückkehr der Juden nach Palästina und die Schaffung eines jüdischen Staates nicht im Widerspruch zu den biblischen und rabbinischen Überlieferungen stehe. Auch Kalischer hatte die Unabhängigkeitsbewegungen anderer Völker vor Augen und forderte die Juden auf, dem Beispiel der Italiener, Polen und Ungarn zu folgen.

Zusammen mit Jehuda Alkalai und anderen, vor allem aus den Reihen der Gemeinden in Deutschland, rief er 1860 eine Bewegung zur Sammlung des jüdischen Volkes in Palästina ins Leben, die in einer jüdischen Staatsgründung münden sollte. Die Bewegung der Ḥibat Tsion (»Zionsliebe«, auch: Ḥovevei Tsion »Zionsfreunde«) war von ihnen beeinflusst. Der bedeutende deutsche Zionist Moses Hess war wiederum von Kalischer beeinflusst. So spannt sich ein direkter Bogen von Alkalai und Kalischer über Hess zu Theodor Herzl, den bedeutendsten Visionär des Zionismus. Herzl hatte Hessens “Rom und Jerusalem” zwischen 1898 und 1901 in Jerusalem gelesen und war tief beeindruckt; Alkalai hatte er zuvor schon bei dessen Reise nach Wien 1873 persönlich kennengelernt.

Auch die Schaffung einer hebräischen Nationalsprache vollzieht sich im Gleichklang mit anderen Sprachenfragen: der arabischen, türkischen, griechischen, albanischen, armenischen usw. Nicht totzukriegen ist auch der Mythos, dass das Hebräische erst mit der zionistischen Besiedlung Palästinas zu einer gesprochenen Sprache wurde. Vielmehr hatten die jemenitischen Juden das Hebräische zu allen Zeiten (!) als gesprochene Sprache bewahrt (die Studien von Morag 1963: העברית שבפי יהודי תימן sind bis heute leider nur auf Hebräisch zugänglich). Ihre Sprachtradition geht über die babylonischen Geonim (die in Mesopotamien residierenden Oberhäupter der religiösen Akademien) direkt auf das Hebräisch Palästinas zurück.

Welche Rolle die jemenitischen Juden im Prozess der Wiederbelebung des Hebräischen spielten, ist von der Forschung bislang nicht beantwort worden. Ungeachtet dessen ist allein die Tatsache, dass das Hebräische als Muttersprache eines Teils der Juden nie ausgestorben war, wichtig, um die Kontinuität ethnischer Identität zu unterstreichen. Auch im 19. Jahrhundert war die bevorzugte Schriftsprache z.B. der Juden Ägyptens das Hebräische oder europäische Sprachen, nicht etwa das Arabische. «Wiederbelebung» hiess für die hebräische Sprachbewegung vor allem Neu-Aneignung und Anpassung an die Erfordernisse eines modernen Nationalstaats.

Während die Griechen Leonidas, den spartanischen Heeresführer gegen die Perser 390 v.Chr. zum Vorbild ihrer nationalen Wiedergeburt erkoren, war es unter den Zionisten der Widerständler Simeon bar Kochba, der 135 n.Chr. im Kampf gegen die römische Besatzung wie Leonidas den Märtyrertod gestorben war. Die Idee der Wiedergeburt kursierte nicht allein unter Zionisten; sie war das grosse Thema aller Nationalbewegungen auf dem Boden des zerfallenden Osmanischen Reiches. Selbst die türkischen Nationalisten versuchten sich an eine Rückbindung der Geschichte, indem sie sich in die Tradition eines alten ionischen Erbes stellten. Und im Libanon erfasste die Nachfolgeschaft im Geiste der Phönizier die Herzen der Menschen.

Israel ist kein Sonderfall. Es hat seinen historisch gewachsenen Platz am Mittelmeer, wie alle anderen Staaten dort auch.

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5 Responses to “Israels Platz”

  1. Michael Herzog

    Die oben vorgenommene historische Aufklärung ist natürlich unverzichtbar wichtig.

    Gleichzeitig möchte ich aber darauf hinweisen, dass Debatten über “historische Legitimität” — selbst wenn man sie gewinnen kann — im Ansatz gefährlich sind und man sich deshalb nur mit Vorbehalt überhaupt auf sie einlassen sollte.

    Denn unterschwellig akzeptiert man mit ihnen ja wohl die Denkfigur, dass, wenn ein Staat/Volk auf seinem gegenwärtigen Territorium keine jahrhundertelange, kontinuierliche Geschichte vorweisen kann, man ihn bzw. es von dort heute legitimerweise vertreiben oder auch gleich ganz vernichten kann. Und dass dergleichen inakzeptabel ist, versteht sich ja wohl von selbst.

    Im Fall Israels ist m.E. speziell und verstärkt auf die einzigartige UN-Legitimation hinzuweisen, über die das Land verfügt. Israel wurde durch eine UN-Abstimmung gegründet. An dieser Abstimmung nahmen auch alle damaligen arabischen und islamischen Mitgleidsstaaten der UN teil — und das waren nicht wenige, sondern praktisch die gesamte ostarabische Welt mit Ausnahme der kleinen Golf-Scheichtümer, aber auch Iran und die Türkei. Mit der Teilnahme an dieser Abstimmung erkannten all diese Staaten automatisch auch deren Legitimität selbst an und waren verpflichtet, das Ergebnis anzuerkennen. Dass sie selbst mit Nein stimmten und am Schluss ein Ergebnis rauskam, dass ihnen nicht gefiel, ist dafür unerheblich.

    Der historische Skandal ist, dass dieselben arab. UN-Mitglieder, die Ende 1948 (1949?) an der Abstimmung über die Gründung Israels teilnahmen, kurze Zeit später (und dann im Lauf der Jahrzehnte noch mehrmals) versuchten, das ihnen nicht genehme Ergebnis der Abstimmung mit Waffengewalt zu revidieren.

    #277
  2. Ich weiß nicht, ob die UN-Legitimation wirklich so eine starke ist.

    Die stärkste (und zugleich überhaupt keine) Legitimation ist die Macht des Faktischen. Sie sind da. Wir sind in Deutschland und die Amis sind in Amerika. Die Frage, wie wir jeweils dahin gekommen sind, wer vorher dort war und mit welchem Recht wir ihn vertrieben haben, ist eine müßige.

    Ich glaube es wird schwierig, einen territorialen Anspruch auf der Welt zu finden, der nicht auf Unrecht zurückgeht. Die Frage ist nur, wie lange das jeweilige Unrecht zurück liegt und wie viel anderes Unrecht dem bereits voraus ging.

    Es wird noch eine Weile dauern, bis sich Israels Nachbarn mit dem Faktum dessen Existenz abfinden und so lange lebt dieses Land im Verteidigungszustand. Ich sehe nicht, wie man das Dilemma auflösen sollte.

    #278
  3. mir geht es nicht darum, eine legitimation aus der geschichte herzuleiten, sondern einfach darzulegen, dass israel in seiner entstehung keine solche ausnahme ist, als die es immer gesehen wird. ansonsten gebe ich ihnen beide völlig recht.

    #279
  4. [...] ten der Region, namentlich des Östlichen Mittelmerraums, hervorgingen. Ich habe an anderer Stelle dargelegt, warum Israel in der Art seiner Entstehun [...]

    #1504
  5. [...] Linke , 30. März 2006 Artefakte, 26. März 2006 Die Lüge von der Lüge , 22. März 2006 Israels Platz, 11. Dez. 2005 Einmal ist das Transatlantic Forum t [...]

    #3501

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