In geistiger Umnachtung
Vor einigen Tagen erschien die neue Ausgabe der DAVO-Nachrichten. Wer es nicht weiss: Die DAVO (Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient) ist ein 1993 ins Leben gerufener Zusammenschluss von grösstenteils deutschen Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen, zumeist Orientalisten und Islamwissenschaftler, die sich mit der gegenwartsbezogenen Erforschung des Vorderen Orients, Nordafrikas und des islamischen Mittelasien befassen. Dabei bietet die Mitgliederzeitschrift nicht nur allerhand Informatives zum Stand der Forschung, sondern ist auch eine gute Quelle für die politischen Neigungen deutscher Nahostwissenschaftler.
Der Aufsatz eines Martin Beck vom Deutschen Orient-Institut Hamburg, in dem sich der Autor schon 2004 über die “Herausforderungen für die Orientwissenschaften” ausliess, wird jetzt in der aktuellen Ausgabe der DAVO-Nachrichten (Bd. 21, Juni 2005, S. 51f.) neu aufgelegt. Da lesen wir:
Weder soll sich der Orientwissenschaftler aus Liebe zur Kultur und den Menschen im Orient zu einer Verteidigungshaltung gegenüber strukturellen Problemen der Region verleiten lassen, noch darf er sich dem Druck interessierter Kreise beugen, den islamischen Orient pauschal als Friedensgefahr zu verteufeln.
Diese Behauptung macht stutzig und sie sagt zugleich viel aus über das geistige Universum vieler Nahostwissenschaftler. Von der steifen Ausdrucksweise einmal abgesehen: Welches sollen die “interessierten Kreise” sein, die auf gestandene Wissenschaftler Druck ausüben, damit diese den islamischen Orient pauschal als Friedensgefahr verteufeln? Wer sollte so etwas wollen? Und vor allem: Welche seelischen Abgründe stecken hinter einer solchen Verschwörungstheorie? Man fragt sich.
Der Autor verharrt jedoch nicht bei seiner wolkigen Betrachtungsweise und wird so gegen Ende des Aufsatzes ein bisschen konkreter, indem er dem Leser einen Fingerzeig gibt, wo besagte “interessierten Kreise” beheimatet sein könnten:
Gewaltsam erzwungene Transformationsprozesse wie im Irakkrieg 2003, die gegen die Standards gerechtfertigter Kriege verstossen, desavouieren das Programm der Demokratisierung und spielen autoritäten Eliten genauso in die Hände, wie die offensichtliche Doppelmoral insbesondere der USA, deren Politik gegenüber Israel mit dazu beiträgt, dass den Palästinensern in den besetzten Gebieten die Teilhabe an Freiheitsrechten verwehrt wird.
Was hier zunächst auffällt, ist die Rede von den “Standards gerechtfertigter Kriege”. Geht es hier nur um das UN-Mandat oder um etwas ganz anderes? Die Behauptung allerdings, dass das Programm einer Demokratisierung allein dadurch desavouiert sein soll, dass es mit einem “gewaltsam erzwungenen Transformationsprozess” im Irak einhergeht, ist nicht wirklich ernstzunehmen, denn ein solcher Transformationsprozess hätte mit Saddams Gnaden nie stattgefunden. Ohne den Sturz des Diktators kann es keine Demokratie geben, und vielleicht reift diese Erkenntnis eines Tages auch in den Köpfen verbildeter Orientalisten heran.
Und natürlich darf der Verweis auf Israel nicht fehlen. In den besetzten Gebieten arbeiten die USA und Israel also Hand in Hand, wenn es darum geht, den Palästinensern ihre Freiheitsrechte zu verweigern, an denen sich die Bevölkerung im Rest der arabischen Welt so erfreut. Oder wie soll man diese Äusserung verstehen? Und hat der Autor vielleicht einmal gehört, dass Sharon die israelische Präsenz aus dem Gazastreifen völlig zurückzieht? Und warum wird Doppelmoral immer und ausschliesslich mit den USA und Israel ins Spiel gebracht? Der Autor sollte wissen, wie es um die Rechte der Kurden in Syrien bestellt ist, um nur ein Beispiel zu nennen (und dieser Vergleich ist noch unzulässig, insofern als letztere schlechter dran sind als ein durchschnittlicher Palästinenser in der Westbank).
Nichts neues also aus der deutschen Orientalistik.
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