Saudische Frauenbewegung

Wednesday, July 13, 2005
By Michael Kreutz

In der FAZ vom 12. Juli (S. 9; leider nur Druckausgabe) schildert der Nahostkorrespondent der Zeitung, der umtriebige Rainer Hermann, in “Gleichgestellt per Koran” über eine neue Generation selbstbewusster, westlich orientierter saudischer Frauen.

Suhaila Zain al-Abidin kämpft als Intellektuelle dafür, das Autofahrverbot für Frauen abzuschaffen; ihr zur Seite steht der Politikwissenschaftler Mohammed al-Zulfa im saudischen Parlament (majlis al-shura). Zwar sträubt sich der Parlamentsvorsitzende noch, aber die Anregung von al-Zulfa, das Frauenfahrverbot im Rahmen der Verabschiedung eines neuen Verkehrsgesetzes mit aufzuheben, hat sowohl in der Bevölkerung als auch in der Presse des Königreichs eine Debatte entfacht, die nicht mehr aufzuhalten ist.

Suhaila Zain al-Abidin, die die Aufhebung des Verbots für Frauen, ein Auto zu steuern, als ersten Schritt sieht, den Frauen auch das aktive und passive Wahlrecht einzuräumen, ist Autorin von mehr als neunzig Publikationen zur arabischen Geschichte und Literatur, sowie zur Stellung der Frau im Islam. Sie war eines der 41 Gründungsmitglieder der ersten regierungsunabhängigen Menschenrechtsorganisation Saudi-Arabiens. Ihrer eigenen Einschätzung nach ist die Meinungsfreiheit in den letzten zehn Jahren in Saudi-Arabien gewachsen: Zum Jahreswechsel 2003/04 hatten 300 saudische Frauen – darunter Suhaila Zain al-Abidin – dem Kronprinzen Abdallah eine Petition überreicht, in der sie acht konkrete Forderungen nach mehr gesellschaftlichen Freiheiten stellten.

Hier kommt ein gesellschaftliches Phänomen zum Tragen, dass auch aus anderen Ländern der arabischen Welt, z.B. Oman, bekannt ist: Der hohe Anteil weiblicher Absolventen unter den Akademikern des Landes. Hermann weist darauf hin, dass etwa zwei Drittel aller saudischen Hochschulabsolventen Frauen sind. Freilich bedarf dies einer Interpretation: Der Anteil ist vor allem deshalb so hoch, weil in den männlich dominierten arabischen Gesellschaften die bevorzugte Hochschulausbildung im Ausland meist den Söhnen der Familie zugute kommt, sodass den Töchtern nur das weniger prestigeträchtige Studium an einer der heimischen Hochschulen übrigbleibt. Gerade diese Entwicklung hat aber offenbar dazu geführt, dass eine nie dagewesene, neue Generation weiblicher Akademiker in der arabischen Welt den Hefeteig für progressive Veränderungen der Gesellschaft bildet. Über sie schreibt Hermann:

Auch sie tragen die Abaya, den schwarzen Überhang, unter dem sie sich aber nach der neuesten Mode aus Europa kleiden. Die jungen Akademikerinnen verhüllen nicht mehr, wie ihre Mütter, ihr Gesicht (…) Selbstbewusst fordern sie (…) eine Stellung in der Gesellschaft und im Wirtschaftsleben ein, die ihrer Ausbildung entspricht. Dann wird die Veränderung der saudischen Gesellschaft nicht mehr aufzuhalten sein.

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