Islam, der Terror und die Gesellschaft

Monday, July 25, 2005
Von Michael Kreutz

Anschläge gegen Zivilisten, die im Namen des Islam begangen werden, werfen die Frage auf: Inwieweit kann der Islam als Religion für die Gewaltakte verantwortlich gemacht werden?

Gudrun Eussner weist in ihrem Weblog dankenswerterweise daraufhin, dass Antijudaismus in der arabisch-islamischen Welt entgegen dem populären Mythos keineswegs ein europäischer Import der Neuzeit ist, sondern auf eine lange Tradition zurückblicken kann.

In letzter Zeit findet man häufiger Erklärungsmodelle, die eine Neigung zu terroristischen Akten innerhalb der muslimischen Gemeinde aus dem Koran selbst, der zentralen Quelle islamischer Dogmatik, herzuleiten versuchen. So bezeichnet Gudrun Eussner den Islam pauschal als “menschenverachtende Religion”. Die Indizien, die sie für ihre These heranzieht, sind zwar nicht zu beanstanden, aber die Frage ist, was diese eigentlich belegen. Wird denn ein Christ gleich zum Selbstmordattentäter, wenn er im NT (Matthäus 10, 34) die Jesus zugeschriebene Äusserung liest: “Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert”? – ein Satz , der sich ohne weiteres als Verherrlichung der Gewalt deuten lässt. Selbst wenn also Übereinstimmung darüber herrschen würde, dass der Koran ein Buch ist, das zu terroristischen Akten aufruft, so würde es noch lange nicht erklären, warum Menschen diesem Aufruf folgen.

Die Gegenthese, dass Anschläge im Namen des Islam in Wahrheit nichts mit dem Islam zu tun haben, scheint mir aber ebensowenig überzeugend. Denn ob diese Akte nun den Intentionen des Religionsstifters widersprechen oder nicht, ändert nichts an der Tatsache, dass genau in dem Augenblick ein Bezug zur Religion hergestellt wird, in dem sie in dessen Namen begründet werden. Die als “Muslim Refusenik” bekannte Islamkritikerin pakistanischer Herkunft, Irshad Manji, macht in ihrem “Time”-Essay “When Denial Can Kill” deutlich, warum die reflexartige Reaktion vieler Muslime, Gewaltverbrechen im Namen ihrer Religion als unislamisch abzutun, grundverkehrt ist:

(…) marginalization, real or perceived, diminishes self-esteem. Which, in turn, can make young people vulnerable to those peddling a radical message of instant belonging. But suppose the messages being peddled are marinated in religious rhetoric. Then wouldn’t you say religion plays some role in motivating these atrocities?

Was sie den muslimischen Gesellschaften vorwirft, ist ein Fehlen jeglichen kritischen Umgangs mit der eigenen Religion, wie er unter Juden und Christen hingegen gang und gäbe ist:

(…) For too long, we Muslims have been sticking fingers in our ears and chanting “Islam means peace” to drown out the negative noise from our holy book. Far better to own up to it. Not erase or revise, just recognize it and thereby join moderate Jews and Christians in confessing “sins of Scripture,” as an American bishop says about the Bible. (…)

(…) Still, as long as Muslims live in pretense, we will be affirming that we have something to hide. It’s not enough for us to protest that radicals are exploiting Islam as a sword. Of course they are. Now, moderate Muslims must stop exploiting Islam as a shield (…)

Die paradoxe Situation, dass antiwestliche Islamisten ausgerechnet im Westen bessere Bedingungen für ihre Agitation vorfinden, als in den islamischen Ländern, denen sie entstammen, bedeutet ein Sicherheitsrisiko für die jeweiligen Gastländer, wie der Nahostexperte Fouad Ajami in seinem Essay “Within the Gates” notiert:

(…) The Islamists are now within the gates. They fled the fires and the terrors of the Arab-Islamic world but brought ruin with them. This new Islamism mocks the borders of nations and the very idea of nationality. “We may carry their nationalities,” a Wahhabi preacher decreed recently, “but we belong to our religion.” The geography of Islam has altered. A religion of Afro-Asia has migrated westward. (…) There were liberties in western Europe to be used, and welfare subsidies, and laws against extradition. (…)

(…) Still, liberty is not a suicide pact. We should be done with the search for “explanations” that dignify the hatreds, that attribute them to western deeds and policies. We should see the new hatred dressed in religious garb for what it is: a war against the very order of contemporary life. (…)

Ein Dilemma für die offenen Gesellschaften des Westens. Die eigentliche Gefahr liegt jedoch in der Apologetik der intellektuellen Elite. In “There are apologists amongst us” erläutert ein zorniger Norman Geras den Lesern des “Guardian”, warum es mehr als voreilig ist, die Anschläge von London mit dem Irak in Verbindung zu bringen:

The “We told you so” crowd all just somehow know that the Iraq war was an effective cause of the deaths in London. How do they know this, these clever people? For what they need to know is not just that Iraq was one of a number of influencing causes, but that it was the specific, and a necessary, motivating cause for the London bombings. If it was only an influencing motivational cause among others, and if, more particularly, another such motivational cause was supplied by the military intervention in Afghanistan, then it’s not the case that the London bombings wouldn’t have happened but for the Iraq war.

Ever on the lookout for damning causes, the root-causers never go for the most obvious of these. This is the cause, indeed, which shows, by its absence, why most critics of the Iraq war or of anything else don’t murder people when they are angry. It is the fanatical, fundamentalist belief system which teaches hatred and justifies these acts of murder. That cause somehow gets a free pass from the hunters-out of causes.

An dieser Stelle sei noch einmal Gudrun Eussner (s.o.) zitiert. Allzuoft verkennen die Menschen im Westen, dass mit Anhängern einer totalitären Ideologie wie dem militanten Islamismus kein Dialog geführt werden kann:

Solches kann aber die Briten trotz der Anschläge vom 7. Juli in ihrem “GlobalPeaceWorks” nicht irritieren. Diese Muslime, die derartige Lehren verbreiten, die Haß predigen und die Juden beleidigen (…), sie werden von der britischen Regierung für Ende August – nein, nicht etwa vor den Richter zitiert und für ihre rassistischen und beleidigenden Äußerungen angeklagt, sondern sie werden zu einer Konferenz nach London geladen. Dort sollen sie einen Fatwa gegen den Terrorismus aussprechen.

Dabei ist in Wirklichkeit alles ganz einfach. Wie der amerikanischer Nahostexperte Daniel Pipes zu sagen pflegt: “Radical Islam is the problem, moderate Islam is the solution.”

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