Sturm im Wasserglas
Brandenburgs Innenminister Schönbohm gerät von allen Seiten unter Kritik, nachdem er den neunfachen Babymord in seinem Bundesland mit der DDR-Vergangenheit in Verbindung gebracht hatte. Demnach sei die „von der SED erzwungene Proletarisierung” für die Gewaltkriminalität im Osten mitverantwortlich. Der „Bild”-Zeitung erklärte er, es sei ihm „um die Teilnahmslosigkeit, das Weggucken der anderen” gegangen: “Das ist das, was mich so ungeheuer bedrückt.”
Der Mann mag recht haben oder nicht, aber die Kritik an seinen Äusserungen bleibt unverständlich, denn wo in seinen Äusserungen geht ein Pauschalurteil gegen Ostdeutsche – so der Vorwurf – hervor? Was Schönbohm sagt, ist nichts anderes als dies: Totalitäre Regime, in denen der Staat sich für das gesamte Wohl des Einzelnen für zuständig erklärt, BEGÜNSTIGEN die Indifferenz eben dieses Einzelnen gegenüber der Gesellschaft. Wo Eigenverantwortung nichts zählt, ist die NEIGUNG eben grösser, offenkundige Misstände der Obrigkeit zu überlassen. Noch einmal: Schönbohm muss damit nicht recht haben, aber eine Pauschalverurteilung von Menschen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR sehe ich hier nicht. Und die Statistik scheint Schönbohms Behauptungen zu belegen:
Unterstützung erhielt Schönbohm auch vom Kriminologen Christian Pfeiffer aus Hannover. „Schönbohm hat Recht”, sagte Pfeiffer der „Thüringer Allgemeinen”. Das Risiko für Kinder zwischen null und sechs Jahren, von ihrer Mutter getötet zu werden, liege im Osten drei Mal höher als in den alten Bundesländern.
Das Datenmaterial stammt freilich nicht aus amtlichen Quellen. Dabei ist mir wieder die Geschichte eingefallen, die Hannes Stein in einem Vortrag zum zweiten Jahrestag von 9/11 erwähnte:
Lassen Sie mich auch dazu eine Anekdote erzählen. Vor kurzem gerieten amerikanische Soldaten, die nach einem Mitglied der Baath-Partei fahndeten, auf einen Hinterhof in Bagdad. Dort stapelte sich der Müll und stank. Die Anwohner verlangten von den Amerikanern ultimativ, sie sollten ihren Müll entfernen – natürlich dachten die gar nicht daran. Diese Art der Mentalität kennt man auch von manchen der gelernten Untertanen in der ehemaligen DDR und der Sowjetunion: es handelt sich um Spätfolgen, seelische Verwüstungen, die der Stalinismus hinterlassen hat.
Was soll man denn von einem totalitären Regime anderes erwarten? Dass es keine “seelischen Verwüstungen” hinterlässt? Vielleicht liegt Schönbohm doch nicht ganz so falsch.
Und hier noch ein Kommentar aus der FAZ.
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