Kollektivismus und Antikapitalismus

Thursday, August 18, 2005
Von Michael Kreutz

Der ehemalige Oberstleutnant der DDR-Kripo, Bernd Wagner, erklärt im “Spiegel”-Interview, inwieweit rechtsextreme Gewalt in Ostdeutschland ihre Wurzeln in der SED-Ära hat:

SPIEGEL ONLINE: Herr Wagner, welchen Einfluss hatten die SED-Herrschaft und die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR auf die Gewaltkriminalität und wirkt dieser Einfluss möglicherweise bis heute fort?

Wagner: Die Studien zu rechtsradikaler Gewalt, die ich erstmalig 1988 für das Innenministerium der DDR koordiniert habe, zeigen, dass es in den achtziger Jahren eindeutig Verrohungstendenzen gab, vor allem im Bereich der Jugendkriminalität und der rechtsradikalen Gewalt. (…)

In der DDR hat die Konservierung völkischer Denkelemente sehr stark zu Buche geschlagen, vor allem in den achtziger Jahren. Das war eine Mischung zwischen Kollektivismus und Sozialdarwinismus. Die Gewalt richtete sich schon damals stark gegen Ausländer, obwohl es kaum welche gab.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt die Verödung gewisser Landstriche im Osten für die Gewaltkriminalität heute?

Wagner: Die so genannte Anomie, also der Zustand geringer sozialer Ordnung, nach der Wende ist natürlich ein Problem. Leistungsträger sind abgewandert, und Jugendliche mit Chancen auf dem Arbeitsmarkt gehen auch. Einerseits nach Süddeutschland und Österreich, aber auch in skandinavische Länder. Das verändert das Klima in diesen Regionen. Es macht sich eine perspektivlose Jugendszene breit, zum Teil sind dies rechtsradikale Gruppierungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie definieren sich diese Gruppen?

Wagner: Vorrangig über den Verlust an Perspektive. Es gibt natürlich auch Leute, die sich antiwestlich gerieren, zumindest was das System betrifft, es geht also weniger um den Westler an sich. Der Kapitalismus und eine vermeintliche Ausländerschwemme werden häufig als Ursache dieser Perspektivlosigkeit betrachtet. Dies wird dann häufig als Legitimation für einen völkischen Nationalismus genommen.

Wagners Studienergebnisse waren bezeichnenderweise vom Innenministerium der DDR unter Verschluss gehalten worden, er selbst nach eigenen Angaben Repressionen ausgesetzt.

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