Nach Gaza (4)
Zweierlei Sichtweisen: In “This Week in Palestine” schreibt Diana Buttu, warum allein Israel vom Rückzug aus dem Gazastreifen profitiert. Einigen ihrer Thesen habe ich die gegenläufigen Ausführungen des n-tv-Korrespondenten in Jerusalem, Ulrich W. Sahm, gegenübergestellt:
Buttu über den Abzug allgemein:
The term “disengagement” is a misnomer: it implies that Israel will no longer control the Palestinians. Yet, under the terms of Israel’s plan, Israel will retain complete control over the occupied Gaza Strip as it will control all borders and crossing points (thereby controlling the movement of goods and people), Palestinian airspace and water space. Israel has also reserved itself the right to reinvade the occupied Gaza Strip at will, thereby ensuring its military control over the area. In effect, what Israel aims is to isolate the occupied Gaza Strip and cut it off from the rest of the world.
Sahm:
In der Tat will Israel seine eigene Grenze zum Gazastreifen schließen und auch den Zugang vom Meer kontrollieren, um das Einschmuggeln von Waffen zu verhindern. Ägypten soll die restlichen 11 Kilometer Grenze bewachen. Die Palästinenser können nach Ägypten ausreisen, der Warenverkehr soll aber über Israel geschleust werden. Denn solange die Palästinenser den Schekel als Währung benutzen und mit Israel eine Zollunion haben, sollen die Waren identisch mit Mehrwertsteuer und Zoll belastet werden.
+++
Buttu über die Lebensfähigkeit des Gazastreifens:
The area of the occupied Gaza Strip is 365 km2, and has an estimated Palestinian population of 1.3 million, living on 55 km2 of built-up land, making the Strip the most densely populated place on earth. In twenty years, the population of the Gaza Strip is expected to reach 2 million Palestinians.
Sahm:
Der Gazastreifen mit etwa 1,4 Millionen Einwohnern ist winzig: nur 360 Quadratkilometer. Der Landstreifen grenzt 11 Kilometer lang an Ägypten und 51 Kilometer an Israel. Hinzu kommen 40 Kilometer schönster Sandstrand. In Gaza drängen sich 3090 Menschen auf einen Quadratkilometer. Doch Bevölkerungsdichte allein ist kein Grund für Elend, denn sechs Länder sind noch dichter besiedelt: Macao, Monaco, Hongkong, Singapur und Gibraltar. In der Alterstruktur schlägt nur Uganda den Gazastreifen. Mit 48 Prozent unter 14 Jahren bedeutet Kindersegen einen Fluch. Die gleiche Statistik liefert mit 3,77 Prozent Bevölkerungswachstum weltweit die höchste Geburtenrate nach Afghanistan und Mayotte. 81 Prozent leben unter der Armutsgrenze. Kein Wunder bei vermutlich 60 Prozent Arbeitslosigkeit und einem Bruttosozialprodukt von 558 Dollar per Capita. Im Vergleich mit den ärmsten Ländern der Welt bildet der Gazastreifen ein Schlusslicht.
Große aber wohl wenig reale Hoffnungen setzen palästinensische Sprecher in den Tourismus. Der Strand könnte Besucher anlocken, aber die Hamas will keine Bikinis dulden.
+++
Buttu über Freihandel:
The PNA [Palestinian National Authority - MK] aims to revitalize the economy of the Gaza Strip by encouraging investment and hence creating jobs. However, in order to revitalize the economy Israel’s cooperation (and international support) is necessary. While the colonization of the Gaza Strip will end, Israel’s occupation of it will not. Currently, Israel strictly controls all access in and out of the occupied Gaza Strip, both for people and goods. If the current levels of absolute control continue, the Gaza Strip will be cut off from the occupied West Bank and the rest of the world, thereby turning the Gaza Strip into a large prison. For the Gazan economy to improve and for the evacuation of the Gaza Strip to be a model of success, Israel will have to ensure that Palestinians and their goods are provided free movement and that they are allowed to live without Israeli control over their lives and their economy.
Sahm:
Bisher war Gazas größtes Kapital die billige Arbeitskraft. Bis zu 122.000 Männer aus Gaza wechselten täglich nach Israel zur Tagelöhnerarbeit. Solange es kaum Terror gab, war der Zugang unkontrolliert. Mit der Rückkehr Arafats nach Gaza begannen israelische Schließungen. Ein elektronischer Zaun um Gaza schleuste den Menschenverkehr durch den Erez-Übergang. Mit Zunahme der Terroranschläge wurden die Kontrollen härter und langwieriger. Immer weniger Palästinenser erhielten eine Magnetkarte. Schließlich versickerte der Strom völlig.
+++
Buttu über den Erez-Industriepark:
The fate of the Erez Industrial Estate (EIE) remains in the hands of Israel. Currently, goods produced in the EIE do not undergo any security or other searches before entering the Israeli market. After the evacuation, the EIE will revert to the Palestinian public domain and, according to Israeli officials, goods produced there will be subject to Israeli searches as well as the existing back-to-back system for the movement of Palestinian goods. This will undoubtedly discourage investment and likely kill the prospects of the EIE (or any industrial area).
Sahm:
Eine beschränkte Alternative boten Industrieparks im Grenzgebiet. Israelische Unternehmer profitierten von billiger palästinensischer Arbeitskraft, während den Palästinensern die mühselige Reise nach Israel erspart blieb. Bis Anfang dieses Jahres “blühte” das Erez-Zentrum. 4000 Palästinenser verdienten halb so viel wie in Israel, aber doppelt so viel wie in Gaza, wo es kaum Arbeitsplätze gibt. Nach Selbstmordattentaten und Raketenangriffen wurde es den Israelis zu gefährlich. Die Palästinenser wurden entlassen und das Industriezentrum ist geschlossen.
+++
Buttu über die Zukunft des Flughafens von Gaza:
The Palestinian international airport was opened in 1998 by Presidents Clinton and Arafat and serviced Palestinians seeking to fly in and out of the occupied Gaza Strip. The airport operated under the strict control of Israel. In 2000, the Israeli army closed the airport and several months later destroyed the runway and control tower, with estimated damages exceeding USD $8 million. Following Israel’s evacuation, the PNA seeks to open the airport, but, to date, discussions with Israel have been inconclusive.
Sahm:
Von der internationalen Gemeinschaft finanzierte Infrastruktur fiel den kriegerischen Auseinandersetzungen zum Opfer. Das berühmteste Beispiel ist der “Jassir Arafat Flughafen”. Weil der damalige Palästinenserpräsent dreimal die Woche ins Ausland flog und kistenweise Waffen in den Gazastreifen schmuggelte, pflügte Israel die Landebahn um und stellte Arafat unter “Hausarrest”.
+++
Buttu über die Gewächshäuser aus der Konkursmasse der Siedler und die Wasserversorgung:
The greenhouses in the colonies produce organic food that is exported to European markets. The greenhouses are heavily subsidized by the Israeli government and water is shipped in from Israel owing to the polluted nature of the Gaza coastal aquifer. The greenhouses currently employ approximately 4,000 Palestinians. While, on face level, it may seem like a good idea for these greenhouses to be maintained, unless the free movement of the goods produced in these greenhouses can be guaranteed and unless the subsidies can be maintained, the greenhouses will be worthless.
Sahm:
Nur einen Tag vor Beginn des israelischen Rückzugs kam ein Vertrag zwischen israelischen Siedlern und amerikanischen Vermittlern zustande. Für einen Teil der Gewächshäuser sollen die Siedler Kompensation erhalten. Die amerikanischen Vermittler wollen diesen blühenden Industriezweig den Palästinensern weiterverkaufen. Wäre dieses Geschäft früher zustande gekommen, in direkter Kooperation, hätten die Palästinenser auf einen Schlag tausende Arbeitsplätze gewonnen und eine hochspezialisierte Landwirtschaft mit einem Umsatz in Millionenhöhe. So aber sind einige Triebhäuser abgerissen, einige wurden von Siedlern in Brand gesteckt und in anderen sind die Computer für die automatische Bewässerung von Orchideen, Weihnachtssternen und Nelken demontiert worden. Wie die Siedler wollten die Palästinenser bis zuletzt nicht glauben, dass Scharon es mit dem Rückzug ernst meinte.
–––Voraussetzung für die Landwirtschaft ist Süßwasser und das ist Mangelware. Seit Einrichtung der Autonomiebehörde 1994 wurden in vielen Hinterhöfen unkontrolliert etwa 400 Brunnen gegraben. Der Küstenstreifen “schwimmt” auf einem unterirdischen Süßwassersee, den Winterregen füllt. Doch der Raubbau des Wassers hatte eine unumkehrbare Folge. Seewasser aus dem Mittelmeer drückte sich in die leergepumpten Süßwasserschichten und versalzten das Wasser. Im Palestine-Hotel am Strand von Gaza hängt an jedem Wasserhahn ein Schild: “Kein Trinkwasser”. Zu genießen ist nur importiertes Mineralwasser. Das Argument, dass die Siedler den Palästinensern das Wasser “stehlen”, dürfte kaum stimmen, denn im Sommer wird Wasser aus dem See Genezareth auch in den Gazastreifen gepumpt. Neben 112.000 Tonnen Kochgas und 660 Millionen Kilowattstunden Strom bezieht der palästinensische Gazastreifen 13 Millionen Kubikmeter Wasser aus Israel.
Ähnliche Beiträge:
- Nach Gaza (2), August 18, 2005 | By Michael Kreutz
- Nach Gaza, August 9, 2005 | By Michael Kreutz
- Nach Gaza (3), August 18, 2005 | By Michael Kreutz
- Gaza, Sharon und der ewige europäische Pessimismus, August 15, 2005 | By Michael Kreutz
- “Gaza ist der Spiegel des Kapitalismus und der liberalen Demokratie”, December 30, 2008 | By Michael Kreutz
- “vom Meer bis zum Fluss….”, September 15, 2005 | By Michael Kreutz
- Israels Freunde, October 8, 2005 | By Michael Kreutz
- Spiegelbild, September 15, 2006 | By Martin Riexinger
Comments
Leave a Reply
You must be logged in to post a comment.




































