Deppentum im Kulturbetrieb # 2756

By Martin Riexinger · September 20, 2006

Dank des gestrigen Berichts über den Propagandaschinken “The Road to Guantanamo” auf 3-sat Kulturzeit erfuhr ich von einem Satz des Berlinale Direktors Dieter Kosslick, der mir seinerzeit entgangen war:

“Ich würde eigentlich ganz gerne die 450 Häftlinge, die entgegen jeglichem Menschenrecht auf Guantanamo einsitzen und gefoltert werden, auf dem roten Teppich begrüßen”

Die wüssten solche eine Ehrung durch die bei ihnen so beliebte Kunst der Cinematographie sicher zu schätzen, war doch Kabul unter den Taliban bekannt für seine vibrierende Filmszene.

Was von der unfrelektierten Wiedergabe der Statements ehemaliger Guantanamo-Häftlinge zu halten ist, hat Clemens Wergin anhand eines anderen Beispiels erklärt:

Jetzt lassen wir mal beiseite, dass es im Handbuch der Al Qaida genaue Anweisungen darüber gibt, was für Märchen man erzählen soll, wenn man gefasst wird. Aber man fragt sich schon, wie ein deutscher Verlag dazu kommt, solch eine Geschichte zu glauben. Ich meine, was hindert einen Waffennarr in Lyon daran, seine Leidenschaft in einem lokalen Sportschützenklub auszuleben? Und wenn es ihn nach Abenteuern verlangt, würde man so ganz ohne Vorwissen und Kontakte zu Islamisten darauf kommen, sich in einem Waffentrainingscamp in Kandahar/Afghanistan ausbilden zu lassen? Und was denkt man bei Heyne, weshalb ein islamistisches Netzwerk in Kandahar ein Waffenausbildungscamp betreibt - um bei den nächsten olympischen Spielen Medaillen für die Umma zu sammeln?
Sagen wir es so: Es muss schon eine Menge Pech und Zufall zusammenkommen, wenn so jemand wirklich nur ein harmloser Waffennarr ist. Was natürlich nicht heißt, das man ihn foltern darf - wenn das denn tatsächlich geschehen ist. Es heißt aber, dass man mit jemandem wie Sassi extrem vorsichtig sein sollte. Zumal ja offenbar nicht nur die Amerikaner, sondern auch die Franzosen Zweifel an seiner Unschuld hatten.

— Update 21.8.2006 —

Von Deutschlands Edelblatt erwartet man solch eine Ausdrucksweise nicht, treffend ist sie trotzdem:

Einen Spielfilm, der vorgibt, eine Dokumentation zu sein, nennt man „Mockumentary”, weil er bewußt irreführt. Winterbottoms Film aber ist etwas anderes. Man könnte ihn „Fuckumentary” nennen, denn ihm ist die Trennung der Genres egal.

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