Kaufabratung # 2

Wednesday, October 11, 2006
Von Martin Riexinger

Dass APO “Islamhassern” die Lektüre guter Bücher über den Islam empfiehlt, ist prinzipiell verdienstvoll. Nur sollten seine Vorschläge dieses Kriterium auch erfüllen. Reza Aslans “Kein Gott außer Gott” tut dies definitiv nicht. Warum schreibe ich zum Teil hier. Allerdings habe ich mich auf das Grundsätzliche beschränkt, da ich mein Zeichenlimit nicht überschreiten wollte, und die Rezension nicht in akademische Korinthenkackerei ausarten sollte. Trotzdem gibt es einiges nachzutragen. Einen Teil davon hat mir ein Rezensent abgenommen, von dem ich dies nicht unbedingt erwartet hätte:

Erst einige Seiten später wendet er sich dem ausführlicher zu. „Muhammads Überfälle” auf Karawanen seien zunächst „harmlos und sporadisch” gewesen. Die Karawanenführer selbst maßen ihnen keine besondere Bedeutung bei, sondern nahmen sie – angeblich arabischer Sitte folgend – als „unvermeidliches Übel” hin. Die Mekkaner, die doch immerhin tausend Bewaffnete zum Schutz ihrer Karawane aufboten, scheinen dies allerdings anders gesehen zu haben. Nachdem die Muslime nun mit 300 Freiwilligen den langen Weg nach Badr zwecks Karawanenüberfalls gemacht hatten, weigerte sich Muhammad zu kämpfen, „ohne angegriffen worden zu sein” – für Aslan anscheinend ein Zeichen dafür, dass Muslime Gewalt nur zur Verteidigung anwenden dürfen. Muhammad besinnt sich aber auf Anraten eines Freundes und beginnt den Kampf, bei dem ihm höhere Unterstützung zuteil wird: „Engel sollen auf das Schlachtfeld herabgestiegen sein, um Muhammads Feinde niederzumetzeln.” Jene Erfahrung könnte vielleicht die bei Uhud gezeigte Wut der Mekkaner hervorgerufen haben, aber Aslan diskutiert nicht weiter darüber. Auch rechtfertigt er nicht, warum er die Reihenfolge der Schlachten von Badr und Uhud in seiner Darstellung vertauscht. Ihm dürfte als kritischem Historiker bewusst sein, dass dadurch die Frage, wer wen zuerst angriff, das Problem der defensiven und offensiven Gewalt im Islam nicht eben einer Klärung zugeführt wird. Oder spricht der Autor hier als Apologet?
Noch einmal demonstriert Reza Aslan seine verwirrende Schreibkunst, als er über Muhammad und die Juden spricht. Die von Orientalisten oft kritisierte Vernichtung des jüdischen Stammes der Banu Quraiza durch die Muslime von Medina, nennt er zwar eine „düstere Episode”, zitiert dann aber ohne zu widersprechen einen Forscher, der so argumentiert: Kein jüdischer Clan in Medina hat aufbegehrt, beziehungsweise ist den Quraiza zu Hilfe gekommen, und das zeigt, dass die „Juden selbst dieses Ereignis als eine politischen, arabischen Traditionen folgende Maßnahme gegen einen Stamm betrachteten”. Dass die jüdischen Clans vielleicht einfach Angst gehabt haben könnten, das Schicksal der Quraiza teilen zu müssen, kommt Aslan nicht in den Sinn. Er sagt weiter, das Vorgehen gegen die Quraiza habe keinen Präzedenzcharakter für den Fortgang der muslimisch-jüdischen Beziehungen gehabt, auch nicht, als die Muslime „die noch verbliebenen jüdischen Clans von Medina – auf gewaltlose Weise – vertrieben”.
Auf gewaltlose Weise vertrieben! Reza Aslans Buch enthält mehrere solch denkwürdiger Formulierungen. Ein weiteres Beispiel, in dem es noch einmal um die Banu Quraiza geht: „Den Tod von nicht mehr als einem Prozent der jüdischen Bevölkerung Medinas als ,Völkermord‘ zu bezeichnen, ist nicht nur eine groteske Übertreibung, sondern ein Affront gegen jene Millionen von Juden, die tatsächlich die Greuel des Völkermords erleiden mussten.” Es wäre nicht überraschend, wenn ein Überlebender des Holocaust die Tötung des einen Prozents und die Verharmlosung dieser Tat für den eigentlichen Affront hielte.

Nicht minder peinliche Apologetik liefern folgende Ausführungen Aslans (S. 85):

Und so schockierend Muhammads Verbindung mit einem neunjährigen Mädchen für unser heutiges Empfinden sein mag, so handelte es sich hier lediglich um ein Eheversprechen, eine Art Verlöbnis. Aischa vollzog die Ehe mit Muhammad erst, als sie die Pubertät erreicht hatte, in einem Alter also, in dem in Arabien ausnahmslos jedes Mädchenals reif für die Ehe angesehen wurde.

Nun ist es an sich sinnvoll, dass davon abgesehen werden sollte, bei der Beurteilung historischer Persölichkeiten die zu ihrer Zeit herrschenden Wertvorstellungen nicht zu berücksichtigen. Im vorliegenden Fall verhält es sich jedoch anders, da eben dieser Vorgang bis ins 20. Jh. zur Legitimation früher Verheiratung von Mädchen diente (zum Streit über die “Child Marriage Restraint Bill” in Indien 1929/30: hier S. 427 – 429).
Auf S. 245f. unterstellt Aslan, Ziel der britischen Kolonialpolitik in Indien sei gewesen, die Bevölkerung zum Christentum zu bekehren. Das ist eklatanter Blödsinn, passt aber zum gegenwärtig verbreiteten Gerücht über aggressive evangelikale Missionierungskampagnen. Tatsächlich hatte die East India Company lange die Aktivitäten christlicher Missionare verboten. Der von Aslan zitierte Charles Grant hob dieses Verbot zwar auf, doch führte dies nicht zu aktiver Unterstützung christlicher Mission.
Über den britisch-indischen Bildungsreformers und Politikers Sayyid Ahmad Khans (1818-1898) schreibt er (S. 248):

1877 gründete Sayyid Ahmad Khan die Aligarh-Universität, deren wichtigstes Ziel die Wiederherstellung islamischer Größe mittels europäischer Bildung war. Sir Sayyid war zuversichtlich, daß es zu einer eigenständigen islamischen Aufklärung käme, wenn die islamischen Glaubensüberzeugungen und Praktiken im Licht im Licht des europäischen Rationalismus und wissenschaftlichen Denkens betrachtet würden. … . Den Studenden dieser Lehranstalt wurde beigebracht, sich von den fesseln der Ulama und der blinden Nachahmnung der islamischen Glaubensdoktrin (taqlid) zu befreien, da die Probleme, mit denen die Muslime in der modernen Welt konfrontiert seien, mit der überkommenen, veralteten Theologie nicht zu lösen seien.

Es ist zwar richtig, dass Sayyid Ahmad Khan als Reformtheologe in etwa diese Auffassungen vertrat, falsch ist jedoch, dass er sie an der von ihm gegründeten Lehranstalt propagierte. Er wuste wie kontrovers seine Lehren waren, und wollte seine Aktivitäten als Bildungsreformer dadurch nicht behindern. Stattdessen wurden traditionelle Gelehrte nach Aligarh geholt, um Religionsunterricht abzuhalten.

S. 267: 1915 sollen die Briten einen Aufstand von Abd al-Aziz Ibn Saud gegen die Osmanen mit Geld und Waffenlieferungen unterstützt haben. Nun kann man schlecht einen Aufstand gegen jemanden führen, dessen Herrschaft man gar nicht untersteht. Richtig ist dass die Briten Ibn Saud Waffen und Geld für den Kampf gegen einen mit den Osmanen verbündeten Stamm zukommen ließen. Doch kassierte Ibn Saud nur das Geld, ohne zum Kampf aufzubrechen. Aslan bringt hier offensichtlich die britische Politik gegenüber den Saudis mit der gegenüber den Haschemiten durcheinander, die sich tatsächlich während des Ersten Weltkriegs gegen die Osmanen erhoben. Etc., etc.
Würde man zu jedem Fehler eine knappe Korrektur verfassen, nähme eine Rezension wohl den doppelten Umfang des Buches an.


P.S.
Kaufabratung #1 findet man hier.

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2 Responses to “Kaufabratung # 2”

  1. [...] tertitel: “Das Beste aus fünf Jahren Al-Quaidaismus”) schon auf die Liste der Kaufabratungen setzen. Die WELT meldet übrigens Neues zum F [...]

    #9988
  2. [...] tertitel: “Das Beste aus fünf Jahren Al-Quaidaismus”) schon auf die Liste der Kaufabratungen setzen. Die WELT meldet übrigens Neues zum F [...]

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