Dahrendorf: “Welle der Gegenaufklärung”

Friday, October 13, 2006
Von Michael Kreutz

Die liberale Ikone Ralf Dahrendorf über die Redefreiheit und ihre Grenzen: Nicht Religionskritik und Religionsschmähung sind besorgniserregend, sondern ihre Beantwortung mit Gewalt:

Das ist der Kontext, in dem wir das Eindringen islamischer Tabus in die aufgeklärte, größtenteils nichtislamische Welt sehen können. Wir haben miterlebt, wie mit Gewalt und Einschüchterung die Tabus einer bestimmten Religion verteidigt wurden (…)

“Grösstenteils nichtislamische Welt” ist natürlich politisch hochgradig inkorrekt. Dahrendorf nimmt kein Blatt vor den Mund:

Solche Reaktionen, wie wir sie vor kurzem auf die Äußerungen von Ansichten, die manche beleidigend finden, miterlebt haben, verheißen nichts Gutes für die Zukunft der Freiheit. Es ist, als ob eine neue Welle der Gegenaufklärung über die Welt fege, bei der die restriktivsten Ansichten das Geschehen bestimmen. Es ist fraglich, ob die jüngsten Vorfälle einen “Dialog zwischen den Religionen” erfordern. Angemessener als eine Schlichtung scheint, dass in der öffentlichen Diskussion eindeutig für die eine oder andere Seite Stellung bezogen wird. Die Errungenschaften des aufgeklärten Diskurses sind zu wertvoll, um daraus verhandelbare Werte zu machen. Wir stehen jetzt vor der Aufgabe, diese Errungenschaften zu verteidigen.

Brav0! Dahrendorf ist einer der wenigen, die es aussprechen: Die Antwort auf Gewalt oder auch nur Einschüchterung kann nicht Dialog sein. Vielmehr gilt es, die Werte der Offenen Gesellschaft zu verteidigen. Und zwar – wie ich hinzufügen möchte – gemeinsam mit den säkularen Muslimen gegen die religiösen Fanatiker.

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