Der arme Tony Judt…

Tuesday, October 24, 2006
Von Martin Riexinger

… wird angeblich boykottiert, und das Blatt für den SPD-wählenden Oberstudienrat aus Ingolstadt kauft ihm das ab:

Ich wurde vor Monaten von der Organisation 20/20 eingeladen, bei einer Veranstaltung im polnischen Konsulat einen Vortrag zum Thema “Israel-Lobby und die amerikanische Außenpolitik” zu halten. Ungefähr drei Stunden vor dem Vortrag teilte mir die Vorsitzende der Organisation mit, die Veranstaltung sei abgesagt worden, weil die Anti-Defamation League und andere Organisationen Druck auf das polnische Konsulat ausgeübt haben.

Diese Aussage zeigt deutlich, den irrigen Begriff von Meinungsfreiheit, der bei vielen Linken verbreitet ist. Sie verstehen darunter offenkundig die Pflicht anderer, bei der Verbreitung ihrer Auffassungen behilflich zu sein, obwohl es gerade Bestandteil der Meinungsfreiheit ist, dies nicht zu müssen. Und so machte das polnische Konsulat in völlig legitimer Weise von seinem Hausrecht Gebrauch. Judts Recht, seine Auffassung auf anderen Foren zu verbreiten oder lukrative Buchverträge abzuschließen wird dadurch in keiner Weise beschnitten.

Weiter im Programm:

Ja, in zwei Formen. Da gibt es die Briefkampagnen und die öffentlichen Erklärungen in den Medien, das kriegt man natürlich mit. Was man eher nicht mitbekommt, ist der Druck, den diese Organisationen auf kleine Colleges, auf jüdische Gemeinden und manchmal auch auf nichtjüdische Gemeinden in kleinen Städten und Vororten ausüben – der Druck darauf, keine Leute einzuladen, die sie ablehnen. Halten sich die Schulen und Gemeinden nicht an die Empfehlungen, müssen sie mit Aktionen, Demonstrationen rechnen. Das ist mir und einem Kollegen in Riverdale passiert, als wir dort bei einem Symposium zum Nahen Osten sprachen.

Auf gut deutsch: “Wer vom Demonstrationsrecht Gebrauch machen darf, bestimme ich!”

Und das noch:

In Europa ist mir dies sonst nirgends begegnet – außer vielleicht in Polen, wo es eine neue politische Korrektheit gibt, die sich als super-pro-israelisch manifestiert, weil sie pro-amerikanisch sein wollen.

Man könnte ja mal darüber nachdenken, inwieweit das damit zusammenhängt auf welcher Seite die Palästinenser vor 1989 standen.

Schließlich:

Ich bin fest überzeugt, dass die Universitäten der einzige Ort sind, an dem wir dagegenhalten können. Die Rolle der Universitäten wird in Amerika in den nächsten Jahren äußerst wichtig sein.

Das mit dem ideologischen Graben zwischen den Universitäten und dem übrigen Amerika sieht er wohl richtig, wie diese Studie zeigt.

—Nachtrag 25.10.06—

Danke an Leser Statler für den Hinwies auf den Hitchens-Artikel über Tony Judt:

Professor Judt has a podium of his very own, at the Remarque Institute at New York University. He once invited me to speak there. He would not have invited me if I were a Kahane supporter and, though I defend the right of the Kach Party to hold its own meetings, I would protest if it were allowed to use the Remarque Institute for this purpose. This distinction seems worth making, at a time when free expression has much deadlier enemies who succeeded, for example, in preventing any of the editors who signed the Judt letter, as well as the magazine in which their letter appears, from publishing the Danish cartoons. To do that would have taken some nerve. This protest does not.

–––

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4 Responses to “Der arme Tony Judt…”

  1. Hitchens hat in seiner letzten Slate-Kolumne auch was schönes dazu geschrieben, das in die gleiche Richtung geht. Wer auch immer ein Podium organisiert, hat das Recht, sich seine Redner auszusuchen und ggf. auszuladen. Und Tony Judt ist sicherlich in seinen eigenen Netzwerken gut genug verankert, um an jedem zweiten Tag Veranstaltungen zu organisieren, auf denen er öffentlich seine Meinung sagen kann. Also soll er aufhören zu jammern.

    Übrigens fehlt oben der Link zur Studie (im letzten Satz).

    #10685
  2. N. Neumann

    Und so machte das polnische Konsulat in völlig legitimer Weise von seinem Hausrecht Gebrauch. Judts Recht, seine Auffassung auf anderen Foren zu verbreiten oder lukrative Buchverträge abzuschließen wird dadurch in keiner Weise beschnitten.

    Und dennoch war die Intervention der Anti-Defamation League eine Dummheit. Judt ist dem Anschein nach mehr ein naiver Spinner als ein Hetzer vom Kaliber eines Chomsky. Und sie gibt – in diesem Fall leider nicht ohne Grund – dem ewigen Dumpfgequatsche Nahrung, dass man an in den USA sowie andernorts im Westen zumindest jenseits der politischen Niesche nicht richtig was gegen Israel sagen dürfe und die jüdische Lobby über einen exorbitanten Einfluss verfüge. Zumal der Vertreter des polnischen Konsulats eben offenbar sinngemäß nicht gesagt hat Sorry, zum Zeitpunkt der Einladung war uns nicht klar, wen wir da eingeladen haben, deshalb laden wir ihn jetzt wieder aus.

    Im Endeffekt hat Judt nun ein Podium mit erheblich größerer Reichweite bekommen.

    #10803
  3. @ N.Neumann

    > wen wir da eingeladen haben, deshalb laden wir ihn jetzt wieder aus.

    Das polniche Konsulat hat niemanden eingeladen, sondern ein Verein, der vom Konsulat Räumlichkeiten zur Verfügung bestellt bekommt. Im Falle einer diplomatischen Einrichtung kommt natürlich hinzu, dass diese der offiziellen Politik verpflichtet ist.

    > Im Endeffekt hat Judt nun ein Podium mit erheblich größerer Reichweite bekommen.

    Ich glaube, das überscjätzen sie. Die Affäre bot den üblichen Verdächtigen einen Anlass ihr Gutsein zu demonstrieren. Allzu viel Aufsehen hat das nicht erregt.

    #10863
  4. N. Neumann

    Das polnische Konsulat hat niemanden eingeladen, sondern ein Verein, der vom Konsulat Räumlichkeiten zur Verfügung bestellt bekommt.

    Stimmt. Ich hätte präziser formulieren sollen …uns war nicht klar, wer da wie über was bei uns spricht, deshalb haben wir die Veranstaltung abgesagt. Was jedoch an der Schilderung des Vertreters des polnischen Konsulats, wie es zur besagten Absage kam, nichts ändert.

    Ich glaube, das überscjätzen sie.

    Ich denke nein. Der New York Review of Books sowie die Süddeutsche Zeitung, soviel ist sicher, dürften Tony Judt in dieser Angelegenheit eine erheblich größere kommunikative Reichweite beschert haben als der Vortrag im angedachten Rahmen. Und zwar im Hinblick auf jüdische Lobby gleichsam performativ: Judt durfte, fest anberaumt, einen Vortrag über “die” jüdische Lobby und amerikanische Außenpolitik halten und ein Teil* derselben tut ihm parallel dazu noch den Gefallen, eben dagegen nicht-öffentlich sowie erfolgreich zu intervenieren. Mit welchen Worten im Einzelnen auch immer.

    Wohlgemerkt: Ich halte die Intervention – genauer: die Art der Intervention – der ADL gegen Judts Vortrag für eine Dummheit, und nicht für einen Skandal erster Güte. Auch möchte ich im Umkehrschluss nicht etwa dafür plädieren, anlässlich von öffentlichen Diskussionsrunden oder Vorträgen unter mehrheitlich veritablen Demokraten zum Oberthema Israel tunlichst immer auch einen spinnerten Israel-Basher** einzuladen, um bloß dem Mantra zu entgehen, dass “man gegen Israel nichts sagen darf”. Gegen Ressentiments helfen selten Argumente. Allerdings sollte niemand Ressentiments gegen Israel, wie die ADL in diesem Fall, auch noch mit einem Argument beliefern.

    Die Affäre bot den üblichen Verdächtigen einen Anlass ihr Gutsein zu demonstrieren.

    Sicher, auch. Sie veranlasste aber andererseits einige andere, die wohl kaum zu den üblichen Verdächtigen gezählt werden können, einen in Bezug auf den Vorgang kritischen, öffentlichen Brief an den Vorsitzenden der ADL zu unterzeichnen.

    Ob es z.B. Benjamin Barber, Ian Buruma, Jörg Lau, Avishai Margalit, Fritz Stern und Leon Wieseltier dabei um ihr Gutsein ging, kann bezweifelt werden. (Was meiner Einschätzung nach übrigens auch für einen der beiden Verfasser, Mark Lilla, gilt, dessen kritische Position zum Krieg gegen Saddam geharnischtere Liberale zwar nicht teilen müssen, aber dennoch respektieren können.)

    Der Artikel bzw. der offene Brief:

    http://www.nybooks.com/articles/19550 (Direkter Link via Lau funktioniert nicht mehr)

    Jörg Laus Kommentar zum Affärchen kann ich mich mit ein paar Abstrichen anschließen:

    http://blog.zeit.de/joerglau/2.....-kritik_38

    *Sinnigerweise nicht AIPAC, dem seitens der üblichen Verdächtigen ansonsten stets herausragende politische Steuerungskompetenzen zugeschrieben werden.

    **Das wäre auch aus Gründen des Proporzes völlig unfair. Hardcore Likudniks oder Mitglieder der Redaktion-Bahamas sieht und hört man dagegen z.B. auf deutschen Podien vergleichsweise selten.

    #10870

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