Warum sind die Neokonservativen gescheitert?
Daran, dass die naiverweise die kulturellen Eigentümlichkeiten des Nahen Ostens nicht wahrhaben wollten, behauptet der ihnen oft fälschlich zugerechnete Martin Kramer:
And there’s the rub. There is a growing suspicion that maybe the problem isn’t us, it’s them—it is some complex interaction of culture, history, and economy that is the obstacle to a successful democratic transformation.
I say “suspicion” deliberately. The idea of an Arab exception has always been anathema on the left and in Middle Eastern studies, for obvious reasons. But it has been anathema on the right as well. President Bush (following Ronald Reagan) has attacked “cultural condescension,” and no one wants to be guilty of that. So we have to keep our suspicions to ourselves.
Daraaus folgt für ihn aber nicht, dass es gilt mit Tyrannen zu kungeln. Nur müsse eine auf Demokratisierung abzielende Politik das Selbstverständnis der Menschen im Nahen Osten in ihr Kalkül einbeziehen:
The only exit from our own self-centered chauvinism is to begin to think systematically about the way the Arab world is different, and then to formulate a true Plan B—a plan not fixated on elections, or even on democracy, but on the kind of freedoms whose suppression has been most resented in the region. Those freedoms are not the ones we necessarily value. They are collective, not individual; and they revolve around identity, not interests. There is a yearning for freedom—of a kind I call freedom of identity.
Take Iraq, for example. Saddam suppressed the classic individual freedoms: speech, assembly, association. There wasn’t and still isn’t any constituency prepared to fight for any of them. But people rebelled time and again when he denied their freedom of identity: Kurds did it, Shiites did it, tribes did it. They were prepared to fight for a kind of freedom.
… This is hardly a liberal longing—you can yearn for this freedom and still sanction honor killing. But this is the hand we have been dealt, and our reluctance to play the cards is hurting us.
Zur Katastrophe geworden sie die Irakpolitik, weil sie entgegen dieser Einsicht, am Bestreben festhielt, den Einheitsstaat zu retten.
–––… The most oppressive Middle Eastern states have been large, diverse ones, ruled by minorities in the name of a big ideology. By nature, these regimes will be authoritarian, even despotic. Compact entities with secure majorities are more likely to democratize, and to accord full political rights to minorities.
Israel is such a democracy: it has extended full political and linguistic rights to its Arab minority precisely because its Jewish majority is secure. Iraqi Kurdistan may be on the same path. It is often said that the breakup of Iraq would mean ethnic cleansing on a massive scale. But minority enclaves probably have a better chance of surviving where majorities feel themselves reasonably secure and enjoy explicit recognition of their political status. We might have done better to promote this sort of freedom in Iraq from the outset.

Problem ist natürlich, was man bei einer Teilung mit Bagdad machen soll.
Martin Kramer schreibt: “Those freedoms are not the ones we necessarily value. They are collective, not individual; and they revolve around identity, not interests.”
Ist das tatsächlich so?
Das Problem ist doch, dass Individuen keine andere Chance haben, als sich auf Kollektive zu verlassen: Familie, Clan, Relgionsgemeinschaft.
Man kann das als “vormodern” bezeichnen. Das war in Europa auch nicht anders.
Dann aber kam der moderne Staat, der Sicherheit lieferte: Rechtssicherheit und Absicherung für Notfälle. Das ermöglichte Individualismus – Unabhängigkeit von den Zwangsbidungen von Familie, Clan und Religionsgemeinschaft.
In der Nah- und Mittelostregion gibt es diesen modernen Staat schlichtweg nicht, oder nur in schwacher Ausprägung. Deshalb haben Individuen gar keine andere Wahl, als sich auf die “vormodernen” Gemeinschaften zu verlassen.
Im Irak kann man das sehr schön studieren.
Hätte man dort Staatsstrukturen geschaffen, zuverlässige Institutionen, dann wären die Individuen nicht gezwungen gewesen, in “vormoderne” Struturen zurückzufallen. Dazu aber hätte es eines zuverlässigen und leistungsfähigen Staates bedurft: eines Staates, der Sicherheit schafft, Infrastruktur aufbaut, Rahmenbedingungen für Wirtschaft bereitstellt und eine Notfallversicherung bietet.
Weil es einen solchen Staat nicht gibt, zwingt man die Menschen in die Zwangsstrukturen von Familie, Clan und Religionsgemeinschaft.
Der Fehler von Leuten wie Kramer ist, dass sie diese Strukturen für “kulturell” halten. Das ist unpolitisch gedacht.
Was fehlt, ist moderne Staatlichkeit, die Individualismus und Entfaltung ermöglicht. Im Irak, und anderswo in der Region.
Der Versuch, moderne Staatlichkeit aufzubauen, wurde in der Region nicht ernsthaft unternommen. Insofern ist es leicht, zu behaupten, der Araber sei nun einmal “anders” und wolle es so.
Moderne Staatlichkeit ermöglicht Emanzipation des Individuums von Zwangsbindungen der Familie, des Clans, der Religionsgemeinschaft. Sie schafft einen Rahmen, in dem sich Individuen entfalten können – weitgehend unabhängig von dem Zufall, in welche Verhältnisse sie hineingeboren sind.
Eine Romantisierung der Zwangsgemeinschaften, wie wir sie seit der Politischen Romantik kennen (Novalis: “Es waren einst herrliche Zeiten…”), bis hin zur feministischen Begeisterung für das Leben unter dem Schleier in den achtziger Jahre, ist nicht angebracht. Sie übersieht den Zwangs- und Repressionscharakter solcher Zwangsgemeinschaften, inklusive offener Gewalt.
Und sie übersieht, dass in solchen vormodernen Verhältnissen Talente und Fähigkeiten ungenutzt bleiben, brach liegen, weil sich Individuen nicht entfalten dürfen.
Das ist eben der Durchbruch der Moderne: dass solche Talente genutzt werden, jenseits den strengen Vorschriften der vormodernen Zwangshierarchien. Auf der Nutzung dieser Talente beruht die Freiheit und Prosperität moderner Gesellschaften.
Der Staat als Voraussetzung für eine gesellschaftliche Stärkung des Individuums ist eine interessante These. Wäre sie richtig, dann dürfte es aber im rechtsstaatlichen Deutschland unter Einwanderern solche “Zwangsbindungen” nicht geben. So einfach ist es aber nicht. In den Worten von Necla Kelek:
Daher meine Gegenthese: Zuallererst bedarf es eines Bewusstseinswandels, auf dessen Grundlage dann ein liberal-demokratischer Staat errichtet werden kann.
Dem Rest Deiner Ausführungen stimme ich allerdings zu. Diese Zwangsgemeinschaften zu romantisieren ist ein schwerer Fehler.
@ US, MK
In dem Text werden Zwangsgemeinschaften nicht romantisiert, sondern es wird in Betracht gezogen, dass sie romantisiert werden und es wird gefordert, dass dieser Sachverhalt bei politischen Entscheidungen in Betracht gezogen werden muss. Daher der Vorwurf, Kramer an die Neokonservativen, sie hätten vermutet, nach einem Sturz des diktatorischen Systems ergebe sich die Demokratie von selbst. Ich meine durchaus, dass die Neokonservativen die Situation im Nahen Osten fälschlicherweise als Analogie zu Osteuropa hinter dem Eisernen Vorhang betrachtet haben. Und selbst in diesem Fall war es ja nicht so, dass sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus überall Musterdemokratien bildeten. Und dass bei einer Aufreihung der postkommunistischen Staaten entlang einer Achse von Demokratie zu absurden Diktaturen Slowenien am einen Ende der Skala steht und Türkmenistan am anderen könnte vorsichtig formuliert durchaus etwas mit kulturellen Faktoren zu tun haben.
Unabhängig von Kramer halte ich es für einen weiteren Denkfehler der Nrokonservativen, dass sie die diktatorischen Strukturen im Nahen Osten für die Entstehung des islamistischen Terrorismus verantwortlich machen. Abgesehen davon, dass gerade auch in europäischen Demokratien terroristische Bewegungen entstanden, hat sich gerade Marokko zu einer Hochburg des radikalen Islamismus entwickelt, obwohl das Königreich in den letzten Jahren in vorbildhafter Weise demokratisierte.
Überspitzt könnte man sagen, man merkt den Neokonservativen an, dass sie früher Linke waren. Sie meinen immer noch, dass Täter eigentlich Opfer seien.
Ich betone noch einmal: Dies richtet sich nicht gegen die Vorstellung der Neokonservativen, dass es legitim ist, gegen Diktaturen militärisch vorzugehen, wohl aber gegen naive Vorstellungen hinsichtlich der Errichtung einer politischen Ordnung nach deren Sturz.
Problem ist natürlich, was man bei einer Teilung mit Bagdad machen soll.
Das Problem betrifft nicht nur Bagdad. Die ethnischen bzw. religiösen Trennlinien innerhalb des Iraks verlaufen mithin auch nördlich von Bagdad (Gebiete mit sunnitischer und kurdischer Bevölkerung) und südlich von Bagdad (Gebiete mit sunnitischer und schiitischer Bevölkerung) nicht in dem Maße markant, wie es durch manche grafische Darstellungen in der Tages- und Wochenpresse nahe gelegt wird.
Herr Speck Herr Kreutz
Warum gibt es in Deutschland unter den Immigranten Bindungen an die Herkunft, also Familie, Sprache und Religion. Das ist allerdings die zentrale Frage
Ihr Fehler ist, der mir langsam aber sicher gewaltig auf die Nerven geht, aber typisch liberal ist.
Sie betrachten sich selbst nur als Individuen, die ihre Talente und Fähigkeiten entfalten.
Haben Sie das jenseits einer Gemeinschaft getan?
Nein.
Dem Rechtsstaat voraus ging die Bildung neuer meistens freiwilliger Gemeinschaften, die sich nicht durch die Herkunft der ihr angehörigen Menschen definieren, sondern durch die Gegenwart und die Zukunft, durch Gemeinsamkeiten, die sich durch ihre individuelle Entwicklung ihrer Fähigkeiten und Talente entwickelt haben.
Sie sind zwar den Gemeinschaften ihrer Herkunft meistens entflohen (bis auf die Familien, in denen immer der gleiche Beruf ausgeübt wird), bauen aber neue Gemeinsamkeiten zu Menschen auf, die gänzlich anderen Familien, Regionen und Sprachregionen entstammen.
Das gleiche gilt für die islamische Welt. Neue Gemeinschaften müssen in ihnen wachsen, die Menschen gleicher politischer Einstellungen, gleicher beruflicher Lebenswege oder gleicher Lebensziele vereinigen. Im wirtschaftlichen Bereich sind das zum Beispiel Unternehmen.
Man merkt, daß Sie beide in Berufen arbeiten, die nicht unbedingt Team Arbeit erfordern.
Dem Rechtsstaat voraus ging die Bildung neuer meistens freiwilliger Gemeinschaften
Haben Sie sich das selber ausgedacht oder woher haben Sie das?
die sich nicht durch die Herkunft der ihr angehörigen Menschen definieren, sondern durch die Gegenwart und die Zukunft, durch Gemeinsamkeiten, die sich durch ihre individuelle Entwicklung ihrer Fähigkeiten und Talente entwickelt haben
Was sollen das konkret für Gemeinschaften sein?
N. Neumann
darf ich ihre Aufmerksamkeit auf den umfangreichen Briefwechsel der frühen Naturwissenschaftler lenken. Zum Beispiel. Die haben sich oft nicht einmal gesehen, bildeten aber trotzdem eine Gemeinschaft. Die Maler, die Komponisten die Architekten bildeten Netzwerke
In unserer Zeit sind das zum Beispiel Gesellschaften wie die der Chemiker, Vereine wie die der Ingenieure.
Auch Sie mit ihrem blog sind eine solche Gemeinschaft im Kleinen. Oder WMD. Ihre blogroll bildet auch eine solche Gemeinschaft.
Die Mitarbeiter in einem Unternehmen können auch so eine Gemeinschaft sein. Die Kruppianer, die Rotfabriker.
Oder die Studentenverbindungen. Ich zum Beispiel bin auch ein ElCh, das steht für Elektrochemie. Ich reagiere auf Glückauf, das ist vom Studium, ich reagiere auf Glückzu, das ist Müllerei
Glückauf, Herr Neumann
Na, die These, dass die freiwilligen Gemeinschaften dem Rechts- (und Sozial-)Staat vorangingen, ist wohl nicht ganz zutreffend.
Das Ancien Regime war gekennzeichnet durch korporative Verbände, durch Zwangsgemeinschaften.
Erst die Gewerbefreiheit und die Versammlungsfreiheit sowie andere frühliberale Freiheitsrechte haben im 19. Jahrhundert die Zwangsgemeinschaften entwertet und aufgelöst (beim Marx heißt es “verdampft”).
Diese Freiheiten aber kamen nicht von unten, sondern vom Staat. Der napoleonische Staat war hier wegweisend.
Auch das moderne Ehe- und Familienrecht wurde nicht “von unten” geschaffen, sondern von oben.
Es waren aufgeklärte, liberale Eliten, die über den Staat diese Freiheitsräume schufen.
Erst wenn diese Freiheitsräume bestehen, und zwar gesichert bestehen, können es Individuen wagen, sich aus dem stählernen Gehäuse der Zwangsgemeinschaften zu lösen und Freiheits- und Entfaltungschancen wahrzunehmen.
Wenn der Staat schwach ist, oder kaum existiert, bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als sich auf die Sicherheit der gesellschaftlichen Netzwerke zu verlassen, und das sind, traditionaler Weise, eben Familie, Verwandtschaft, Clan, Religionsgemeinschaft. Dort ist man traditionellen Autoritäten unterworfen, denen man sich fügen muss.
Erst die Befreiung von diesen Autoritäten (Emanzipation) hat das Potenzial entfaltet, das zur Modernisierung führte.
Herr Speck
ich habe nicht behauptet, daß die endgültige Zersetzung der Zwangsgemeinschaften nicht durch den Staat erreicht wurde.
Wollen Sie etwa behaupten, daß das Wirken der
> aufgeklärten, liberalen Eliten,
vorher keine Freiräume und freie Gemeinschaften schuf? Das diese Freiräume nicht von allen Menschen, sondern erst von wenigen Menschen genutzt werden konnten, ist natürlich unstrittig. Aber diese Vorläufer waren notwendig, damit es überhaupt zu einer Bewegung kam, die ihre Vollendung durch staatliche Maßnahmen fand
> Es waren aufgeklärte, liberale Eliten, die über den Staat diese Freiheitsräume schufen.
Eben, aber die musten erstmal entstehen und die schlossen sich nicht in Zwangsräumen, sondern in von ihnen geschaffenen Freiräumen zu freiwilligen Gemeinschaften zusammen.