Geopolitische Phantastereien

Monday, January 9, 2006
Von Michael Kreutz

Geopolitik ist eine Versuchung für Politikwissenschaftler und Journalisten, das wirtschaftliche und politische Machtgefüge der Welt einmal mit dem ganz dicken Pinsel zu zeichnen. Da ist dann immer von Machtblöcken die Rede, von Krisenbögen, Einflusspolen, Sphären und Zivilisationskreisen. Weil ein derart opulent geschildertes Szenario in der Zukunft spielt, ist es voller Spekulation. Aber warum sich um die Niederungen der Internationalen Politik kümmern, wenn man mit der Geopolitik im Sauseschritt über den Globus rauschen kann, dass es nur so eine Freude ist! Und die epische Breite des Themas täuscht über die Wolkigkeit der Ausführungen leicht hinweg.

Einer, der sich an eine geopolitische Skizze für das Jahr 2026 wagt, ist ein Mark Leonard, Direktor für Auswärtige Politik am »Centre for European Reform« in London. Er macht sich in der »Welt am Sonntag« so seine Gedanken, wie die Welt in zwanzig Jahren aussehen könnte. Und zwar unter der Voraussetzung, dass »die Geopolitik die heute erkennbare Richtung fortsetzt.« Ob sie das tut, ist eben die Frage, die keiner beantworten kann. Denn nichts auf der Erde ist so beständig wie der Wandel. Aber man kann ja mal ein bisschen spekulieren:

Im Jahr 2026 wird Chinas Volkswirtschaft größer sein als die der USA… Es wird erbitterte globale Auseinandersetzungen um Erdöl, Wasser und Fachkräfte geben.

Kommt darauf an. Nämlich, inwieweit neue Energiequellen wie Wasserstoff ihrer Erschliessung harren und inwieweit China seinen Bedarf aus dem Atom decken kann. Aber wir spekulieren ja nur…

Die Privatisierung der Vernichtung – von Computerfreaks, die aus ihren Jugendzimmern heraus ein weltweites Chaos anrichten, bis hin zu Terroristen, die sich auf dem internationalen Markt mit Massenvernichtungswaffen eindecken – wird es Individuen und kleinen Gruppen ermöglichen, Nationalstaaten den Kampf anzusagen. Diese Anfälligkeit könnte zu einer Art “defensivem Imperialismus” führen, bei dem mächtige Staaten kleinere übernehmen, um zu verhindern, daß diese zur Brutstätte feindlicher Gruppierungen dienen.

Fragt sich, wie das funktionieren soll. Mächtige Staaten übernehmen kleinere — das geht einfach so? Wenn Computerfreaks in Manila Chaos anrichten, werden die Philippinen gleich von Australien einkassiert?

Alte Zivilisationen wie China und Indien werden Begriffen wie “Demokratie”, “Freiheit” und “Rechtsstaatlichkeit” ihren eigenen Stempel aufdrücken.

Logik ist nicht des Meisters Stärke. Entweder werden diese Länder demokratisch und frei, oder sie werden es eben nicht. Wie soll man etwas abstraktem wie der Freiheit seinen »eigenen Stempel« aufdrücken können? Wenn man Freiheit kulturell bedingt definieren kann, was bleibt dann von der Essenz des Begriffes?

Im Rausch der Wörter (»Diese vierpolige Welt wird von zwei Trennlinien durchzogen sein … Der wichtigste Machtpol… Eine erweiterte Eurosphäre… Leuchtfeuer… globale Renaissance des Glaubens… vorderste Frontlinie…«) schimmert dann aus dem Nebel der Gedanken der alte europäische Kontinent auf, dessen Schicksal Leonard in seiner Glaskugel so skizziert:

Um dieses Kerneuropa herum werden sich weitere 70 Staaten aus dem früheren sowjetischen Machtbereich, dem Nahen Osten und Afrika gruppieren, die wirtschaftlich von der Eurosphäre abhängig sind – und die nach und nach europäisiert werden.

Wo der Autor seine Vermutung herleitet, bleibt unklar. Dass Länder wie Libyen, Syrien oder Turkmenistan (wenn er auf diese anspielen sollte) in den kommenden zwanzig Jahren europäisiert werden, scheint mir alles andere als selbstverständlich. Welche Staaten aus dem früheren Sowjetbereich sind überhaupt gemeint? Weissrussland und Ukraine? Das könnte ich mir vorstellen. Aber bei dem ehemals sowjetischen Orient sehe ich dafür keine Anzeichen. Alles ziemlich schwammig. Aber Zeit zum Denken bleibt nicht, denn schon geht es im Eilschritt weiter nach Ostasien:

Das wirtschaftliche Wachstum Chinas wird für jene Diktatoren ein Leuchtfeuer sein, die ihre Länder ohne Machtverlust modernisieren wollen.

Vorausgesetzt, dass China sich nicht wandelt. Das aber ist nicht sehr wahrscheinlich, denn das Regime in Peking muss mehr und mehr Zugeständnisse an den Rechtsstaat machen, um das wirtschaftliche Wachstum halten zu können. Dazu gehört auch die Entwicklung eines Rechtswesens und zunehmend demokratische Zugeständnisse. Gewiss, wenn Funktionäre der KP auf unteren Ebenen seit neuestem durch Gremien gewählt werden, macht das aus China noch keine Demokratie, aber es zeigt, dass der chinesische Riese nicht so autokratisch weitermachen kann wie bisher. Möglicherweise steht dem Land ein Schicksal bevor wie das der einstigen Militärdiktaturen in Südkorea und Taiwan. (s. z.B. Peter Schulz: Die zweite Revolution, in FAZ vom 28.12.05, S. 6, über China: “in den vergangenen dreissig Jahren hat es neben und im Schatten der unübersehbaren Wirtschaftsreformen eine zweite Revolution gegeben — die des Rechts.”)

Und schlussendlich geht es in vollem Tempo zurück in den Nahen Osten:

Während es einigen Ländern des Nahen Ostens – etwa dem Libanon, Palästina und dem Iran – gelingen wird, eine Form islamischer Demokratie zu entwickeln…

Das ist, gelinde gesagt, Unsinn. Denn eine islamische Demokratie gibt es ebensowenig wie eine christliche und was wir im Libanon haben, ist eine wiederhergestellte Demokratie, aber keine islamische, im Iran ohnehin nur eine Farce, und in Palästina eine Hoffnung.

Aber die Niederungen des Irdischen liegen eben ausserhalb abgehobener geopolitischer Analysen.

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One Response to “Geopolitische Phantastereien”

  1. Ich denke, nicht geopolitisches Denken als solches ist ein Fehler, sondern wenn man der falschen geopolitischen Theorie anhängt. Und selbst dieselbe Grundidee kann richtig oder falsch sein, wenn man sie monokausal anwendet, die falschen Schlüsse daraus zieht oder sich innerhalb besagter Theorie für die falsche Seite entscheidet. Ich stimme aber zu, daß es sich in diesem konkreten Fall mehr oder weniger um Kaffeesatzleserei handelt.

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