Orientierungslos

Friday, October 13, 2006
Von Stephanie Sellier

Es gibt viele politische Journalisten, deren Ansichten ich nicht teile, aber keinen, dessen kunstvoll gefältelte Schreibe ohne erkennbaren moralischen Kompass mich so auf die Palme bringt wie die des ZEIT-Journalisten Jochen Bittner. Kürzlich bot mir mein RSS-Feeder folgenden Blog-Eintrag von Bittner an:

Die Polizei hat also in Osnabrück einen Iraker festgenommen, der Terrorbotschaften im Internet verbreitet haben soll. Aus Sicht eines Journalisten kann ich zunächst einmal nicht anders als reflexhaft zu fragen: Was, bitte, soll denn so schlimm daran sein, al-Qaida-Propaganda zu verbreiten?

Lassen Sie sich diese Frage bitte noch einmal auf der Zunge zergehen:

Was, bitte, soll denn so schlimm daran sein, al-Qaida-Propaganda zu verbreiten?

Allein deswegen müsste man Bittners neu erschienenes Buch “Beruf Terrorist” (Untertitel: “Das Beste aus fünf Jahren Al-Qaidaismus”) schon auf die Liste der Kaufabratungen setzen. Die WELT meldet übrigens Neues zum Fall des Irakers:

„Die bisherigen Ermittlungen zeigen […], dass wir an der richtigen Person dran sind“, sagte [Bundesanwalt Rainer] Griesbaum. Nach seiner Ansicht handelt es sich bei dem 36-Jährigen um einen „extremen Islamisten“, der sich selbst als „Dschihadist und Kämpfer“ bezeichnet.

Gleich mit der Meldung über die Verhaftung des Irakers war bekannt geworden, dass dieser schon seit Monaten observiert worden war, so dass der polizeiliche Zugriff auf ihn sofort in einem Kontext weiterer Verdachtsmomente gesehen werden musste. Ob sie vor Gericht letztlich in toto standhalten werden, ist eine andere Frage, aber die Generalbundesanwaltschaft ging bei der Verhaftung offenbar nicht gegen einen x-beliebigen Ahmed-Normal-Muslim vor, der sich rein analytisch mit Islamismus-Videos befasste, wie etwa das von Bittner in einem schrägen Vergleich aufgeführte MEMRI.

Ich bin sicher auch dagegen, Islamismusverdächtige vorschnell zu verurteilen, aber irgendeine Basis wird die Generalbundesanwaltschaft schon gesehen haben, den Iraker aus Georgsmarienhütte unter lautem Getöse zu verhaften – und die hüstelnde Sophistik des studierten Juristen Bittner ist dem blutigen Thema m. E. völlig unangemessen.

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