Der Islam, das Bilderverbot und die Freiheit der Rede
“Muslims seem to forget that just because they are prohibited from representing the prophet in any way, this does not apply to everybody else”, schreibt die streitbare ägyptische Kommentatorin Mona El-Tahawy in “muslim wakeup“. Einige Überlegungen zum aktuellen Streit um die Mohammed-Karikaturen in der dänischen “Jyllands-Posten”:
1. Man kann sich darüber streiten, ob die Zeichnungen in der Jyllands-Posten nun harmlos waren (wie Henryk M. Broder meint) oder nicht. Aber grundsätzlich sollte klar sein, dass die Beleidigung oder Schmähung des religiösen Glaubens anderer Menschen nicht einfach eine Frage von Meinungsfreiheit ist. Von den in der Jyllands-Posten abgedruckten Karikaturen war mindestens eine von herabsetzendem Charakter, nämlich das Bild, das Mohammed mit einer Lunte im Turban abbildete. Ich sehe keinen Grund, warum ich dieses Bild einfach um der Meinungsfreiheit willen veröffentlichen sollte, denn ebensowenig habe ich das Bedürfnis, mein Eintreten für Toleranz mit der Verbreitung von antichristlichen oder antijüdischen Karikaturen zu dokumentieren. Das wäre widersinnig.
2. Behauptungen zu verbreiten - seien diese wahr oder nicht,- die die Dogmen irgendeiner Religion in Frage stellen (Henryk Broder nennt hier das Beispiel von den Dinosaurier-Abbildungen), ist selbstverständlich von der Meinungsfreiheit geschützt. Eine Religion oder deren Stifter grundlos und aus reiner Häme lächerlich zu machen, verbietet sich dagegen von selbst. Es ist auch ein Unterschied, ob ich als Katholik einen derben Witz über den Papst reisse, oder ob ein Nichtkatholik das tut. Im ersten Falle mag man es als Zeichen von Eigenhumor sehen, im zweiten Falle klingt es leicht nach Überheblichkeit. Mohammed-Karikaturen in der Zeitung eines islamischen Landes sind daher eine Sache. In einem nicht-islamischen Land veröffentlicht, haftet ihnen dagegen der Geruch von Selbstgerechtigkeit und Hochmut an.
3. Wiederum eine andere Sache ist, wie jemand, der seinen Glauben herabgesetzt sieht, darauf reagiert. Sowenig es einen Grund gibt, Angehörige einer Religion pauschal verächtlich zu machen, sowenig kann es einen Grund geben, im gegenteiligen Falle mit Gewalt zu reagieren. An den Reaktionen in islamischen Ländern fällt zweierlei auf: Zum einen die Brutalisierung der Auseinandersetzung, zum anderen die Neigung, nicht nur die Redaktion der Jyllands-Posten, sondern gleich ganz Dänemark, und mehr noch: die westliche Welt für die Karikaturen haftbar zu machen.[1] Diese Einstellung ist auf keinen Fall hinnehmbar. “Perhaps the Muslim governments who spearheaded the campaign - led by Egypt - felt this was an easy way to burnish their Islamic credentials at a time when domestic Islamists are stronger than they have been in many years” vermutet Mona Eltahawy. “Muslims must honestly examine why there is such a huge gap between the way we imagine Islam and our prophet, and the way both are seen by others. Our offended sensibilities must not be limited to the Danish newspaper or the cartoonist, but to those like Fadi Abdullatif [islamischer Extremist, der zur Tötung dänischer Abgeordneter aufrief. -MK] whose actions should be regarded as just as offensive to Islam and to our reverence for the prophet. Otherwise, we are all responsible for those Danish cartoons.”
Übrigens waren Abbildungen von Mohammed keineswegs immer und überall in der islamischen Welt ein Tabu. Vor allem in Persien gibt es zahlreiche Bilder des Propheten, zumeist solche, die die Himmelfahrt Mohammeds (miʿrāǧ) zeigen (Koran 17,2; 53, 14-19; s. auch den aktuellen Beitrag in der “Times”). Ein Bild aus dem persischen Meʿrāǧ-Nāme (15. Jhd.):

—
[1] Z.B. hier: http://www.alghurabaa.co.uk/articles/new/cartoon.htm
–––Ähnliche Beiträge:
- Dänemark gegen den Rest der Welt, February 1, 2006 | By Michael Kreutz
- Irakische Christen unter Druck, February 5, 2006 | By Michael Kreutz
- Hysterie der Zeloten, February 5, 2006 | By Michael Kreutz
- Das Image des Islam, March 9, 2006 | By Michael Kreutz
- Pakistan Penal Code § 295 C, February 8, 2006 | By Martin Riexinger
- Islamophobie? Islamophobie!, February 16, 2006 | By Michael Kreutz
- Der islamische Methusalem, November 2, 2005 | By Michael Kreutz
- Das Testament des Attentäters von Tel Aviv, April 18, 2006 | By Michael Kreutz
Comments
10 Responses to “Der Islam, das Bilderverbot und die Freiheit der Rede”
Leave a Reply
You must be logged in to post a comment.





































Sehr respektabele Differenzierung! Hut ab! Eine ebenso differenzierte (im engeren Sinne) _politische_ Würdigung fehlt noch.
Zitat: “Mohammed-Karikaturen in der Zeitung eines islamischen Landes sind daher eine Sache. In einem nicht-islamischen Land veröffentlicht, haftet ihnen dagegen der Geruch von Selbstgerechtigkeit und Hochmut an.”
Tut es das? Also nach dem Motto: “Keine Einmischung von außerhalb des Systems!”.
2 Ansätze von unterschiedlichen Seiten her:
1) Nach Maxim Gorki: “Man muss nicht in einer Bratpfanne zu liegen, um über ein Schnitzel zu schreiben.”
2) Als offensichtlich nachgeborene Deutsche/Österreicher eine unabkömmliche Überlegung: Demnach wäre jedes Auftreten von Außen gegen das Naziregime illegitim, um es mit Deinen Worten zu sagen: selbstgerecht und hochmütig gewesen.
Hat man keine Argumente und will auch keine andere Meinung als die eigene akzeptieren, ist es natürlich das bequemste, zu sagen: Als Nicht-Betroffener kann/darf man dazu nichts sagen. Unter anderem das liebste Argument von totalitären Staaten, wenn man sie z.B. aufruft, die Todesstrafe zu ächten.
@ jotbewe
es geht nicht um einmischung in politische systeme. von politischen systemen ist in meinem beitrag überhaupt nicht die rede.
Entschuldige, aber ich muss fragen: Reitet der Typ tatsächlich ein Reh mit dem Kopf einer Frau?
… auch burāq genannt. jedenfalls hat das tier nichts furchteinflössendes an sich.
Zitat aus obigem Beitrag:
Von den in der Jyllands-Posten abgedruckten Karikaturen war mindestens eine von herabsetzendem Charakter, nämlich das Bild, das Mohammed mit einer Lunte im Turban abbildete. Ich sehe keinen Grund, warum ich dieses Bild einfach um der Meinungsfreiheit willen veröffentlichen sollte…
Richtig - wenn es denn nur darum gegangen wäre. Es gibt aber eine Vorgeschichte, nämlich die, dass ein Autor keinen Zeichner für Bilder von Mohammed in seinem Buch fand. Hintergrund der Karrikaturen war die Frage, ob sich tatsächlich niemand mehr traut, solche Bilder anzufertigen, die Angst also schon so tief sitzt. Und das ist meiner Meinung nach sehr wohl an berichtigtes Ansinnen einer Zeitung und keine Provokation der Provokation willen.
Gruß,
Loc
Einspruch und zwar entschieden.
1. Wer definiert, ob etwa Beleidigung und Schmähung ist? Damit wird den Vertretern religiöser Auffassungen ein Vetorecht in der öffentlichen Debatte zugesprochen.
2. Warum sollen ausgerechnet Religionsstifter einem Kritikverbot unterliegen? Ob die Karikatur dafür das geeignete Mittel ist, darüber kann man debattieren. Aber unter Kollegen, ob das (überlieferte) Verhalten Muhammads (al-uswa al-hasana) gegenüber Gegnern und Kritikern etwas gegenwärtigen politischen Situation zu tun hat, darf nicht tabuisiert werden. Die Karikatuuren wurden daneben ja auch nicht grundlos gezeichnet, wie bereits mein Vorposter bemerkt hat, sondernum zu belgen, dass die bereitschaft zur Selbstzensur noch nicht den gesamten Mediensektor erfasst hat, (und außerdem wird auf einer der Karikaturen die “Jyllands Posten” von einem muslimischen Karikaturisten geschmäht). Abgesehen von der bereits von meinen Vorgängern diskutierten Frage, wieso Kritik nur von Insidern vorgebracht werden dürfe, zeigen die Vorgöänge um die Karikaturen unmissverständlich, dass die Fragen nicht allein von Relevanz für mehrheitlich muslimische Gesellschaften sind. Dies gilt umso mehr, als bestimmte westliche Regierungen nicht mehr Selbstzensur verlangen, sondern das Recht auf Religionskritk abschaffen wollen, wie in Großbritannien, wo dieser Versuch erfreulicherweise am Widerstand des an sich obsoleten Oberhauses gescheitert ist.
Hochmut ist vielleicht manchmal sinnvoller als Demut.
ein missverständnis! ich spreche überhaupt nicht von einem verbot im juristischen sinne, sondern von TAKT. dass selbstverständlich auch die TAKTLOSIGKEIT von der meinungsfreiheit geschützt ist, habe ich unter punkt 3 dargelegt.
Hallo Herr Michael Kreutz,
die Seite “Mohammed Image Archive” unter http://www.zombietime.com/mohammed_image_archive/ hat eine schöne Übersicht über historische Bilder Mohammeds. Allerdings fehlt in der Sammlung Ihr Bild. Der Autor freut sich über Zusendungen von nicht bereits von ihm veröffentlichten Bildern. Die Mailadresse ist mohammeddepictions@zombietime.com Da ich die Herkunft ihrer Darstellung nicht genauer kenne, möchte ich es ihm nicht selber zukommen lassen.
[...] also die ganze Aufregung? Regelmässige Leser dieses Blogs werden sich vielleicht noch daran erinnern, dass in der Auseinandersetzung u [...]