Islamophobie! Islamophobie?

Thursday, February 16, 2006
By Michael Kreutz

Was ist dran an dem Vorwurf der Islamophobie? Häufig taucht dieser Vorwurf auf, wenn harsche Kritik an Zuständen in der islamischen Welt geübt wird. Ist es aber überhaupt vertretbar, Erscheinungen wie den islamisch motivierten Terrorismus als logische Konsequenz der koranischen Lehre zu betrachten? Werden Menschen einfach dadurch zu Terroristen, dass sie in der heiligen Schrift ihrer Religion Aufrufe zum Kampf lesen? Ein paar Gedanken zu dieser Problematik.

I.
Es ist richtig, dass der Koran viel Kriegerisches enthält. So heisst es in Sure 8 »Die Beute«: »O Prophet, sporne die Gläubigen zum Kampf (qitāl) an…« (65). Das hier gewählte Wort »qitāl« ist eindeutig auf den Kampf mit Waffen bezogen und nicht als »Anstrengung« oder »Mühe« zu interpretieren (wie das zweideutige »ǧihād«). Andererseits gibt es aber auch Barmherziges. In Sure 55 »Der Barmherzige« wird geschildert, wie Gott den Menschen das irdische Leben versüsst: »Die Erde hat er für die Menschen hingelegt« (11). Es liessen sich noch viele Beispiele für beide Aspekte anbringen. Fakt jedenfalls ist: Im Koran gibt es Kriegerisches UND Barmherziges. Und diese Eigenschaft teilt der Koran mit der Hebräischen Bibel ebenso wie mit dem Neuen Testament. Andererseits gibt es Traditionen im Islam, die keine Basis im Koran haben. Dazu gehört z.B. der Ritus der Beschneidung, der im Koran überhaupt nicht erwähnt wird, und in der Prophetentradition (Sunna) nur vage begründet wird. Warum aber gibt es Menschen, die im Namen des Islam morden?

II.
Nach Aussage von Matthäus 10,34 soll Jesus gesagt haben: »Meint nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« Tatsächlich ist der liebende Jesus eine Erscheinung der Renaissance. Im Unterschied zur Islamischen Welt gibt es im christlichen geprägten Europa einen ausgeprägten Säkularismus. Säkularismus heisst, dass die Heilige Schrift in Europa keine unhinterfragbare Autorität mehr darstellt. Sie wird von dem einen geschätzt, von dem anderen geschmäht und vom dritten mit Gleichgültigkeit belegt. Der Grund, warum es auf der Welt keine Selbstmordattentate christlicher Fundamentalisten gibt, hat nicht mit der Botschaft der Liebe im Neuen Testament zu tun, sondern weil die Aufklärung das religiöse Eifertum überwunden hat. Fragt man christlich sozialisierte Europäer, warum sie nicht oder selten in die Kirche gehen, vorehelichen Sex haben und die österliche Fastenzeit missachten – also lauter Dinge tun, die im Widerspruch zu ihrer Religion stehen -, m.a.W.: wie sie ihr Verhalten mit der Bibel in Einklang bringen, so werden sie in den allermeisten Fällen antworten: »Gar nicht!«. Sie werden darauf insistieren, dass sie sich von der Kirche oder von der Bibel doch nicht vorschreiben lassen, wie zu leben haben. Das ist in den islamischen Gesellschaften des Nahen Ostens anders.

III.
Kein Zweifel: Die islamische Welt hat ein Modernisierungsproblem. Die mangelnde Freiheit des Individuums, eine rückständige Wirtschaft und hohe Analphabetenrate sprechen eine deutliche Sprache. Nur Islamwissenschaftler bestreiten das heutzutage noch. Die Ursache dieses Modernisierungsproblems ist jedoch nicht der Islam als religiöses Denkgebäude. Ein Beispiel: Im Libanon gibt es, genauso wie auch z.B. in Israel, keine Zivilehe. Nun kommt es aber durchaus vor, dass ein bikonfessionelles Paar heiraten möchte. In solch einem Fall ist eine Trauung bei den religiösen Institutionen des Landes nicht möglich. Da der libanesische Staat allerdings im Ausland geschlossene Ehen anerkennt, bleibt dem schiitischen Libanesen, der seine griechisch-orthdoxe Braut ehelichen möchte, nur der Gang über die Grenze, meist nach Zypern. Als nun vor rund zehn Jahren der damalige libanesische Minsterpräsident Hariri den Vorschlag machte, im Libanon die Zivilehe einzuführen, damit bikonfessionelle Paare nicht mehr nach Zypern reisen müssen, um zu heiraten, da protestierten die Vertreter aller grösseren Denominationen des Landes: Die islamische Geistlichkeit ebensosehr wie die christlich-orthodoxen Patriarchen. Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, dass mangelnder Säkularismus nicht allein ein Problem der islamischen Gesellschaften ist, sondern des Nahen und Mittleren Ostens insgesamt. Die Ursache für den Rückstand der islamischen Welt, bzw. den Nahen Ostens kann jedoch nicht auf den Kolonialismus und Imperialismus zurückgeführt werden. Denn wie sonst wäre zu erklären, warum andere Gesellschaften, deren Länder ebenfalls unter Kolonialismus und Diktatur zu leiden hatten, einen immensen politischen wie wirtschaftlichen Fortschritt zu verzeichnen haben? Als Beispiele sei hier nur auf die baltischen Länder oder Südkorea verwiesen.

IV.
Es fällt auf, dass es unter muslimischen Intellektuellen kaum echte Säkularisten gibt. Selbst solche, die sich dafür halten, argumentieren meist ihrer eigenen Anschauung zuwider. »Alles, was mit eurer Religion zu tun hat, bringt zu mir, aber in euren weltlichen Angelegenheiten seid ihr die Experten« ist eine Aussage Mohammeds, mit dem muslimische Befürworter einer Trennung von Staat und Religion gern argumentieren. Mit dieser Argumentation aber versuchen sie, dem Säkularismus eine religiöse Legitimation zu verschaffen. Und widersprechen damit ihrer eigenen Forderung nach einer Trennung von Weltlichem und Religiösem. Auch der in Köln lebende iranische Philosoph Aramesh Dustdar vertritt die Auffassung, dass die iranische Kultur auf einer unterschwelligen religiösen Einstellung basiert, die ein Verständnis der modernen Welt unmöglich macht.[1] Die These von einem mangelnden Säkularismus als Schlüssel zu den Problemen der islamisch-nahöstlichen Welt hat zuletzt erst wieder der Historiker Dan Diner überzeugend dargelegt. In der gegenwärtigen Auseinandersetzung um religiöse Formen der Intoleranz und des Terrorismus geht es nicht um eine Auseinandersetzung zwischen christlichem Westen vs. muslimischem Orient, sondern um die Verfechter der Freiheit gegen die Eiferer islamischer Rigidität. »It is a tragic mistake to lump all Muslims with the forces of darkness«, schreibt völlig zu recht der amerikanische Orientalist Daniel Pipes. »Moderate, enlightened, free-thinking Muslims do exist. Hounded in their own circles, they look to the West for succor and support.« Natürlich hat es seinen Grund, warum fast aller Terrorismus, der sich religiös legitimiert, im Namen des Islam ausgeübt wird. Der Koran, bzw. der Islam ist aber nicht Ursache eines gesellschaftlichen Misstands – er ist vielmehr das ideologische Vehikel gesellschaftlicher Kräfte, die ihren Widerstand gegen die moderne Welt mit ihrem Säkularismus und Liberalismus aus Furcht vor einem Zerfall gesellschaftlicher Werte begründen. Aus dieser Opferpose heraus glauben religiöse Fanatiker sich im Recht, wenn sie Attentate begehen und Dissidenten einschüchtern.

V.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die meisten Opfer terroristischer Selbstmordattentate im Irak Muslime sind, ebenso die meisten Folter- und Exekutionsopfer der iranischen Diktatur, und auch bei den Anschlägen von 9/11 waren Muslime unter den Opfern. »We dissidents could ready ourselves psychologically for a life of risk, arrest, and imprisonment. But we could never fully prepare ourselves for the disappointment that came from seeing the free world abandon its own values.” Was der ehemalige Sowjetdissident Sharansky hier beklagt, könnte genausogut aus dem Munde islamischer Dissidenten kommen und ist zuweilen auch zu vernehmen. Islamophobie ist genausowenig begründbar, wie eine »Viktimologie«, »in der Muslime nur als leicht entflammbare Opfer auftauchen«, wie Mariam Lau treffend formuliert. Die Ursachen für den islamisch motivierten Terrorismus und ebensolche Intoleranz werden nämlich letztlich nicht im Koran zu finden sein, sondern in der Opferpose nahöstlicher Gesellschaften, die eher geneigt sind, ihr Unheil ausländischen Einflüssen zuzuschreiben, als dem eigenen Versagen. Und hier sind die islamischen Gesellschaft selbst gefordert, den Weg in die Moderne einzuschlagen. Der Westen muss daher die Vorkämpfer solcher Veränderung unterstützen, anstatt sie durch eine pauschalisierende Islamophobie mit denen über einen Kamm zu scheren, deren religiöse Intoleranz sie bekämpfen.


[1] Ich danke Frau Amirsedghi, mich auf das Werk von Herrn Dustdar aufmerksam gemacht zu haben.

+++
NACHTRAG:

Noch eine Anmerkung: Wenn ich sage, dass mangelnder Säkularismus nicht allein ein Problem der islamischen Gesellschaften ist, sondern des Nahen und Mittleren Ostens insgesamt, dann schliesse ich Israel ausdrücklich aus. Ich beziehe mich allein auf die islamische und arabische Welt im Nahen Osten.

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8 Responses to “Islamophobie! Islamophobie?”

  1. Wenn die Säkularisierung die Lösung ist, muss Religion das Problem sein.

    #523
  2. Ja sicher doch! Nur kommt es nicht so sehr darauf an, was im Koran steht. Radikale Muslime werden immer das im Koran lesen, was sie lesen wollen.

    Die Frage ist nicht, ob es im Koran Handlungsanweisungen zur Gewalt gibt. Sondern, warum sich nicht wenige Muslime dazu berufen fühlen, solche Handlungsanweisungen in die Tat umzusetzen.

    #524
  3. Wobei es natürlich nicht allein auf den Koran ankommt. Zu bedenken ist, dass für die Rechtspraxis dem Beispiel des Propheten sehr viel mehr Gewicht zukommt.

    #525
  4. @ M. Riexinger

    Richtig, ich hatte die Prophetentradition nur kurz erwähnt. An der Fragestellung ändert das aber nichts.

    #526
  5. Man muss gegenüber “Fachfremden” nur immer wieder darauf hinweisen, weil die Kenntnis von deren Relevanz nicht vorausgesetzt werden kann.

    #527
  6. Das hast Du schön gesagt.

    #528
  7. Bubick

    Endlich habe ich etwas anständiges für mein Referat gefunden. Wir simulieren eine Gerichtsverhandlung, in der die erste Gruppe Europa für ihre Kriege und zerstörerischen Idden anklagt. Die zweite Gruppe verteidigt Europas wegen ihrer Idee der Demokratie und die Industrialisierung. Die dritte Gruppe muss dann ein Urteil fällen. Lange Rede kurzer Sinn: Danke für die Informationen! Werde die Seite auf jeden Fall weiter empfehlen und auch mal wieder reinschauen…

    #7845
  8. Hobbes

    Zum Quran: Die besagten “militanten” Suren werden id. Regel den sog. “medinischen Suren”, also den späteren, zugeordnet, während die friedlicheren noch aus der mekkanischen Anfangszeit des Propheten stammen – also vor dessen Flucht aus Mekka.
    Wobei aber gilt, dass jüngere Suren ältere “bei Bedarf” aufheben, so sie im Widerspruch stehen.

    Oder wie bereits Blaise Pascal erkannte: “Jesus ließ sich ermorden, Muhammed ließ morden.”
    Und daran lässt sich mit noch soviel gutem Willen nichts heruminterpretieren.
    Auf welchem Stein steht gemeiselt, dass Religionen zwingend gut, tolerant oder friedlich sein müssen?
    Das ist Wunschdenken!

    #12323

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