Frau Karakaşoğlu hat sich schlau gemacht

Friday, February 17, 2006
Von Martin Riexinger

Eigentlich wollte ich zum Manifest von 60 “Migrationsforschern” gegen Necla Kelek und andere nichts sagen. Das Nötige haben die betreffende selbst, Alice Schwarzer (FAZ 11.2.2006) und Annette Reimann mit ihrem Bericht über Seyran Ateş in aller Deutlichkeit gesagt.

In einem Interview mit der Jungle World, antwortet eine der Initiatoren, Professor Karakaşoğlu auf die Gegenkritik, Keleks, Phänomenen wie Zwangsehe und Ehrenmode vorgeworfen hatte, Phänomenen wie Zwangsehe und Ehrenmode zu tabuisieren. Nun erklärt Karakaşoğlu, dass es leider zu wenige Studien dazu gebe (”vereinzelte Diplomarbeiten”, Preisfrage: wer vergibt denn an Universitäten die Themen?). In dem Manifest wird dagegen polemisiert, dass auf der Website “Gegen Zwangsheirat” (einer Neuköllner Initiative) nur Literatur angeboten wird, die diese Praktik als spezifisch islamisch erscheinen lässt. In dem Interview klagt sie ein, dass Studien vernachlässigt werden, die Zwangsehen als kulturübergreifendes Phänomen darstellen.

Bereits im Jahr 2001 hat Unicef auf das weltweite Problem der Zwangsheirat aufmerksam gemacht. Darüber hinaus gibt es einen Bericht des Britischen Innenministeriums von 2005 über Zwangsheirat, in dem ebenfalls auf die kulturenübergreifende Praxis der Zwangsverheiratung hingewiesen wird. Darüber hinaus kenne ich den Forschungsstand über Zwangsehen in anderen Kulturen nicht.

Abgesehen davon, dass die genannte Website sich nicht an ein Publiukum wendet,, dass mal eben Berichte im Soziologenenglisch liest, verhält es sich so, dass sowohl die Daten im Bericht der UNICEF als auch dem des Home Office eindeutig zeigen, dass Frühehen, bzw. von den Eltern bestimmte Gattenwahl in muslimischen Ländern respektive Migrantencommunities besonders häufig sind. Die britische Studie ist von daher besonders interessant, als sich bei den indischstämmigen Briten ein grundlegender Wandel erkennen lässt, während bei den muslimischen Gruppen (Pakistanis und Bengalen) nur eine schwache graduelle Abkehr von diesn Praktiken zu beobachten ist. Wie wurden nun aber Zwangsehen in dem Aufruf „Gerechtigkeit für die Muslime“ erklärt:

Arrangierte Ehen sind unter anderem die Folge von »Heiratsmärkten« zwischen Herkunfts- und Einwanderungsländern. Solche »Märkte« muss man nicht begrüßen, aber man sollte ihren Entstehungskontext begreifen: Sie sind das Ergebnis der Abschottungspolitik Europas gegenüber geregelter Einwanderung. Wenn es keine transparenten Möglichkeiten zur Einwanderung gibt, nutzen die Auswanderungswilligen eben Schlupflöcher. Das ist ein politisches und kein moralisches Problem. In diesem Sinne macht es keinen – schon gar nicht wissenschaftlichen – Sinn, solche Phänomene pauschal »dem Islam« zuzuschreiben, der dann ebenso pauschal der westlichen Zivilisation gegenübergestellt wird.

In vom bösen Westen unberührten islamischen Gesellschaften scheinen arrangierte Ehen also völlig unbekannt zu sein. Dies ist ein schönes Beispiel für die Weltsicht nicht nur der „Migrationsforscher“, sondern auch mancher Islamwissenschaftler und „Nahostexperten“. Muslime erscheinen bei ihnen als modellierbare Masse, deren Verhaltensmuster allein als Reaktion auf westliche Vorgaben erklärt werden, während indigenen Faktoren keinerlei Bedeutung zugesprochen wird.

Eine Auflistung der Publikationen der Unterzeichner findet sich in dem von mir sonst nicht sehr geschätzten Blog Fakten und Fiktionen. Außerdem etwas empirische Nachhilfe: Eine baden-württembergische Studie über Zwangsehen kommt zu folgendem Ergebnis: “95 % der Betroffenen, von denen die Religionszugehörigkeit bekannt ist, gehören dem Islam an. Vier Betroffene sind Christen, eine Betroffene gehört dem Hinduismus an.”

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3 Responses to “Frau Karakaşoğlu hat sich schlau gemacht”

  1. [...] n Riexinger: Karacaer Pfui, Herr Pflüger! Pluraler Monokulturalismus (2) Arabozentrismus Karakasoglu

    [...]

    #3507
  2. [...] der Ehrenmord überwiegend Reaktionen auf Anpassungsschwierigkeiten sind? Martin Riexinger schrieb auf diesem Blog: In vom bösen [...]

    #8746
  3. [...] ion der syrischen Frauenbewegung Steine in den Weg gelegt werden. — Siehe auch: • Frau Karakaşoğlu hat sich schlau gemacht [...]

    #29098

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