Frommes Kapital
Ein verbreitetes Missverständnis mit Blick auf die Türkei besteht darin, dass ein europäisierter, an Atatürk orientierter Bevölkerungsteil mit den rückständigen islamischen Massen in Konflikt stehe. So westlich ist der Kemalismus jedoch nicht, denn auf wirtschaftlichem Gebiet setzte er strikt auf Planung statt auf Privatinitiative. Das führte nach dem Ende des zweiten Weltkriegs öfters zu einer Allianz aus westlich orientierter Bourgeoisie und der traditionell religiös orientierten Bevölkerung. Die einen lehnten den Kemalimus aus ökonomischen, die anderen aus kulturellen Gründen ab. Unter Menderes, Demirel und Özal behielt innerhalb der türkischen Rechten jedoch immer die westliche orientierte Oberschicht die Zügel in der Hand, auch wenn sie in kulturellen Fragen erhebliche Zugeständnisse machte. Inzwischen hat sich das Kräfteverhältnis aber zugunsten des religiösen Lagers verschoben. Das liegt auch am wirtschaftlichen Erfolg vieler mittelständischer Unternehmer in der türkischen Provinz. Wobei der Begriff Mittelstand nicht mehr auf alle zutrifft. Über den Chef der Albayrak Holding und des islamisch geprägten Industriellenverbandes MÜSİAD[1], Ömer Bolat, berichtet das Schweizer Magazin “FACT” (dank an Abla). Aus ökonomischen Interesse heraus befürworten er und vergleichbare Geschäftsleute den Beitritt zu EU. Auf kulturelle Affinität darf man daraus nicht schließen:
Beten, wenn der Muezzin ruft. Fasten, wenn Ramadan ist. Verträgt sich das mit dem hektischen Leben eines Unternehmers? «Wer bei Müsiad dabei ist, hat keine Mühe, den Tag nach den religiösen Geboten einzuteilen.» Und wer gegen die Gebote verstösst? «Den schliessen wir aus», sagt Ömer Bolat und fügt hinzu, dass dies auch mit jenen Unternehmern geschehe, die nicht bereit seien, wohltätige Organisationen mit grosszügigen Spenden zu unterstützen. Islamische Organisationen? Ömer Bolats mildes Lächeln verrät, dass er den Hintergedanken der Frage verstanden hat: «Wir unterstützen Kinderkrippen, Schulen, Spitäler – keine militanten Gruppen.»
Mehr Hintergrund über diese neue religiöse Unternehmerschaft, die ganz wesentlich Erdoğans AKP stützt, enthält der Bericht “Islamic Calvinists” (PDF) der European Stability Initiative vom vergangenen September. Dort wird vor allem die Entwicklung der zentralanatolischen Stadt Kayseri zum Zentrum der türkischen Möbelindustrie dargestellt (Ostwestfalen aufgepasst!).
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[1] MÜSİAD steht offiziell für Verband unabhängiger Industrieller und Geschäftsleute. Allerdings darf man unterstellen, dass mit dem M für “müstakıl” (unabhängig) die Assoziation “müslüman”, also muslimisch, heraufbeschworen werden soll.
+++ Nachtrag+++
Jetzt hat es auch die BBC gemerkt.
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