Nationales Projekt?

Monday, March 20, 2006
Von Michael Kreutz

Regelmässige Leser dieses Blogs wissen, dass ich gegen die Darstellung des iranischen Atomprogramms als ein nationales Anliegen der Bevölkerung, wie es uns einige Nahostexperten, die sich als Lautsprecher des Teheraner Regimes betätigen, weismachen wollen, mehrfach gewichtige Argumente angeführt habe. Der Online-Dienst MEMRI berichtet nun über eine Umfrage, die diese Sichtweise bestätigt. MEMRI beruft sich auf das dissidente Online-Journal “Rooz”, das sich seinerseits auf ein nicht genanntes Umfrageinstitut im Iran bezieht. Demnach sollen

„69 Prozent der Iraner das iranische Atomprogramm nicht als ein nationales Projekt betrachten.“

„86 Prozent der Iraner sind der Meinung, dass das Atomprogramm sich nicht lohne, falls ein Krieg der Preis dafür wäre.“

Das deckt sich mit meinen Informationen. Leider lässt sich die Umfrage nicht nachprüfen, da – wie gesagt – das entsprechende Institut nicht genannt wird. (MEMRI nennt leider keine URL. Die Original-Meldung findet sich hier.)

Wir bleiben am Ball.

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2 Responses to “Nationales Projekt?”

  1. N. Neumann

    Regelmässige Leser dieses Blogs wissen, dass ich gegen die Darstellung des iranischen Atomprogramms als ein nationales Anliegen der Bevölkerung, wie es uns einige Nahostexperten, die sich als Lautsprecher des Teheraner Regimes betätigen, weismachen wollen, mehrfach gewichtige Argumente angeführt habe.

    Ja, aber der Ausgangspunkt dafür war ein Artikel von Eckart Lohse in der FAS:

    http://blog.transatlantic-foru.....-geht-auf/

    Der besagte Artikel kann via FAS nicht mehr kostenfrei aufgerufen werden; daher derselbe Artikel via Link zur FAZ:

    http://tinyurl.com/mxtc5

    Daraus:

    Die Härte, mit der Teheran versucht, sein Atomprogramm durchzusetzen, ist nicht nur dem aggressiven Nationalismus des Präsidenten Ahmadineschad geschuldet, sondern hat auch etwas mit der Geschichte des modernen Irans zu tun. Denn das Land gründete seinen Unabhängigkeitskampf und die Entstehung seines nationalen Selbstbewußtseins in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf das Streben nach der souveränen Verfügung über das eigene Öl, über das vor allem die britischen Kolonialherren eine harte Hand hielten…

    Man kann Lohse u.a. dafür kritisieren, dass er seinen Artikel nicht ideologiekritisch genug gehalten hat.

    …Obwohl er [Mossadegh] viele seiner Versprechen gegenüber der Bevölkerung nicht einhalten konnte, blieb er lange ein Idol in der iranischen Bevölkerung [nicht: ist bis heute ein Idol]. Die “New York Times” schrieb im Rückblick auf die Ereignisse jener Jahre: Er wurde zum Gefangenen seines eigenen Nationalismus, dem es nicht gelang, in der Ölfrage einen Kompromiß zu erzielen. Doch er wurde zur Ikone des Antiimperialismus.

    Dass die Bevölkerung des heutigen Irans hinter dem Atomprogramm stünde* oder Lohse sich als Lautsprecher des Regimes betätigen würde, ergibt sich aus dem Artikel jedoch nicht. Auch dann nicht, wenn Lohse im gegebenen Kontext auf einen auch außerhalb von antiimperialistischen Kreisen weithin unbestrittenen Sündenfall britischer und amerikanischer Außenpolitik rekurriert.

    Dass man in Teheran aus gegebenem Anlass bestrebt ist, den “Energie-Aspekt” des vorrevolutionären iranischen Nationalismus aufzuwärmen und ihn in den aggressiven Nationalismus der schiitischen Revolution zu integrieren, verwundert jedenfalls nicht.

    Mehr noch, das instrumentelle Verschwurbeln von iranischem Nationalismus und schiitischer Revolution ist nicht nur ein alter Hut, sondern hatte zumindest auch einen realen Hintergrund: Nicht alle Akteure bzw. Anhänger der schiitischen Revolution waren bekanntlich glühende Schiiten und Chomeineisten. Und viele glühende Schiiten und Chomeineisten waren (und sind es bis heute) auch von nationalistischen Affekten beseelt.

    *Ausgenommen vielleicht für Amirpuristen und Nirumandianer

    #718
  2. auf lohse hatte ich gar nicht mal angespielt, sondern auf gewisse nahostexperten.

    Dass man in Teheran aus gegebenem Anlass bestrebt ist, den “Energie-Aspekt” des vorrevolutionären iranischen Nationalismus aufzuwärmen und ihn in den aggressiven Nationalismus der schiitischen Revolution zu integrieren, verwundert jedenfalls nicht.

    klar! verwundern tut mich eher, dass einige leute hierzulande das einfach so übernehmen.

    #720

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