Die Lüge von der Lüge
Stellen Sie sich vor, ein vielfacher Mörder hat sich in seinem Haus verschanzt, während ihm die Polizei zu Leibe rückt. Stellen Sie sich weiter vor, dass die Polizei bereits mehrere Ultimaten gestellt hat, bevor sie sich entschliesst, das Haus zu stürmen. Die Polizisten tragen selbstverständlich kugelsichere Westen, denn der Mörder hat mehrere seiner Opfer mit einem Gewehr umgebracht, sodass Vorsicht geboten ist. Nun sieht der Delinquent die Polizisten sich seinem Haus nähern. Was wird er tun?
Das naheliegendste wäre, sich zu verteidigen oder zu fliehen. Wenn das nicht möglich ist, dann bleibt nur noch eins: Wenigstens die Tatwaffe, das corpus delicti, verschwinden zu lassen. Oder etwa nicht? Sie ahnen schon, worauf ich hinauswill: Ein solches Szenario könnte die Erklärung sein, warum die alliierten Truppen nach der Entmachtung Saddams bis heute keine Massenvernichtungswaffen im Irak finden konnten.
Ich gebe zu: Ich habe nicht den geringsten Beweis dafür, dass die Dinge so gelaufen sind. Und es gibt Hinweise, dass dieses Szenario nicht zutrifft. Aber es stellt eine Möglichkeit dar und solange wir diese Möglichkeit nicht ausschliessen können, kann niemand behaupten, George Bush habe gelogen, als er Saddam des heimlichen Besitzes von Massenvernichtungswaffen bezichtigte.
Dessen ungeachtet hat vor einiger Zeit eine Gruppe öffentlicher Nichtdenker den “Tag der politischen Lüge” ausgerufen, um der Lüge von der Lüge Reputation zu verschaffen. Zu den Lügenzeihern gehören Ulla Hahn, Elke Heidenreich, Peter Schneider, Christoph Hein sowie der Spanier Juan Goytisolo, Amitav Ghosh aus Indien, die Amerikanerin Siri Hustvedt, Claudio Magris aus Italien, Orhan Pamuk aus der Türkei, der Literaturnobelpreisträger Harold Pinter, sowie Hanif Kureishi und Doris Lessing aus Grossbritannien. Und für diese Repräsentanten des intellektuellen Mittelmasses (Orhan Pamuk ausgenommen) heisst der grosse Lügner nicht Saddam, sondern – na, wer wohl? Natürlich George Bush.
Und damit kommt man ins Fernsehen: Einer von diesen moralinsauren Nichtdenkern, ein Schriftsteller namens Peter Schneider, war heute zu Gast in der “Phönix-Runde” (bei der Ulrich Kienzle überraschenderweise als “Nahost-Experte” vorgestellt wurde. Nanu? Wer hat denn da geschlafen?). Zusammen mit Kienzle argumentierte er gegen die Entmachtung, während der Iraker Hussain al-Mozany (ungewöhnlich zurückhaltend) und der Amerikaner Andrew B. Denison eine moderate Gegenhaltung einnahmen. Auch im Studio bilden Iraker und Amerikaner eine Allianz, nur die Deutschen wissen natürlich alles viel besser, und so lässt sich die Haltung der Interventionsgegener Kienzle und Schneider in einen einzigen Satz fassen: Im Irak ist alles viel schlimmer als vorher und zu verantworten haben das die Amerikaner. Wer sonst. Denn wenn man eine Behauptung nur lange genug wiederholt, dann wird sie wahr. Könnten sich beide gedacht haben. Oder sie wird zumindest geglaubt. Und darum mal ein paar Fakten:
• Auch deutsche Geheimdienste haben behauptet, Saddam könne schon in wenigen Jahren Atombomben bauen und bis 2004 auch Gefechtsköpfe haben, die Europa erreichen könnten. Saddam jedenfalls, daran sei hier noch einmal erinnert, hat satte siebzehn Resolutionen verstreichen lassen. Die irakische Regierung selbst hat 1990 gegenüber den Waffeninspekteuren eingeräumt, sie habe 8500 Liter Anthrax und einige Tonnen VX produziert (mit 140l VX kann man 1 Mio. Menschen töten, s. dazu W. Shawcross: Allies, S. 32). Hans Blix erklärte noch im Januar, dass es gebe keine Beweise für eine Vernichtung des Anthrax-Vorrats gebe. In der “Phönix-Runde” behauptete Peter Schneider jedoch, die Waffeninspektoren hätten bewiesen, dass Saddam keine Massenvernichtungswaffen besessen habe, bevor der Krieg begann.
• “Von Antiamerikanismus, wie man ihn in den anderen arabischen Ländern wie Jordanien oder Ägypten beobachten kann, ist wenig zu spüren. Man gibt sich zwar nicht als Freund der Amerikaner, aber stillschweigend freut man sich über ihre Präsenz, denn sie gelten als der Garant für wirtschaftlichen Aufschwung und für Sicherheit. Nur eine vom Baath-Regime privilegierte schmale Schicht sehnt sich nach dem Ancien régime”, so Ahmad Taheri Ende 2003. Diese Stimmung in der Bevölkerung hat der Amerikaner Peters erst kürzlich wieder bestätigt. Trotzdem schwadronierte Kienzle in der Runde von einem ungeheuren Vertrauenverlust, den die Amerikaner im Irak verschuldet hätten.
• Sami Mehdi von Sciri appellierte Ende Oktober 2003 an die Europäer, ihre Differenzen mit dem Irak zu vergessen und dem Irak mehr humanitäre Hilfe zu gewähren. Vor dem Krieg hätten sich die Europäer über die unmittelbaren Auswirkungen des Kriegs getäuscht, und nun würden sie dem irakischen Volk nur deshalb nicht helfen, um den Amerikanern das Leben im Irak zu erschweren. Weder habe der Krieg den Europa befürchteten Flächenbrand verursacht noch eine Flüchtlingswelle. Mehdi, führendes Mitglied des Sciri, liess keinen Zweifel daran, dass die Amerikaner die Iraker befreit haben, da Saddam 6 Mio. Schitten habe umbringen wollen. Aber “Nahost-Experte” Kienzle glaubt, die Anti-Haltung der damaligen Bundesregierung habe sich als richtig erwiesen. Hussain al-Mozany wies in der Phönix-Runde zu recht darauf hin, dass der Krieg SCHON DA WAR, als die Amerikaner eingriffen. Und Saddam war einer der Hauptakteure in diesem Krieg, denn den Massenmord an Schiiten und Kurden (Halabdja) kann man nur als Krieg bezeichnen. Nebenbei: Die 350.000 Aufklärungsflüge über dem kurdischen Autonomiegebiet kosteten die USA 12 Mrd. $. Was haben die Europäer dazu beigetragen?
Zum Thema Gewalt muss man sich auch folgendes gegenwärtigen:
• Im Okt. 2002 entliess Saddam Hussein zw. 18.000 und 35.000 Kriminelle aus den Gefängnissen, die nun die Strassen von Bagdad und anderen Städten unsicher machen, so Sergio de Mello, UN-Gesandter für den Irak, im Juli 2003. Saddam hatte vor dem Krieg 120.000 Kriminelle freigelassen, während er die politischen Gefangenen exekutieren liess. Nach Schätzung Mehdis vom Sciri (Teheran), sind insgesamt 250.000 Kriminelle auf freien Fuss gesetzt worden. Ganz gewöhnliche Kriminalität, die in Bagdad schon unter dem Baath-Regime Saddam Husseins an der Tagesordnung war, spielt auch hier eine Rolle, berichtet “TIME“: “Under Saddam Hussein, Baghdad was a violent city. But the highest murder rate before the war was 250 in one month. (By comparison, New York City with about 2 million more residents, had 572 murders in 2004, and a peak of 2,245 in 1990).” Noch einmal: Die Gewalt WAR SCHON DA, als die Amerikaner eingriffen. Werden unsere verträumten Linksintellektuellen das jemals begreifen?
• Ein oft gehörtes, nie belegtes Argument der Kriegsgegner besteht darin, die USA der Hauptunterstützung des Saddam-Regimes zu bezichtigen: In der Realität stehen die USA nicht einmal unter den Top 10 der Waffenlieferanten Saddam Husseins: Laut dem Stockholmer Institut SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute), rangieren die Vereinigten Staaten abgeschlagen auf Rang 12 (0,4%) und lieferten ausschließlich Helikopter. Tatsächlich führen dabei die UdSSR (rund 56%) und Kriegsgegner Frankreich (12%) und VR China (11%) diese Liste an. Aber Mythen speisen sich eben nicht aus Fakten und auch die Kriegsgründe haben nichts mit dem Öl zu tun. Ein neu erschienenes Buch, “Cobra II”, das auch Denison erwähnte, liefert ein Update der Hintergründe.
Die Liste der Mythen und ihr Widerspruch zur Realität liesse sich noch fortführen. Zum Schluss möchte ich jedoch noch eine kleine Geschichte erzählen: Vor drei Jahren, einige Monate nach Entmachtung des Saddam-Regimes, war ich zu Gast bei einem irakischen Freund, der mitsamt seiner Lebensgefährtin kurz zuvor aus seinem soeben befreiten Heimatland gekommen war, das sie gemeinsam für zwei Wochen besucht hatten. Beide waren in verschiedenen Teilen des Landes gewesen und konnten berichten, wie alle Menschen, mit denen sie gesprochen hatten, ihre Erleichterung über den Sturz des Tyrannen zum Ausdruck brachten und den Amerikanern dankbar waren. An dem Abend der Einladung war auch ein deutscher Gast zugegen, der mir bis dahin unbekannt war. Damals gab es vereinzelte Anschläge in Bagdad und für den deutschen Gast war klar, dass hier die Iraker Widerstand gegen eine verhasste Besatzung leisten. Unser irakischer Gastgeber widersprach entschieden und es entwickelte sich ein heftiges Wortgefecht. Völlig absurd dabei war, dass der Deutsche dem Iraker weismachen wollte, besser über die Verhältnisse im Irak bescheid zu wissen, als dieser. Meine Gastgeber, so erzählten mir diese hinterher, haben sich sehr geärgert.
Später habe ich meinem irakischen Freund empfohlen, seine Expertise bei verschiedenen Fernsehsendern anzubieten, zumal er als Nahostwissenschaftler mit einer Arbeit über das Saddam-Regime promoviert wurde. Tatsächlich hat n-tv ein Fernsehteam vorbeigeschickt und so konnten die Zuschauer einmal eine andere Darstellung der Verhältnisse im Nachkriegsirak erleben – wenn sie denn um vier nachmittags den Fernseher eingeschaltet hätten, denn zu dieser mehr als ungünstigen Tageszeit wurde die Aufnahme gesendet. Schliesslich muss die Hauptsendezeit freigehalten werden für die wahren Experten.
Typen wie Schneider und Kienzle eben.
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Ich gebe zu: Ich habe nicht den geringsten Beweis dafür, dass die Dinge so gelaufen sind. Und es gibt Hinweise, dass dieses Szenario nicht zutrifft. Aber es stellt eine Möglichkeit dar dar und solange wir diese Möglichkeit nicht ausschliessen können
Je mehr Zeit nach dem amerikanischen Einmarsch in den Irak verstreicht, desto theologischer wird die Frage nach Saddams Massenvernichtungswaffen.
Und vielleicht kommt bald der verborgene Imam wieder.
Es ist natürlich äußerst praktisch, wenn man eine Anschuldigung nicht dadurch widerlegen kann, dass man zu einem gegebenen Zeitpunkt das Gegenteil beweist. Es hätte zwischendurch ja zutreffen können…
Wann ist Liechtenstein dran?
Tja, also mit den Massenvernichtungswaffen habe ich auch so meine Probleme: Man denke nur an die albernen PowerPoint-Präsentationen.
Man muss eben immer die Wahrhaftigkeit einer Aussage belegen, wenn man etwas als wahr unterstellen will.
Nichts desto trotz sind alberne Vergleiche mit Liechtenstein fehl am Platz: In Liechtenstein werden keine Menschen zu Tode gefoltert.
Ich für meinen Teil genieße als Bush-Anhänger allerdings diese ständige Kritik, weil sie die Lügen und das kaputte Weltbild dieser Cracks so schön offenkundig erscheinen lässt. Scheiß auf die Irakis in den Folterkellern, Hauptsache die Amis tun schön was die korrupte UN von ihnen verlangt.
Nachtrag zur Phoenix-Runde:
Sowohl Kienzle (meiner Ansicht nach zumindest nicht durchgängig auf den Kopf gefallen*) als auch Schneider waren mir, um es nett zu formulieren, schonmal sympathischer. Zumal al-Mozany eben nicht nur von sich aus zurückhaltend war, sondern aufgrund Kienzles und Schneiders Dampfplauderei hätte auf den Tisch hämmern müssen, um auf annähernd dieselbe Redezeit zu kommen.
Eine Phoenix-Runde Ende Januar fast zum selben Thema, mit PSL, Amirpur, Schirra und Ferhad Ibrahim, also einer Besetzung, die bereits im Vorhinein auf eine veritable Quasselkatastrophe schließen ließ, verlief hingegen, welch Ironie, nahezu durchgehend sachlich und informativ.
Die beiden üblichen Verdächtigen verzichteten auf Amerika-Bashing; Amirpur erwähnte die Gefahr iranischen Einflusses im Südirak, Scholl-Latour lobte sogar die vergleichsweise hohe Präzision amerikanischer Luftschläge, steckte einen berechtigten Einwand Schirras locker weg und konnte Ibrahims These, dass nicht die Amerikaner, sondern die Kooperation der drei irakischen Volksgruppen das Problem sei, offenbar etwas abgewinnen.
*Sein Saddam-Interview kurz vor Kriegsbeginn ‘91 und sein Kommentar (”Ein Witz”) zu arabischen Regierungstellen, die sich über Abu Ghraib empörten, sind mir z.B. in positiver Erinnerung geblieben.
Jeder kennt doch den Witz.
- “Was Sie haben keine MVW gefunden?
- nein
- das verstehe ich nicht, wir haben doch
alle Lieferscheine im Reisekoffer”
Die Verlogenheit dieser Diskussion überrascht immer wieder. Frankreich, Deutschland, England, Russland, USA und andere wissen doch ganz genau welche MVW in Irak geliefert worden sind weil sie diejenigen waren, die Saddam mit dem Zeug versorgt hatten.
Basta
[...] sh und die Geheimdienste
By M. Kreutz
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