Artefakte
Erinnern Sie sich noch an die irakische “Kunstraublüge”? Als kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner in Bagdad das Nationalmuseum geplündert wurde, sahen diejenigen, die die Amerikaner schon immer für Barbaren gehalten haben, darin den Beweis für die vermeintliche Arroganz einer Supermacht, der jegliche Wertschätzung für Kultur, und vor allem für ausländische, fremd sei. Bis sich herausstellte, dass die Plünderungen in den Medien schamlos übertrieben worden waren, denn ein Grossteil der Artefakte war vor dem Krieg ins Magazin verschafft worden.
Nur zu gerne hatte man im Westen den Darstellungen des Museumsdirektors Donny George Yuhanna geglaubt, der ein Mann Saddams war. Die ursprünglich beklagten 170.000 verschwundenen Artefakte schrumpften auf ein paar Dutzend Hauptgegenstände zusammen, sowie etwa 10.000 Fragmente. Die 40.000 angeblich verschwundenen Manuskripte waren ebenfalls in Wirklichkeit auf einige Dutzend zu beziffern.
Wie die irakische Zeitung az-Zaman meldet, sind in Najaf jetzt noch einmal 200 Beutestücke aufgetaucht. Sicher, das ist nicht das Verdienst der amerikanischen Truppen, aber vom “unwiederbringlich zerstörten Kulturerbe” kann keine Rede mehr sein. Walter Sommerfeld, Marburger Altorientalist mit guten Kontakten in den Irak, ficht das allerdings nicht an. Auf seiner Webseite kann man noch heute lesen:
Über den Umfang dessen, was geraubt wurde, läßt sich bisher nur sagen, daß die Schäden unermeßlich sind. Mit Sicherheit sind einige der bekanntesten Exponate des Museums, die sich noch in den Ausstellungssälen befanden, verschwunden. Die Plünderer konnten ungestört auch die Magazine aufbrechen, deren Bestände insgesamt über 170.000 Inventarnummern umfaßten, und tagelang nach Belieben alles fortschaffen.
Sommerfeld hat als Präsident der Deutsch-Irakischen Gesellschaft einen Solidaritätsflug nach Bagdad im Jahre 2001 zu verantworten, den der Generalsekretär der Organisation, Aziz Alkazaz organisierte. Alkazaz, der zugleich am Deutschen Orient-Institut in Hamburg tätig war, musste von dessen Chef, Udo Steinbach, wegen seiner Äusserungen zum Irak zurückgepfiffen werden, weil er sich zu sehr in den Ruf brachte, ein Mann Saddams zu sein. Die Entführung von Susanne Osthoff verstärkte dann erneut den Argwohn gegenüber der Deutsch-Irakischen Gesellschaft und ihrem Direktor Sommerfeld:
Wie weit könnte Susanne Osthoff damit in innerirakische Zusammenhänge eingebunden sein? In die Richtung einer möglichen Vernetzung mit Seilschaften aus der Zeit von Saddam Hussein zeigt auch ein anderer Hinweis. Susanne Osthoff war Mitte der achtziger Jahre in den Irak über den Marburger Professor Walter Sommerfeld und dessen Deutsch-Irakische Gesellschaft eingeführt worden, der gute Beziehungen zum Regime Saddam Husseins nachgesagt wurden.
Dies scheint auch bei anderen Archäologen der Fall zu sein. So schreibt Wolfgang Gockel in seinem Irak-Reiseführer (2001), dass “die Vereinigten Staaten die ganze Bevölkerung des Irak mit Hilfe des UB-bestätigten Embargos als Geiseln” benutzen und über Saddam Hussein, dass dieser als “Führer des Landes” die “Modernisierung des Irak massgeblich” vorantrieb. Alexander Joffe urteilte daher vor zwei Jahren über die westliche Archäologenzunft:
It was a stunning attitude, but a characteristic one. Western archaeologists had lived and worked alongside Iraqis and were intimately familiar with the country, its culture, and its people. Yet no archaeologists publicly protested the Anfal campaign that destroyed thousands of Kurdish villages and took hundreds of thousands of lives. None protested the suppression of the Shi‘ite uprising in 1991. No petitions were circulated to protest the draining of the southern marshes or even the destruction of hundreds if not thousands of archaeological sites by the regime’s dams and irrigation projects. The Baathist manipulation of archaeology, such as the garishly restored site of Babylon, went without protest. Instead, Western professionals carefully praised the stewardship of Hussein and the Baathists—even as the regime destroyed sites, stole antiquities, and imprisoned and tortured Iraqi scholars. The archaeologists claimed both intimacy and solidarity with Iraq. But their moral indignation ended where their own interests began.
Deswegen hat auch die jüngste Nachricht von der Rückkehr weiterer 200 Beutestücke keine Chance, in den Mainstream der Nachrichten zu gelangen. Und so wird uns wohl der Mythos vom “kulturellen Völkermord” noch lange erhalten bleiben.


[...] as Achillesferse, 31. März 2006 Israelische Linke vs. europäische Linke , 30. März 2006 Artefakte, 26. März 2006 Die Lüge von der Lüge , 22. März 2006 Isr [...]