Berlusconi und die Kommunisten

Tuesday, March 28, 2006
Von Michael Kreutz

“Berlusconi beschwört das Schreckgespenst Kommunismus”, titelt der Nachrichtensender N24. Hatte jener doch behauptet, dass chinesische Kommunisten unter Mao ihre Felder mit Babys gedüngt haben sollen. Später hiess es auf demselben Kanal, Berlusconi beleidige die Chinesen. Wie unfein, denkt da mancher, und rümpft die Nase. Allerdings nicht über das, was Maos Banden angerichtet haben, sondern über Berlusconis Behauptung: Denn Kommunismus-Schelte gilt als out, seitdem der kalte Krieg vorüber ist. Und trägt der Kommunismus nicht auch irgendwie ein humanistisches Erbe in sich?

Nein, das tut er nicht, und schon gar nicht der Kommunismus in seiner maoistischen Variante. Wer einmal das Buch von Jung Chang und Jon Halliday: Mao – Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes gelesen hat, der weiss, dass Berlusconis Äusserung in dem Ausmass, das sie beschreibt, eher noch untertrieben war.

Der systematische Terror, vor dem niemand, selbst die loyalsten Mao-Anhänger, sicher war, gehörte zum dauerhaften Instrument von Maos Machtausübung. Auch Kinder blieben davon nicht verschont.

Ein Geheimbericht schildert die Situation über das kommunistisch besetzte Jiangxi:

“…Jeder lebte in Angst… Entsetzliche Folterungen waren üblich … Es gab soviele Formen… Manchen wurde der rotglühende Lauf einer Pistole in den Anus gerammt… Allein im Bezirk Sieg gab es 120 Methoden der Folter.” Bei einer Methode, die mit krankhaftem Einfallsreichtum “Engel zupft an einer Zither” genannt wurde, führte man einen Draht um den Penis und schlang diesen um das Ohr des Opfers. Der Folterknecht zupfte dann am Draht. Auch die Hinrichtungsmethoden waren furchtbar. “In allen Bezirken, besagte der Bericht, “gab es Fälle, bei denen der Magen aufgeschnitten und das Herz herausgerissen wurde.” … In einem Bezirk wurde den Opfern rostiger Draht durch die Hoden getrieben, dann wurden sie durch die Strassen zu ihrer Hinrichtung geschleift. [S. 131 f.]

Chung und Halliday schreiben weiter:

In der Haft gerieten die jungen Freiwilligen unter enormen Druck, sich als Spione zu bekennen und andere zu denunzieren. Der eigentliche Zweck dieser Massnahmen aber war nicht das Aufspüren von Spionen, sondern die Etablierung des Terrors. … Die vermeintliche Jagd auf Spione diente als Rechtfertigung für Folterungen. Schlafentzug … war die Standardmethode. Doch es gab auch altmodische Foltermethoden wie das Auspeitschen, Aufhängen an den Handgelenken und das Verdrehen der Knie bis zu dem Punkt, an dem das Gelenk brach … Monat für Monat drehte sich im Alltagsleben von Yenan alles um Verhöre und einschüchternde Massenkundgebungen, bei denen junge Freiwillige gezwungen wurden, sich als Spione zu bekennen und vor einer riesigen, gezielt in Hysterie versetzten Menschenmenge andere dieses Verbrechens zu bezichtigen. [S. 322 f.]

Das gesamte von den Kommunisten besetzte Gebiet wurde in einer gigantische Kriegmaschinerie verwandelt, die bis in den letzten Winkel des Lebens eindrang. Bis zur Erschöpfung mussten die Menschen für den Krieg arbeiten, Tag und Nacht, und manchmal inmitten der Kampfhandlungen. Mao nannte das “Volkskrieg”.
Aber “Das Volk leistete diese alles erschöpfende Hilfe nicht freiwillig und schon gar nicht mit der Begeisterung, wie es die kommunistische Mythologie behauptet. Nur durch massiven Terror konnte sie gezwungen werden… [S. 412]

Mao schalt die Kader in den Provinzen wegen ihrer Nachsicht und erliess einen Befehl nach dem anderen, in denen er zu “Verhaftungen in grossem Rahmen, Tötungen in grossem Rahmen” mahnte. Am 23. Januar 1951 kritisierte er beispielsweise eine Provinz, weil sie “viel zu milde” sei und dort “nicht [genug] getötet” werde. Als die Zahl der Hinrichtungen stieg, sagte er, die “Verbesserung” habe ihn “sehr erfreut”. … Mao wollte, dass der Grossteil der Bevölkerung, Kinder und Erwachsene gleichermassen, Gewalttaten und Ermordungen miterlebte. Sein Ziel war es, die gesamte Bevölkerung einzuschüchtern und zu brutalisieren …
Mit Hilfe sowjetischer Gulag-Experten … errichtete Mao ein ausgedehntes System von Lagern. Die offizielle Bezeichnung dafür war lao-gai, “Reform durch Arbeit”. [S. 424 f.]

usw. usf. Eine endlose Schilderung des Grauens und des Terrors!

Die genannten “lao-gai”-Lager gibt es übrigens noch immer. Eine Meldung aus dem Bundestag von heute:

Menschenrechte und humanitäre Hilfe/Antrag
ZUSTÄNDE IN DEN CHINESISCHEN UMERZIEHUNGSLAGERN ANPRANGERN

Berlin: (hib/BOB) Die Bundesregierung wird aufgefordert, die Zustände in den Laogai-Lagern (Laogai frei übersetzt mit “Umerziehung durch Arbeit”) in der Volksrepublik China öffentlich zu verurteilen. Wie die FDP-Fraktion in einem Antrag (16/855) weiter ausführt, sei China zur Schließung dieser Einrichtungen aufzufordern.
(…) Die Liberalen weisen darauf hin, dass in über 1.000 Gefängnissen, Arbeitslagern und angeblichen psychiatrischen Kliniken Andersdenkende ohne rechtsstaatliches Verfahren inhaftiert und “politisch umerzogen” würden, um sie mit den Ansichten des Pekinger Regimes auf Linie zu bringen.
Neben dieser politischen Gehirnwäsche würden die Gefangenen zu harter, unentgeltlicher Zwangsarbeit gezwungen. Dieses Schicksal teilten rund drei Millionen Häftlinge, zu denen auch Minderjährige zählten, in Fabriken, Landwirtschaftbetrieben und Minen.
Der Tod von Inhaftierten infolge von Unterernährung, Überarbeitung, Erschöpfung und Folter werde dabei billigend in Kauf genommen. Zudem herrsche eine hohe Selbstmordrate unter den Häftlingen.

Auch wenn nicht alle Kommunisten Verbrecher sind, sondern viele die besten Absichten haben mögen, so kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Kommunismus als Herrschaftssystem menschenverachtender kaum sein könnte. Von Zeit zu Zeit muss man an diese Greuel ebenso erinnern, wie an die des Nationalsozialismus.

–––

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3 Responses to “Berlusconi und die Kommunisten”

  1. Abla

    Als hätte es das aktuelle Malheurchen mit der Diktatur in Weißrussland nicht gegeben (die von Putin und seiner KGB-Crew gestützt wird):

    http://www.ksta.de/html/artike.....1141.shtml

    #746
  2. N. Neumann

    Wie unfein, denkt da mancher, und rümpft die Nase. Allerdings nicht über das, was Maos Banden angerichtet haben, sondern über Berlusconis Behauptung: Denn Kommunismus-Schelte gilt als out, seitdem der kalte Krieg vorüber ist.

    Sowas denkt sich bestimmt mancher.

    Manch anderer denkt sich hingegen, dass Berlusconi Leichen fleddert und aus den Mündern mehr oder weniger bürgerlicher Politiker beherzte Aussagen dergestalt

    Die Roten Khmer schnitten den Einwohnern ganzer Dörfer jeweils einen Fuß ab, damit sie das Feld weiter bestellen und nicht flüchten konnten

    auch anlässlich von Bundestagswahlkämpfen weder dazu geeignet wären, Lafontaine und Gysi rhetorisch das Wasser abzugraben, noch dazu, eine Erinnerungskultur an die Abermillionen Opfer der kommunistischen Totalitarismen zu befördern.

    #747
  3. @ N. Neumann

    Was Berlusconi betrifft, so haben Sie sicher recht. Der betreibt eine ziemlich unerträgliche Polemik gegen seine politischen Gegner.

    Mir ging es allerdings auch nicht um ihn, sondern um den Sender N24. Da scheinen sich einige in der Redaktion nicht bewusst zu sein, was der Maoismus in China angerichtet hat. DAS war mein Punkt.

    #748

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