Europas Achillesferse
Mit dem angestrebten EU-Beitritt der Türkei kommt die europäische Seite häufig auf die mangelhafte Beachtung der Menschenrechte zu sprechen. Dabei ist in Europa auch nicht alles zum besten bestellt, und ich meine nicht etwa Weissrussland. Die Rede ist vielmehr von der EU selbst, deren Mitglied Griechenland leider immer noch vermissen lässt, was andererseits von der Türkei ganz selbstverständlich erwartet wird.
Die Europäische Kommission hat jetzt noch einmal festgestellt, dass Griechenland grundlegende Probleme mit der Religionsfreiheit, der Polizeigewalt oder der Behandlung seiner Minderheiten hat. Wer sich ein wenig mit Griechenland auskennt, den wird das nicht überraschen:
• Die griechischen Behörden werden aufgefordert, energischer bei fremdenfeindlichen Vergehen durchzugreifen. Griechenland stellt sich in Umfragen immer wieder als das fremdenfeindlichste Land Europas heraus. 90% der Griechen glauben, dass Ausländer ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen; 89% bekunden eine Abneigung gegen Türken, 76% gegen Albaner, 57% gegen Juden, 55% gegen Zigeuner. 52% wollen, dass die türkische Minderheit in Westthrakien in die Türkei geht. Das geht aus einer Umfrage hervor, die die Lambrakis-Stiftung 1993 durchgeführt hat. Spätere Umfragen bestätigen das Bild. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind fester Bestandteil in der politischen Rhetorik im gesamten Spektrum der griechischen Politik. Ihrem Selbstverständnis nach ein “bruderloses Volk”, sehen viele Griechen ihr Land von allen Seiten bedroht und begegnen Immigranten und Minderheiten mit grosser Skepsis, die zugleich heruntergespielt wird. Damit einher geht eine ausgeprägte Neigung zu Verschwörungstheorien und ein ebenso ausgeprägter Antiamerikanismus: Trotz Truman-Doktrin, die Griechenland vor dem Joch des Kommunismus bewahrt hat, halten 88% der Griechen die USA für die grösste Gefahr für den Weltfrieden. Der (linke) griechische Journalist Takis Michas beklagt: “To be Greek today is to be anti-American.”
• Athen hat bis heute als einzige Hauptstadt Europas keine einzige Moschee. Zu gross sind die Ressentiments gegenüber dem Islam seit der Zeit der “Tourkokratia”. Zu den Olympischen Spielen in Athen 2004 sollte für die Besucher aus islamischen Ländern eine Moschee in der Nähe des Flughafens gebaut werden, was aber bis heute nicht geschehen ist. Die eingeschränkte Religionsfreiheit wird in Griechenland regelmässig mit dem Verweis auf die Existenz von Moscheen in Xanthi und Rodhopi, der nordöstlichen Gegend des Landes, abgeschmettert. Dort lebt eine autochthone muslimische Minderheit, deren Religionsausübung geschützt wird, und in den Augen vieler Griechen muss das reichen. Tausende von Muslimen in der Hauptstadt müssen ihren Gottesdienst daher in der Garage oder an ähnlichen Orten verrichten. Bis heute gibt es auch eine Vorschrift, dass die Meinung des örtlichen Metropoliten eingeholt werden muss, wenn eine nicht-griechisch-orthodoxe Religionsgemeinschaft ein Gotteshaus errichten will.
• Die Rechte der muslimischen Minderheit, die im einzelnen aus Türken (In Griechenland “Turkophone” genannt), Pomaken, Zigeunern und islamisierten Griechen besteht, wurden mit dem Vertrag von Lausanne 1923 festgelegt. Seitdem ist die Minderheitenfrage ein dauernder Streitpunkt zwischen Athen und Ankara. Dazu gehört auf griechischer Seite die Schikane, seinen autochthonen muslimischen Bürgern die Scharia aufzuzwingen, die der türkische Staat bei seiner Gründung abgeschafft hat. Griechenland wurde von der EU dafür wiederholt gerügt. Letztes Jahr war ausserdem bekanntgeworden, dass in Aspropyrgos bei Athen Zigeuner verpflichtet wurden, ihre Kinder in reine Roma-Klassen zu schicken.

[Abb.: Eine Erklärung, die von Romas unterschrieben werden musste.]
Ähnliche Zustände in der Türkei gelten jedoch als Hinderungsgrund für eine Aufnahme in die EU. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Situation der Minderheiten in Griechenland vor zwanzig Jahren noch bedeutend schlechter war. Nach dem Beitritt zur damaligen EG pumpte die Regierung Mitsotakis in den 80er Jahren Gelder in das bis dahin vernachlässigte Westthrakien, um die Lage der Minderheiten zu verbessern. Von der Türkei werden solche Massnahmen dagegen schon vor einem möglichen Beitritt verlangt. Die europäische Öffentlichkeit ist ganz einfach blind für Griechenland.
+++Anm.+++
Ich musste den Titel einfach ändern. Bitte um Nachsicht.
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Jetzt wird´s akademisch……Grundsätzlich sind sowohl “völkisch” als auch “populistisch” Begriffe, die eine Abneigung gegen alles städtisch-bürgerlich-intellektuelle ausdrücken und dafür das rurale Leben des einfachen Mannes romantisieren. Beide Begriffe sind also durch und durch reaktionär.
Auf Karatzaferis passt jedenfalls beides: Die Anbiederung an den “kleinen Mann” und die Xenophobie, da er die Abstammungsgemeinschaft bedroht sieht. Und Antisemitismus ist ebenfalls fester Bestandteil seines Weltbilds.
Ganz nebenbei sitzt er übrigens auch noch im EU-Parlament.
Na ja völkische können auch elitär sein, während Populisten sich nicht auf eine Abstammungsgemeinschaft berufen müssen.
Aber der Unhold, um den es geht, der ist wohl ein völkischer Populist.
Jetzt wird´s akademisch……Grundsätzlich sind sowohl “völkisch” als auch “populistisch” Begriffe, die eine Abneigung gegen alles städtisch-bürgerlich-intellektuelle ausdrücken und dafür das rurale Leben des einfachen Mannes romantisieren.
Nein.
Eine Idealisierung des Landlebens ist für Populismus eher untypisch. Vor allem nicht in mehr oder weniger industrialisierten Ländern. Und zwar auch dann nicht, wenn sich Populisten für Agrarsubventionen stark machen.
14 “Gebetsstätten” für Muslime gibt es in Athen, schreibt die Eleftherotypia von heute. Der Erzbischof von Athen, Christodoulos, spricht sich gegen eine Moschee in Athens zentral gelegenem Monastiraki-Viertel aus.
@ N. Neumann
Da irren Sie wohl, den der Begriff Populismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts in den USA als Eigenbezeichnung einer agrarischen Protestbewegung:
http://en.wikipedia.org/wiki/P.....of_America
@ M. Riexinger
Da irren Sie wohl
Ich denke nein.
Oder ist Ihnen bisher aufgefallen, dass mithin unterschiedliche zeitgenössische Politiker wie Oskar Lafontaine, Jörg Haider, Silvio Berlusconi, Gregor Gysi, Pim Fortuyn, Roland Schill oder aber auch Hugo Chavez das Landleben des kleinen Mannes romantisieren, idealisieren oder in den Vordergrund stellen würden bzw. romantisiert, idealisiert oder in den Vordergrund gestellt hätten?
den der Begriff Populismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts in den USA als Eigenbezeichnung einer agrarischen Protestbewegung:
Ja, das ist interessant; und wenn ich mich richtig erinnere, bezeichneten sich bereits etwas früher die Narodniki in Russland als Populisten oder populistisch; auch gab es Anfang(?) des 20. Jahrhunderts eine literarische Bewegung in Frankreich, die sich dieses Attribut zuschrieb.
Allerdings hat sich seit Mitte/Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die gesellschaftliche (vor allem: die sozio-ökonomische) Umwelt des Begriffs und damit der Begriff selber geändert*. Dementsprechend würden populistische Politiker ihre Chancen auf Stimmenmaximierung und Zuspruch erheblich minimieren, wenn sie, was das Bemühen von Anachronismen bzw. Antimodernismen anderer Art nicht ausschließt, das Landleben des kleinen Mannes gegenüber dem Stadtleben des kleinen Mannes in den Vordergrund stellen würden.
Eine Ausnahme hiervon könnte, bedingt durch die sozio-ökonomische Struktur des Landes, der bolivianische Präsident Evo Morales bilden.
Lange Rede, kurzer Sinn: Politische Begriffsgeschichte verdeutlicht semantischen (und indirekt gesellschaftlichen) Wandel. Wäre es anders, hätten etwa die Autoren von Geschichtliche Grundbegriffe – Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland ein voluminös-absurdes Nachschlagwerk verfasst.
*Was, so vermute ich, für den einen oder anderen theologischen Begriff aus der arabischen Welt, der nach unserem westlichen Verständnis eher oder zumindest auch im politischen Kontext verwendet wurde und noch verwendet wird, weniger gilt.
Bei Gysi sicher nicht, was dem Lafontaine in Zukunft für Fürze kommen weiß ich nicht, ausschließen tu ich allerdings gar nichts. Bei der FPÖ spielte jedoch der antiurbane Affekt eine erhebliche Rolle, und bei Blochers SVP ist es nicht anders (die “Kuhglockenfraktion” in der “Weltwoche”).
Der antiurbane Affekt geht aber nicht mehr mit einer Verklärung des Bauerntums einher; und auch mit dem Verweis darauf, dass Populismus in heutigen westlichen Gesellschaften vielfach ein Phänomen ist, dass sich aus den Ressentiments großstädtischer Kleinbürger- und Unterschichten speist, haben Sie natürlich recht.
Wohlgemerkt: Es ging mir nicht darum, den antiurbanen Affekt gänzlich in Abrede zu stellen. Wenn Sie in diesem Zusammenhang auf Haider und Blocher hinweisen, dann ist das richtig.
Als Vehikel des zeitgenössischen antiurbanen Affekts fungieren jedoch “die da oben”, die eben in den Städten sitzen bzw. von dort aus ihr Unwesen zum Nachteil des kleinen Mannes treiben, und zumal bei Rechtspopulisten, “die Ausländer und Kriminellen”. Das Problem ist nicht die Stadt als solche.
Der biblisch inspirierte, betont abendländische oder “klassische” antiurbane Affekt vom bis 19. und zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts* – Stichworte: Stadt als einziger Sündenpfuhl, Quell der Entfremdung, Moloch, Ekel vor der Stadt – richtet sich hingegen in höherem Maße gegen die Stadt als solche, also die Stadt als prinzipiell falsche Lebenswelt. Das “Problem” Stadt war aus dieser Sicht grundsätzlicher und bestand weniger aus bestimmten unliebsamen Gruppen.
Möglicherweise handelt es sich bei dem polnischen Politiker Andrzej Lepper um jemanden, der, mehr noch als Blocher, den älteren antiurbanen Affekt mit dem jüngeren synthetisiert. Wobei ich nicht genug über Lepper weiß, um zu sagen, ob er “nur” ein Rechtspopulist oder ein veritabler Rechtsextremist ist.
*Übrigens dem von Islamisten prinzipiell nicht unähnlich. Avishai Margalit und Ian Buruma z.B. ziehen in Okzidentalismus Parallelen zwischen abendländischen und islamistischen Ressentiments gegen moderne Lebenswelten sowie Lebensweisen.
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Konversionsverbot
By M. Riexinger
In seinem Posting über Griechenland hat Michael ins Gedäch [...]
[...] Griechenland ist auf dem besten Wege, ein europäisches Land zu werden: Bis heute a href=”http://blog.transatlantic-forum.org/index.php/archives/2006/401/europas-achillesferse/”>gibt es eine Vorschrift, dass die Meinung des örtlichen [...]