Die Kosten des Irakkrieges

Monday, April 3, 2006
Von Michael Kreutz

Im Spiegel-Interview spricht der US-Ökonom Joseph Stiglitz über die Kosten des Irak-Konflikts. Insgesamt sind die Ausführungen sehr lesenswert, aber es ist vor allem eine Aussage, die im Lager der Interventionsgegner, die schon immer behauptet haben, dass es Bush nur ums Öl ginge, mit Genugtuung gelesen werden dürfte:

Die Einzigen, die bisher von diesem Krieg profitiert haben, sind Bushs Freunde in der Ölindustrie. Er hat der amerikanischen und der Weltwirtschaft keinen guten Dienst erwiesen, aber seine Kumpel in Texas könnten nicht glücklicher sein. Sie verdienen am besten bei hohen Ölpreisen. Ihre Profite sind auf Rekordniveau.

Nun habe ich auch als Befürworter der Intervention die Motive der Bush-Regierung nicht zu verantworten und war, wie auch andere aus dem liberalen und konservativen Lager aus Gründen für die Entmachtung Saddams, die mit dem Öl nichts zu tun haben – könnte also die Verteidigung gegen diesen Vorwurf der Bush-Regierung überlassen -, aber dennoch: Irgendetwas an dieser Behauptung scheint merkwürdig.

Der Nahe Osten, so Stiglitz, ist der preiswerteste Öllieferant der Welt. Dementsprechend will niemand in anderen Ländern in die Förderung von Öl zu höheren Kosten investieren, wenn er befürchten muss, dass irgendwann, sobald erst Stabilität im Irak einkehrt, das irakische Öl verfügbar und zugleich so billig wird, dass es ihm die Preise kaputtmacht. Ergo, so kann man Stiglitz verstehen, hat Bush ein Interesse an der Instabilität des Landes. Denn die garantiert, trotz steigender Nachfrage in China und Indien, hohe Ölpreise, von denen seine Freunde profitieren.

Nun frage ich mich: Wie passt das mit der Behauptung in demselben Interview zusammen, der Krieg sei “weit schwieriger, als die Regierung erwartete. Sie dachte, die US-Truppen marschieren einfach dort ein, jeder würde dankbar sein, wir würden eine demokratische Regierung einsetzen und abziehen.”

Wenn aber die Instabilität eben nicht beabsichtigt war, dann kann das nur heissen, dass die Profite der “Kumpel in Texas” allenfalls ein Zufallsprodukt der Intervention sind. Vielleicht hat Stiglitz das auch so gemeint. Damit aber wäre die Behauptung der Bush-Gegner, dass es immer nur ums Öl ginge, vom Tisch. Mit diesem Interview jedenfalls lässt sich die These wohl nicht belegen.

Nichtsdestotrotz müssen auch die Interventionsbefürworter sich mit den Kosten des Krieges auseinandersetzen. Einige Denkanstösse liefert das Interview dazu in jedem Falle. Mit dem Thema befassen sich übrigens auch die Iraq Analysis Group und das National Priorities Project.

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4 Responses to “Die Kosten des Irakkrieges”

  1. Während der letzten Jahre sind alle Rohstoffindices markant angestiegen, was allgemein der grossen Nachfrage aus China zugeschrieben wird. Man sollte also zunächst einmal diesen Effekt aus dem Ölpreis herausrechnen, um zu bewerten, welchen Einfluss die Lage im Irak hat.

    Weiterhin muss festgehalten werden, dass dass die Preissteigerungen auch nicht einer unzureichenden Ölförderung zu verdanken sind – es ist ja nicht so, dass im Irak plötzlich die Quellen versiegen, im Gegenteil, man weitet die Förderungen wieder aus. Der wesentliche Grund liegt vielmehr in der bereits maximalen Auslastung der Raffinerien – sie sind das Nadelöhr, das sowohl auf Seiten der Lieferanten als auch der Abnehmer für Stau sorgt. Die Raffinierien sind es, die die Nachfrage nicht befriedigen können und damit hat die innere Lage im Irak, imho, nicht das geingste zu tun.

    #961
  2. Gute Argumente!

    Man könnte noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass Bush’ Vor-Kriegs-Optimismus (schnell beruhigt sich alles und das irakische Öl finanziert den Wiederaufbau) ein Beweis dafür ist, dass Bush den Irakkrieg nicht wegen seiner Kumpel in der texanischen Ölindustrie begann. Denn die hätten ja Verluste gemacht, wenn Bush mit seinem Optimismus recht gehabt hätte.

    “die Profite der “Kumpel in Texas” allenfalls ein Zufallsprodukt der Intervention sind. Vielleicht hat Stiglitz das auch so gemeint.”

    Ich denke Stiglitz hat das so gemeint. Er sagt ja auch dass der ölpreis zwar um 35 $ gestiegen sei, aber nur 5-10 $ davon auf den Irakkrieg zurückgingen.

    Was haltet Ihr von Stiglizt zahlen zu den Kriegskosten?

    Und wie ist es zu bewerten, dass die Bush Regierung die Kosten so gering einschätzte? Haben sie bewusst die Kosten unterschätzt um den Krieg besser zu verkaufen (so wie Architekten das ständig machen) oder waren sie “dümmer als die Polizei erlaubt” oder gab es doch genug Indizien dafür, dass Krieg und Besatzung so viel billiger hätten werden können?
    Es ist einfach zu sagen, dass es eine Mischung aus allen drei Möglichkeiten war: Irreführung, Dummheit und Pech.

    #972
  3. @ Olaf Petersen

    Stiglitz versucht ja, die Nachfrrage von Indien/ China aus dem Anstieg des Ölpreises herauszurechnen. Versiegt sind die Quellen nicht, aber schon unter Saddam arg vernachlässigt gewesen.

    Ölfachleuten zufolge wurden die Quellen jahrzehntelang unzureichend unterhalten und deshalb dauerhaft geschädigt. Ein schnelles Anheben der Fördermenge auf Vorkriegsniveau könnte einige Quellen sogar ganz versiegen lassen. Der Überdruck der unterirdischen Lagerstätte würde im Normalfalle schon nach einiger Zeit nachlassen; um die Prodduktion aufrechtzuerhalten, wird deshalb an der Oberfläche ein Unterdruck erzeugt. Wird zu schnell gepumpt, kann es zu Wassereinbrüchen oder Gasansammlungen kommen. Bohrlöcher müssen daher unterirdisch gewartet werden, indem z.B. der Druck durch Wasser oder Kohlendioxyd erhöht wird.

    Mit neuesten Fördermethoden können bis zu 60% eines Ölfeldes abgepumpt werden. Der geologische Dienst der USA und die Internationale Enegieagentur schätzen, dass sich die nutzbaren Ölressourcen des Landes auf 120-130 Mrd. Fass belaufen (1 Fass = 159 l). Davon sind Lagerstätten mit einem Erdölvolumen von insg. 78 Mrd. Fass bereits sicher nachgewiesen. (Nur Saudi-Arabien verfügt mit 211 Mrd. Fass über grössere förderbare Reserven.) Im Westirak werden Öllagerstätten mit 200-300 Mrd. Fass vermutet. Nach Angaben des früheren Ölministers Issam al-Chalabi wurde Anfang 2002 nur aus 23 der 73 Felder gefördert.

    @ Joerg

    “Dass Bush’ Vor-Kriegs-Optimismus ein Beweis dafür ist, dass Bush den Irakkrieg nicht wegen seiner Kumpel in der texanischen Ölindustrie begann. Denn die hätten ja Verluste gemacht, wenn Bush mit seinem Optimismus recht gehabt hätte” sehe ich auch so.

    Aber Verschwörungstheoretiker werden jetzt wohl einwenden, dass der Vorkriegsoptimismus auch reine Show gewesen sein könnte.

    Würde im Irak Stabilität herrschen und der Wiederaufbau besser vorankommen, hiesse es dann wohl “Bushs Kumpel von der Hochbauindustrie freuen sich prima über die Aufträge.” Irgendjemand profitiert immer und George W. ist die perfekte Piñata, auf die man dann einschlagen kann.

    #974
  4. [...] ium des dazugehörigen “Center on Capitalism and Society” gehören u.a. Joseph Stiglitz, einer der drei Nobelpreisträger von 2001, Glenn Hubbard, [...]

    #3512

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