Sine ira et studio

Friday, April 7, 2006
Von Michael Kreutz

Was in seligen Zeiten einmal die Astrologie an den Universitäten darstellte, gilt heute für die Nahost- und Islamwissenschaft: Sie bildet ein hübsches Refugium für Obskurantisten aller Art. Nicht dass dort lauter Dummköpfe ihr Unwesen trieben, ganz im Gegenteil, aber ein nicht geringer Teil ihrer Mitglieder pflegt eine gehobene Abneigung gegenüber allem, was mit dem Ruch des “Eurozentrismus”, “Orientalismus” und Kolonialismus behaftet ist und das heisst: was die arabische und islamische Welt in einem ungünstigen Licht erscheinen lässt.

In den USA gibt es seit einiger Zeit eine Debatte über den Einfluss der jüdischen Lobby auf die Aussenpolitik der USA. Und was Nahostfachleute dazu meinen, sagt viel über das geistige Klima ihrer Disziplin aus (via Martin Kramer):

– 91% of Middle East academics polled believe it is “extremely accurate” to “accurate” that the Israel Lobby’s tactics expose the United States to avoidable hostility in the Middle East.

– 86% of Middle East academics polled believe that the lobby places what it considers to be Israel’s interests above the national interests of the United States.

Ich weiss nicht, ob das antisemitisch zu nennen ist, aber töricht ist es allemal: Wenn die USA gehasst werden, dann muss die Schuld in den USA zu suchen sein (diese Art von Akademikern würde die Ursachen für das Negativ-Image der islamischen Welt allerdings niemals im Nahen Osten suchen!). Dass der Sturz Saddams bei der irakischen Bevölkerung allerdings keineswegs zu Feindseligkeit geführt hat, sofern sie nicht schon vorher da war, will man in diesen Kreisen mal wieder nicht wahrhaben. Auch nicht, dass ohne die zwölf Jahre lang existierende Schutzzone im Nordirak die Kurden, die nicht vergessen haben, wem sie ihr Überleben verdanken, massakriert worden wären. Und ebenso wollen Leute, die ganz besessen von einem “Dialog” mit den Mullahs sind, einfach nicht wissen, dass die iranische Bevölkerung neben der israelischen zur amerikafreundlichsten im Nahen Osten gehört.

Da die arabische und islamische Welt aber niemals für ihre eigene Misere verantwortlich gemacht werden darf – das wäre ja “Orientalismus”! – kann es nur die jüdische Lobby sein, stellt diese doch ihre Interessen über die der USA. Womit zugleich gesagt wird, dass jüdische und israelische Interessen in einem quasi natürlichen Gegensatz zu denen der USA stehen. Und damit wiederum wird deutlich, wo 91% der amerikanischen Nahostwissenschaftler stehen: Dort, wo akademische Redlichkeit ein Fremdwort ist.

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