Die Nietzsche-Perspektive

Sunday, April 9, 2006
By Michael Kreutz

Ein lesenswertes Interview mit dem Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht von der Universität Stanford über die Idee des Westens und den europäischen Antiamerikanismus gibt es hier. Kostprobe:

Warum hassen so viele Leute Amerika? Dass jede Äußerung skeptisch aufgenommen, US-Flaggen verbrannt und mit Füßen getreten werden, liegt gewiss nicht nur an den Neocons, am Irak-Krieg und am “Go it alone”?

Sepp Gumbrecht: Zu sagen, dass die US-Regierung diesen Krieg “vom Zaun” gebrochen habe, impliziert, dass im Irak Saddam Husseins [wovon anscheinend Kanzler Schröder ausging, weniger sein wohl besser informierter Geheimdienst] alles zum Besten stand, und dass Kriegsinitiativen jedenfalls und unter allen Bedingungen illegitim seien. Diesen Standpunkt kann man beziehen, aber er fordert seinen Preis. Zum Beispiel, so scheinen es die europäischen Intellektuellen und die meisten europäischen Politiker zu sehen, dass man warten muss und wird, bis der Iran Israel mit nuklearen Waffen angegriffen hat, bevor man militärisch etwas dagegen unternimmt. Oder auch – dass man auf diese ja sehr explizite Drohung von iranischer Seite, die wahrhaft keiner Interpretationen bedarf – mit der Gewährung wirtschaftlicher Privilegien reagiert, und dadurch die Drohung zur Erpressung macht und so honoriert. (…)

Hat der wachsende Antiamerikanismus nicht auch mit dem zu tun, was Nietzsche als “Ressentiment” bezeichnet, als Neid und Groll des Sklaven auf den Erfolg des Herrn?

Sepp Gumbrecht: Ja, die Nietzsche-Perspektive ist nicht von der Hand zu weisen. Man wollte in den zwanziger Jahren schon und dann wieder seit 1945 so wie die Amerikaner sein. Den Amerikanern nimmt man übel, dass genau das nicht gelungen ist. Es war ja auch immer ein gewisser Romantizismus á la Karl May im Spiel. Aber ein anderer Grund für die Verstimmung, ein Grund, der mich derzeit mehr interessiert, liegt wohl darin, dass man die “Homogenität der westlichen Kultur” maßlos überschätzt, was dann dazu führt, dass beide Seiten – die amerikanische wie die europäische – der anderen Seite beständig vorwerfen, wie sie angeblich gemeinsame Prinzipien verrät.

Passagenweise etwas verkopft, aber insgesamt gibt es durchaus orginelle Antworten auf durchaus kluge Fragen.

(Dank an A.A.)

  • Share/Bookmark
–––

Ähnliche Beiträge:

Tags: , , , , , , , ,





Comments are closed.

Our Books

kreutz_arabischerhumanismus2007.png


riexinger_amritsari_s.png

Leseempfehlungen


Editor’s Corner