Anarchokapitalismus

Sunday, April 9, 2006
Von Michael Kreutz

In der FAZ von morgen erscheint eine Rezension von Gerd Habermann über eine Jugendschrift Hans-Hermann Hoppes in deutscher Übersetzung. Hoppe gilt als Vordenker eines “staatsfreien Kapitalismus”, dessen Ideologie alle Staatlichkeit zur Ursünde erklärt, zwischen demokratischem Rechtstaat und Tyrannei keinen Unterschied macht und beide gleichermassen verwirft. Dankenswerterweise macht der Rezensent (der sich selbst als Minimalstaatler bezeichnet) deutlich, dass diese Ideologie nicht nur utopisch, sondern sogar gefährlich ist:

Leider (…) findet sich auch bei Hoppe die phantastische Annahme seines Lehrers Murray Rothbard von einem natürlichen Widerstandsrecht unmündiger Kinder. Sie können ihre Eltern verlassen und von zu Hause weglaufen, sie dürfen nicht zurückgeführt werden, wenn sie dies ablehnen. Auch ist es verwegen optimistisch, anzunehmen, daß konkurrierende private Sicherheitsfirmen von den Waffen, die sie besitzen – darunter vielleicht atomare oder chemische -, nicht gelegentlich auch einmal Gebrauch zur Erweiterung ihres Kundenkreises machen; daß sie nach einer Monopolrendite streben, indem sie alle Wettbewerber tätlich ausschalten. Die am Ende mächtigste Firma wäre dann der neue monopolistische Staat – in privater Form. Hoppe gibt diese Möglichkeit zu. Wie Rothbard indes meint er, man habe dann wenigstens ein schönes Zwischenspiel genossen, einen Urlaub vom Staat. Die Frage lautet nur: Wer trägt die Kosten dieses Experiments? Und: wer ist bereit, sie zu tragen?

Eben.

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5 Responses to “Anarchokapitalismus”

  1. Sehr richtig. Der Anarcholibertarismus ist eine absurde, gefährliche, im Endeffekt nihilistische Ideologie.

    #1038
  2. Ich betrachte die Libertärern als spiegelbildliche Marxisten.

    Während die einen davon ausgehen, dass der Mensch ohne Anreize produziere, gehen die anderen davon aus, dass er ohne Sanktionen unterlasse.

    #1041
  3. Ja; die Einschätzung ist gar nicht so falsch. Im Endeffekt teilen Kollektivisten und Anarchisten den gleichen grundlegenden Fehler; sie verwirren sich über die Funktionen von Staat und Wirtschaft, von Zwang und Produktion. Sie sehen nicht, das eine vernünftige Sozialordnung ein Integrat von Markt und Staat ist, kein entweder-oder. Während die Kollektivisten jeden Akt der Produktion und des Wettbewerbs für einen Akt des Zwangs halten (”Eigentum ist Diebstahl”, “Der Unternehmer bedeutet den Arbeitet aus”) und entsprechend versuchen, die Spähre des Marktes durch die des Staates zu verdrängen, denken sich die Libertären, dass doch Wettbewerb so schön erfolgreich bei der Güterproduktion war, und Zwangsmonopole so schlecht, wieso sollte Wettbewerb dann nicht auch beim Rechtsschutz gut sein? Ergo versuchen sie den Staat durch den Markt zu verdrängen. Insofern sind Kollektivisten und Anarchisten zwei Seiten der gleichen Medaille. Nicht umsonst hat mal jemand den Libertarismus treffend als “statism without a state” bezeichnet. Man könnte noch viel darüber schreiben und weitere Argumente vorbringen, aber im Endeffekt reduziert es sich auf folgendes: Kollektivisten und Anarchisten sind in einem künstlichen Denkgegensatz von Markt und Staat gefangen, der sie daran hindert, zu sehen, dass die entscheidende nicht “Anarchie oder Totalitarismus?”, sondern “willkürliche Herrschaft der Menschen über andere Menschen–oder Herrschaft des Rechts?” lautet. Und dieser Fehler führt dann dazu, dass Anarchisten bei der Herrschaft der Menschen verbleiben–mit den gleichen fatalen Konsequenzen, wie sie auch der totalitäre Kollektivismus im letzten Jahrhundert gezeitigt hat: gesellschaftliche Unordnung und Massentod.

    #1042
  4. Rothbard in seiner “Ethik der Freiheit” meint, Recht könne es auch ohne Staat geben und habe es in der Geschichte auch gegeben. Aber ausser ein paar dürren Verweisen auf angebliche vorstaatliche Erscheinungen dieser Art (”Irland vor der Eroberung durch Cromwell”) gibt es hier keine wirklich überzeugenden Ausführungen.

    #1045
  5. DoE

    Anarchokapitalismus oder Anarcholiberalismus ist keinesfalls mit Nihilismus gleichzusetzen. Anarchokapitalisten lehnen nicht alles Bestehende ab, sie hinterfragen es. Sollte sich herausstellen, dass gewisse Dinge tatsächlich sinnlos sind, so werden sie diese selbstverständlich ablehnen. Die Etatisten machen das genauso, mit dem Unterschied, dass diese ihre Ansichten allen aufzwingen, Andersdenkende verdammen und deren Willen zu brechen versuchen, um sie gleichschalten zu können.

    In meinen Augen ist es nur natürlich, alles zu hinterfragen und so das Gute vom Schlechten zu trennen. Gefährlich sind vielmehr diejenigen, die alles gedankenlos akzeptieren. Diejenigen, welche sich willenlos unserer arroganten und egoistischen Staats-Elite hingeben und sie in ihrem tun bekräftigen. Der gegenwärtige Zustand unserer Gesellschaft ist jedenfalls die direkte Folge davon: wachsende Armut, Übervölkerung und die damit zusammenhängende steigende Selbstmordrate, Jugendarbeitslosigkeit, Zukunftsängste und die damit verbundene Aussichtslosigkeit, explodierender Kontroll- und Regulierungswahn der Behörden und die daraus resultierende zunehmende Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung sowie unzählige weitere Probleme.

    Vielen Dank dafür an die Etatisten.

    Jene, die für dieses Fiasko verantwortlich sind, meinen, die individuelle Freiheit trüge die Schuld an diesem Übel. Obwohl sie wissen, dass mit dem zunehmenden Totalitarismus auch die Probleme exponentiell zunehmen: Nimmt man Dir alle Freiheiten, indem man Dich in eine Ecke drängt, dann wirst auch Du Dich eines Tages zur Wehr setzen, um Dich aus dieser misslichen Lage befreien.

    #39313

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