Namus
„Meine Schwester ist im Paradies. Ihr geht es gut.“ So Arzu Sürücü vor Gericht über ihre ermordete Schwester. Necla Kelek, bekannte Soziologin, beleuchtet einen wenig beachteten Aspekt im Falle des Ehrenmordes an Hatun Sürücü:
Es gibt auch in unserer Gesellschaft, mitten in Deutschland, Menschen, die nach anderen Regeln leben, als es das Individualstrafrecht vorsieht. Sie leben in einer muslimisch-archaischen Parallelwelt, in der es ein vom Familienverband losgelöstes „Ich“ gar nicht gibt.
Eine kleine Einführung in die Soziologie der muslimisch-türkischen Gesellschaft (Hervorhebungen von mir):
Der Sohn ist dem Vater, dem älteren Bruder, dem Onkel sowie Gott gegenüber zu „Respekt“, sprich Gehorsam, verpflichtet. Die Männer sind für „namus“, für die Ehre der Töchter und Schwestern verantwortlich, sie kontrollieren die Frauen im Namen der Familie. Diesem Islam fehlt das Konzept der entscheidungsfähigen, moralisch verantwortlichen Person vollkommen.
(…) „Wenn der Sohn mit fünfzehn immer noch kein Muslim ist, trägt der Vater die Schuld“, sagte mir ein Hodscha, als ich ihn zu den Erziehungsaufgaben eines Vaters befragte. Hatun hatte, weil kein muslimischer Mann sie beaufsichtigte, in dieser Welt kein Recht auf das Kind. Und aus diesem Umstand wird vielleicht auch der Zeitpunkt der Tat erklärbar. Hatun lebte bereits einige Jahre allein mit ihrem Sohn. Ihre Familie hatte sie verstoßen, und für Alpaslan war sie bereits „gestorben“. Da war der kleine Sohn namens Can, was „die Seele“ oder „Leben“ bedeutet, aber noch kein religiöses Subjekt. Erst mit zunehmendem Alter wurde die Frage, ob er muslimisch erzogen wird, für die Gläubigen in der Familie drängender. Mußte Hatun vielleicht nicht nur sterben, weil sie „wie eine Deutsche“ lebte, sondern auch, weil sie einen Sohn hatte, der davor bewahrt werden sollte, ein Ungläubiger zu werden?
Ritualmorde folgen einem bestimmten Prinzip. Je jünger ein Mitglied der Familie ist, desto weniger „saygi“, „Achtung“ steht ihm zu und desto unangenehmer sind die Aufgaben, die er verrichten muß. Besonders dort, wo die Gefahr besteht, daß der Staat archaisches Verhalten sanktioniert, wird immer der jüngste Sohn „geopfert“ und ein älterer, „wertvollerer“ verschont.
Nachdem Ayhan seine Schwester aufgefordert hatte, um Vergebung für ihre Sünden zu bitten, schoß er ihr „alnindan vurmak“, von Angesicht zu Angesicht in die Stirn. Dieses Vorgehen kommt bei fast allen sogenannten „Ehrenmorden“ zur Anwendung, denn damit gibt der Täter der „yüzsüz aile“, „der gesichtslosen Familie“, „das Gesicht“ zurück. Aber solche Zusammenhänge wurden vom Gericht nicht hinterfragt.
An dieser Stelle sei noch einmal auf das Buch der marokkanischen Soziologin Fatima Mernissi: “Geschlecht, Ideologie, Islam” hingewiesen, das die familiären Strukturen sozialer K0ntrolle in muslimischen Gesellschaften am Beispiel Marokkos beschreibt. Die Autorin weist darauf hin, dass in einer solchen Ehe “der Ehemann keine einzige moralische Pflicht gegenüber seiner Frau hat.” Alles, was die Frau erwarten kann
(…) sind Befehle, im Gegenzug dafür gewährt sie ihm Gehorsam. Eine Gesellschaftsordnung, die den Ehemann nicht dazu ermutigt, seine Ehefrau zu lieben, sondern dazu, ihr zu befehlen – eine solche Gesellschaftsordnung verstärkt und rechtfertigt dieses Gewaltverhältnis. [S. 119]
Und das setzt sich hierarchisch nach unten hin fort.
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[...] besuchen (und gegebenenfalls in diesem Blog darüber berichten). — Siehe auch: • Namus, 26. April 2006, • Fahrrad und Ehre, 24. Mai 2006.
[...]
[...] m Iran nach Frankreich geflohen und studierte dort Anthropologie. — Siehe auch: • Namus, 26. April 2006.
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