Die Geburt Amerikas

Monday, May 1, 2006
Von Michael Kreutz

Die “American Enterprise” geht in ihrer aktuellen Ausgabe der Frage nach, wie Glaube Gesellschaften konstituiert. Ein Beitrag von Michael Novak und Jana Novak stellt den Zusammenhang von George Washingtons Religiösität und der Geburt Amerikas heraus:

So how did George Washington persevere? As he acknowledged many times, he trusted “Providence.” George Washington had a silent ally to whom he regularly gave thanks, publicly and privately.

(…) For Washington, both the Bible and the writings of the ancients (especially military heroes) were storehouses of wisdom, and he studied each. When he ordered busts and portraits for the ornamentation of his parlors at Mount Vernon, he chose exemplars of the use of power from across the centuries: Alexander the Great, Julius Caesar, Charles XII of Sweden, Frederick II of Prussia. He also hung prominently on the wall of his large dining room, the most public room at Mount Vernon, two key portraits: the Virgin Mary and St. John. He kept clearly in mind—and exemplified in his own speech and behavior—the dual message of the Bible: that men are capable of both brutishness and nobility.

Das ist beste aufklärerische Tradition. Aufklärung ist zwar immer insofern gegen die Religion gerichtet, als sie ihre unbedingte Autorität in allen Fragen des Seins nicht anzuerkennen bereit ist. Sie ist aber ebensowenig die Kehrseite des Atheismus. Nicht ohne Grund war der Deismus die vorherrschende Geisteshaltung in Bezug auf die Gottesfrage gerade vieler kontinentaleuropäischer Aufklärer. Auch der Rückgriff auf die Antike ist typisch für den Humanismus dieser Zeit. Numa steht Pate.

(…) There is some dispute concerning how religious most of America was during the years of the War of Independence. The shortage of clergymen and even churches was always severe along the paths of the westward migration. On the other hand, recent studies suggest that religious practice was more intense than previously thought. The “First Great Awakening,” a broad renewal of religious conviction, was slowly spreading through the colonies, even in the Anglican South, threatening the laws of religious establishment, for example, in Virginia.

Thus, it can be no surprise that at the first meeting of the Continental Congress in Philadelphia, in September 1774, when news was received of the sudden outbreak of war in Boston, the very first motion on the floor was for a prayer to seek the guidance of Almighty God. Resistance immediately erupted—not because prayer was thought inappropriate, but because John Jay and others protested that they could not pray in the same terms as other people present (Anabaptists with Quakers, Congregationalists with Episcopalians, Unitarians with Presbyterians). Sam Adams settled the dispute by announcing loudly that he was no bigot and could pray along with any minister so long as he was a patriot.

(…) In Pennsylvania and New York, the primary meaning of liberty seemed to be freedom from central government—liberty meant, at the very least, minimal government. In part, this flowed from the Whig tradition of Britain, and its strong emphasis on commercial and market liberty. It was also fed by Adam Smith and other Scottish commonsense philosophers who, along with John Locke, saw in human nature a “system of natural liberty.”

Der amerikanische Weg der Aufklärung verläuft anders als in Kontinentaleuropa. »Virtue was a presupposition of the Constitution, but it did not appear in the document itself. Nor did religion.« schreibt Gertrude Himmelfarb[1] über die amerikanische Verfassung. »Both were omitted for the same reason: because they were presumed to be rooted in the very nature of man and as such were reflected in the moeurs of the people and in the traditions and informal institutions of society.«

Benjamin Rush, einer der Unterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, befand »The only foundation for a useful education in a republic is to be laid in religion. Without it there can be no virtue, and without virtue there can be no liberty, and liberty is the object and life of all republican governments.« Alexis de Tocqueville notierte in seinen Betrachtungen über die amerikanische Gesellschaft, dass in Frankreich der Geist der Religion und der Geist der Freiheit in direktem Gegensatz stünden, wohingegen in Amerika beide auf demselben Boden wüchsen. Die USA, das Land, in dem das Christentum am stärksten ist, ist daher zugleich »das aufgeklärteste und freieste«.

Deisten und Unitarier, britische Protestanten, Römisch-Katholiken, Evangelikale und Juden fochten für dieselbe republikanische Idee. Himmelfarb: »In seeking respite from the religious passions of the Old World, the Americans did not, like the French, turn against religion itself.« In der Vision einer »city upon a hill« trafen sich das christliche und das republikanische Amerika. Wichtig war, wie Tocqueville schrieb, nicht etwa, dass alle Bürger der einen wahren Religion angehörten, sondern überhaupt einer Religion. Das schliesst ein säkulares Staatsmodel keineswegs aus: »The separation of church and state, however interpreted, did not signify the separation of church and society. On the contrary, religion was all the more rooted in society because it was not prescribed or established by the government« schreibt Himmelfarb.

Ich bin selbst nicht fromm, gleichwohl kein Atheist. Der amerikanische Weg einer Aufklärung, die sich nicht antireligiös geriert, scheint mir auch heute noch wegweisend, beschreitet sie doch den Weg der Mitte zwischen dem Terror, in denen die atheistisch durchwirkten Ideale der Französischen Revolution versanken, und den religiösen Diktaturen unserer Zeit.


  1. Gertrude Himmelfarb, The Roads to Modernity: The British, French, and American Enlightenments, New York 2004. Kap. »Religion and Virtue«, S. 204 ff., bei Amazon kaufen
–––

Tags: , , , , , , , ,





6 Responses to “Die Geburt Amerikas”

  1. N. Neumann

    Eine Rezension zu The Roads to Modernity in deutscher Sprache:

    http://www.andriankreye.com/Himmelfarb.html

    MK: Der amerikanische Weg einer Aufklärung, die sich nicht antireligiös geriert, scheint mir auch heute noch wegweisend, beschreitet sie doch den Weg der Mitte zwischen dem Terror, in denen die atheistisch durchwirkten Ideale der Französischen Revolution versanken, und den religiösen Diktaturen unserer Zeit.

    Das atheistische, antireligiöse, antikirchliche und/oder säkulare Moment der Aufklärung ist nicht zuletzt auf zwei spezifisch europäische Erfahrungen zurückzuführen.

    1. Auf die Nähe der Amtskirchen zur Obrigkeit, oder anders formuliert: darauf, dass die Amtskirchen häufig Instrument der Obrigkeit waren.

    2. Auf den 30-jährigen Krieg samt Nachwehen und die konfessionellen Bürgerkriege im Großbritannien des 17. bis Mitte des 18.
    Jahrhunderts.

    Woraus sich, überflüssig zu erwähnen, auch der Umstand erklärt, dass sehr viele Gründer(väter) Amerikas fromme Leute waren.

    #1431
  2. @ N. Neumann

    Irrtum. Diese europäischen Erfahrungen spüiegeln sich in der Vorgeschichte der USA wieder. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung zur Kolonialzeit setzte sich aus britischen und deutschen Glaubensflüchtlingen zusammen.

    Was in Amerika fehlte, waren Staatskirchen als Teil des Feudalsystems.

    #1443
  3. N. Neumann

    Das ist alles richtig. Allerdings kann ich nicht erkennen, worin oben mein Irrtum bestehen soll.

    Vielleicht hätte ich aber 2. noch um einem kurzen Hinweis auf den für die politische Ideengeschichte Europas bedeutsamen Proto-Säkularisten und Vertragstheoretiker Thomas Hobbes ergänzen sollen, dessen Kirchen- und Theologiekritik nicht nur in naturwissenschaftlichen Denkfiguren fußt, sondern eben auch in dem Umstand, dass Religion eine Quelle innerstaatlichen Unfriedens sein kann.

    Mit Hobbes Ideen verlor der neuzeitliche Staat a) sein theologisches Fundament (Vertrag anstatt Gottesgnadentum) und bekam b) absoluten Vorrang vor der Religion. Zumal er es mit der Befugnis des Leviathan, den jeweiligen christlichen Glauben festzulegen, konsequentiell betrachtet nicht so genau nahm: Die jeweilig Andersgläubigen sollten zwar ihre Form des christlichen Glaubens um des innerstaatlichen Friedens Willen nicht offen praktizieren dürfen und mussten dementsprechend um des Leviathan Willen ein Lippenbekenntnis zum von ihm bestimmten Glauben ablegen, weitergehende Formen der Gewissensprüfung oder Kontrolle entfielen jedoch.

    Maßstab für die “Tugendhaftigkeit” des Untertans waren allein die Gesetze des Leviathan bzw. die Befolgung derselben, und nicht seine innere Glaubensüberzeugung; was auf dem Hintergrund des Erscheinungsjahres des Leviathan, 1651, als liberal gelten kann.

    (Der totalitäre Staatsdenker, Erzkatholik und große Hobbes-Interpret Carl Schmitt hat noch Jahrhunderte später vergebliche Bemühungen unternommen, um die liberalen Einfallstore im Werk des aufgeklärten Absolutisten Hobbes, so auch das rein äußerliche Bekenntnis zur Staatsreligion, in seinem Sinne zu revidieren.)

    #1447
  4. Das heißt doch wohl, dass Hobbes von den Puritanern etwas verlangtm was sie nicht leisten wollen: Ein Lippenbekenntnis zur anglikanischen Staatskirche.

    #1448
  5. N. Neumann

    Das heißt doch wohl, dass Hobbes von den Puritanern etwas verlangtm was sie nicht leisten wollen: Ein Lippenbekenntnis zur anglikanischen Staatskirche.

    Ich weiß jetzt nicht mehr, ob Hobbes das, zumal nach dem Ende der Herrschaft Cromwells, tatsächlich bzw. explizit von den Puritanern verlangt hat, aber dem Prinzip nach: ja; wer herrscht, der soll auch die Religion bestimmen.

    Andererseits kehrte er am Anfang der Herrschaft Cromwells nach England zurück, und zog, wenn ich mich richtig erinnere, zumindest eine Zeit lang die puritanische Kirchenverfassung der anglikanischen als geringeres Übel vor.

    Wobei er, und zwar aus gutem Grund, innerhalb jeder konfessionellen Fraktion erbitterte Feinde hatte. Kundige Puritaner nahmen ihm, obwohl er auf seine Weise ein großer Katholikenfresser war, z.B. besonders übel, dass er, wie bereits oben erwähnt, die “Tugendhaftigkeit” des Untertans/Buergers allein an dessen Treue zu weitgehend weltlich geprägten Gesetzen bemessen haben wollte, und somit, um des inneren Friedens Willen, auch Fragen der öffentlichen Moral zur Privatsache erklärte.

    Davon, dass die Puritaner in Großbritannien, zumindest bis zum Ende von Cromwells Herrschaft, gegenüber den anderen Konfessionen mehr Toleranz an den Tag gelegt haben als jene den Puritanern gegenüber oder die Puritaner schon damals einen Staat favorisiert haben, der eine Äquidistanz zu unterschiedlichen Konfessionen hält, kann jedenfalls kaum die Rede sein.

    Dazu mussten sie erst die schmerzvolle Erfahrung der Niederlage im konfessionellen Bürgerkrieg machen und nach Amerika gehen, wo sie zunächst mehr oder weniger unter sich waren. Weit und breit niemand, der, um ein in der damaligen Zeit unter deutschsprachigen Protestanten geläufiges Schmähwort zu gebrauchen, dem “papistischen Mummenschanz” Einfluss sichern wollte.

    #1461
  6. [...] ch daran halten. Zu den Höhepunkten der letzten Monate zählten u.a. folgende Beiträge: Die Geburt Amerikas, 1. Mai 2006 Das Testament des Attentät [...]

    #3496

Search

Categories

Archives

 

February 2012
M T W T F S S
« Jan    
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
272829  

Visitors

Visitors Online

Visitors Online: 0

Editor’s Corner

Bad Behavior has blocked 9743 access attempts in the last 7 days.