Afrikanische Tragödie

Tuesday, May 2, 2006
Von Michael Kreutz

Warum schafft die Welt es immer noch nicht, alle ihre Menschen zu ernähren, obwohl sie Nahrungsmittel im Überfluß produziert, fragt Inge Kloepfer in der FAS:

Nach den Zahlen der Welternährungsorganisation FAO hungern 852 Millionen Menschen auf der Welt. Mehr noch: Während die Ernährungsindustrie immer neue Produktivitätsrekorde erzielt, geht es den Hungernden gleichwohl nicht substantiell besser.

Die Entwicklungshilfe hat weitgehend versagt. Mehr als 2 Billionen Dollar hat der Westen in den vergangenen 50 Jahren für Entwicklungshilfe ausgegeben. Und wenig hat es für die Hunger- und Armutsbekämpfung gebracht. Schlimmer noch: Die Hilfe ist vielerorts zur Falle mutiert und hat die Entwicklungsländer in eine verheerende Abhängigkeit getrieben.

Dass Entwicklungshilfe arm macht, wurde auf diesem Blog schon mehrfach illustriert (nämlich hier, hier, hier, hier und vor allem hier). Hunger ist dabei in erster Linie ein afrikanisches Problem. Die Entwicklungshilfe ist aber nicht die alleinige Ursache:

Die Gründe für die Abhängigkeit der armen Länder liegen nicht nur in der Entwicklungshilfe. Sie liegen in den gigantischen Produktivitätsfortschritten westlicher Nahrungsmittelproduktion, die die Preise über Jahre haben sinken lassen. Die armen Länder kamen nicht mit, die „grüne Revolution“ der 60er und 70er Jahre hat sie schlicht überrollt. Mehr als billige Arbeitskräfte konnten sie nicht bieten, wo doch die Nahrungsmittelproduktion ein kapital- und wissensintensives Geschäft geworden ist und billige Arbeitskräfte und ein günstiges Klima allein keine Vorteile mehr sind. Billige Produkte auf dem Weltmarkt haben die Anreize für die armen Länder erhöht, sich dort zu versorgen. Die eigene Landwirtschaft verloren sie aus dem Blick. Die milliardenschweren Subventionen des Westens taten ein übriges dazu, die Weltmarktpreise zu drücken. Der eigentliche Grund für die Misere sind sie nicht.

Ist also der Kapitalismus an allem schuld? Nun ist das hier kein linkes Blog und die FAS keine linke Zeitung, und darum geht die Geschichte noch ein bisschen weiter:

Die Lösung des Paradoxons vom Hunger im Überfluß liegt vor allem in den Ländern selbst. „Die Entwicklungsländer müssen die wirtschaftliche Kraft entwickeln, damit sie jene 50 Milliarden Dollar in Zukunft werden bezahlen können, die sie brauchen, um sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen“, sagt [der Berliner Agrarökonom] Witzke. Oder: Sie müssen sich in einem ersten Schritt aus der Klammer des Westens lösen.

Zur Entwicklung wirtschaftlicher Kraft bedarf es vor allem unternehmerischer Freiheit. Warum sich die Entwicklungsländer Afrikas jedoch kaum aus ihrer Umklammerung lösen werden, ergründet das “Handelsblatt” von heute. Es ist nämlich gerade die VR China, die zunehmend korrupte Regime in Afrika hofiert:

Ein Beispiel für Pekings Politik ist Kenia: Während die Niederlande wegen der grassierenden Korruption gerade ein fast 150 Mill. Dollar schweres Hilfspaket storniert haben, unterzeichnete Hu in Nairobi ein Abkommen zur Erschließung von Ölfeldern und Verträge über eine stärkere Kooperation im Straßenbau und im Kampf gegen Malaria. Kenias Präsident Mwai Kibaki, aber auch Simbabwes Diktator Robert Mugabe fordern schon lange, dass Afrika sich vom Westen abwenden und dafür stärker nach Osten schauen sollte.

Die Umklammerung durch den Westen weicht der Umklammerung durch China. Mittlerweile hat Peking Handelsverträge mit 40 afrikanischen Staaten geschlossen:

Seit Hus erster Afrika-Reise 2004 hat sich China Öl aus Gabun und dem Sudan gesichert, aber auch für 800 Mill. Dollar einen Vertrag mit Nigeria über die Lieferung von 30 000 Barrel Öl am Tag geschlossen. Daneben hat es Angola, dem zweitgrößten Ölproduzenten in Schwarzafrika, ohne nennenswerte Auflagen einen zinsgünstigen Kredit von zwei Mrd. Dollar gewährt — im Austausch für weitere 10 000 Barrel Öl pro Tag.

Mit dieser Politik unterläuft Peking bewusst westliche Hilfszusagen, die nun stärker als bisher an demokratische Fortschritte und eine transparentere Haushaltsführung in den Empfängerländern geknüpft werden. So darf etwa der Sudan, dem Peking beim Bau von Raffinerien und Pipelines hilft, voll auf Chinas Unterstützung im Uno-Sicherheitsrat zählen. Eine Verurteilung Khartums wegen seines Vertreibungskrieges in Darfur ist dort bislang genauso am Veto der Chinesen gescheitert wie im Fall der fortgesetzten Menschenrechtsverletzungen in Simbabwe.

Nimmt man die Tatsache hinzu, dass sich China auch als Waffenexporteur betätigt und seine Lieferungen in Bodenschätzen ausbezahlen lässt, dann sieht man, wohin die Globalisierung zwischen Diktaturen führen muss. Solange es in Afrika keine Freiheit gibt, wird auf dem Kontinent weiterhin der Hunger herrschen.

Bookmark this:
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Technorati
  • Furl
  • MisterWong
  • Slashdot
  • Wikio
  • LinkedIn
  • TwitThis
  • Yigg
–––

Tags: , , , , , , , , ,

4 Responses to “Afrikanische Tragödie”

  1. Abla

    http://www.presseportal.de/sto.....rch=darfur

    Berlin (ots) – (Khartum) Trotz des furchtbaren Leids von Millionen Menschen im Sudan muss das UN World Food Programme (WFP) wegen fehlender Gelder die Essensrationen ab Mai drastisch kürzen.

    #1459
  2. [...] um Studium oder zu Weiterbildungsseminaren nach China ein. Wohin diese Entwicklung woihl führen mag?

    This entr [...]

    #1595
  3. [...] ld in marode Staaten pumpen, zum Leidwesen von deren Bevölkerung. — Siehe auch • Afrikanische Tragödie, 3. Mai 2006. [...]

    #9650
  4. Entwicklung ist ein Prozess an dem ale Menschen aktiv teilhaben sollten, Entwicklung ist Veränderung der art des Sehens, und nur das führt dann auch zu nachhaltiger äußerlicher Entwicklung. Und dies ist was wir den benachteiligten in der Dritten Welt geben sollten, und auch die Erfahrung der Beteiligung an Veränderung sowie der eigenen Initiative dazu. Wir können diese Unabhängigkeit den Menschen dort schenken (und müssen es auch da wir alle auf der Erde in einer voneinander abhängigen Gemeinschaft leben), indem wir endlich verstehen wie sie sehen (leben), und ihnen unsere Erfahrung durch Leben bei (mit) ihnen emotional vermitteln.

    Wer sich dem hingeben will, findet auf den Seiten von http://www.farafina.eu alle Informationen und Inspirationen zum Nachdenken die er braucht.

    #40662

Bad Behavior has blocked 19766 access attempts in the last 7 days.