Yom Haatzma’ut, Teil 3
Auf der Webpräsenz Ludwig Watzals gibt es einen Link auf einen Artikel, der 2004 in einer Publikation (dort S. 146) der Konrad-Adenauer-Stiftung erschien. Darin wirft sein Autor Watzal dem Staat Israel vor, einem »ethnozentrische[n] Wertesystem« anzuhängen, das »mit einem demokratischen nicht vereinbar ist«, was »unter Demokraten eine Selbstverständlichkeit« sein solle. Hier kommen wir zu einem weiteren Vorwurf, der exklusiv an die Adresse Israels gerichtet wird.
Behauptung Nr. 2: »Israel ist nicht der Staat aller seiner Bürger.«
Diese Behauptung ist ein gutes Beispiel dafür, wie man auch mit Fakten manipulieren kann, ohne lügen zu müssen. Zuerst einmal: Wie ist der Vorwurf zu verstehen, Israel sei auf einem »ethnozentrischen Wertesystem errichtet« (Watzal) und zugleich nicht der Staat aller seiner Bürger? Rechtlich gesehen ist er das natürlich, denn die arabische Minderheit in Israel hat unzweifelhaft die israelische Staatsbürgerschaft und besitzt das aktive wie passive Wahlrecht. Der unausgesprochene Vorwurf, ein Apartheidsstaat zu sein, lässt sich nicht mit israelischem Recht belegen. Der Vorwurf muss daher auf etwas anderes abzielen, und das kann ganz offensichtlich nur der Umstand sein, dass Israel sich explizit als jüdischer Staat begreift, was es seinen nichtjüdischen autochthonen Bürgern naturgemäss schwer macht, sich mit diesem zu identifizieren. Das ist allerdings wahr, und dennoch hat dieser Vorwurf etwas diffamierendes an sich. Denn Israel ist zwar eine Religionsnation, aber in dieser Charakterisierung nicht einzigartig. An einigen Fallbeispielen lässt sich leicht illustrieren, wie Israel auch hier einer Doppelmoral zum Opfer fällt.
Nehmen wir die Türkei: Wie alle Nationalstaaten, so ist auch die Türkei um ihrer Titularnation willen gegründet worden. Wer aber gilt als Türke? Die türkische Nation (Türk ulusu) erfolgte nach dem Willen der Republikgründer durch das Instrument der Profanisierung des Staates. Der Verzicht auf eine religiöse Legitimierung bedeutet jedoch nicht die Trennung von Staat und Religion. Denn es ist der Staat, der über den Fortbestand der muslimisch definierten türkischen Religionsnation (Türk milleti) wacht. Das türkische Wort ‘millet’ (von Arab. milla) ist ein Relikt aus osmanischer Zeit und bezeichnet eine konfessionell-nationale Gruppe.
»Aus Nichtmuslimen aufrichtige türkische Staatsbürger zu machen, ist unmöglich, wir können sie höchstens dazu bringen, die Türken zu respektieren«, formulierte es Ali Haydar zur Anfangszeit der Republik. Der Staat fördert durch seine Intitutionen den sunnitischen Islam und damit dessen Angehörige. Eine Untersuchung türkischer Schulbücher 1980 kommt zu folgendem Befund: »Der beste Türke ist der muslimische Türke. Der beste Muslim ist der türkische Muslim.« Der frühere Ministerpräsident Turgut Özal pflegte zu sagen: »Das wichtigste an unserer nationalen Identität ist der Islam.« Auch der Halbmond in der türkischen Flagge ist ein Symbol des Islam.
Ein weiteres Beispiel ist Griechenland. Wie die Türken, so bilden auch die Griechen ganz eindeutig eine Religionsnation. Der Dichter Spyrídon Zambeliós (gest. 1881), der zum Kreis um den Schöpfer der griechischen Nationahmyne, Dionysios Solomós, gehörte, und eine monumentale Sammlung griechischer Volkslieder veröffentlichte, sah im Christentum die ultimative Synthese menschlichen Verstehens im Denken der Griechen. Der von Antisemiten gerne vorgebrachte Vorwurf, dass die Juden sich als auserwähltes Volk betrachten, liesse sich (ungeachtet der Frage seiner Richtigkeit) im Prinzip genauso auf die Griechen beziehen, deren byzantinische Vorfahren ein ähnliches Konzept entwickelten:
»So wie alles im byzantinischen Raum seine Richtigkeit hat, so ist alles, was sich ausserhalb dieses Raumes befindet, wenn nicht unrichtig, so doch leicht verdächtig. Das Volk, das in diesem Raum lebt, kann nur ein auserwähltes Volk sein.«
schreibt der Byzantinist Hans-Georg Beck. Und heute? »Greeks«, urteilt Konstantinos Kotzias, »and especially the Greek media, in general avoid any attempt at self-criticism, because their priority is conserving the myth of a chosen isolated nation.« Nur leider ist der Vorwurf, ein auserwähltes Volk sein zu wollen, einer, der allzuhäufig an Israel und die Juden gerichtet wird, niemals dagegen an Völker wie das griechische. Zweierlei Massstab auch hier.
Und die Liste der Beispiele lässt sich fortsetzen: Japans kollektives Selbstverständnis beispielsweise basiert weitgehend auf der Theorie des nihonjinron, der sogar unter Akademikern Zuspruch findet. Demnach ist Japan seiner Natur nach ethnisch homogen und zugleich einzigartig, sodass die japanische Kultur nur aus sich selbst heraus verstehbar sei und dem Nichtjapaner verschlossen bleibe. Die Diskriminierung seiner Minderheiten ist die zwingende Konsequenz aus dieser Einstellung, die in Japan von einem grossen Teil der Bevölkerung gepflegt wird. Der Glaube an eine Überlegenheit der japanischen Kultur mündet in einen staatlich geförderten, angeblich geläuterten Patriotismus (aikokushin), der sich allgemein mit der Existenz von Minderheiten und überhaupt Ausländern (gaijin) schwertut. Während Japan im Südafrika der Apartheid durchsetzte, dass seine Geschäftsleute als »Ehrenweisse« zu gelten haben, geht der Anpassungsdruck im eigenen Land soweit, dass der Aufstieg ausländischer Managern in die Spitzenpositionen japanischer Unternehmen undenkbar ist und selbst Japaner, die längere Zeit im Ausland verbracht haben, als unjapanisch gebrandmarkt werden.
→ Teil 2
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Malaysia wäre als weiteres beispiel zu nennen. Dort wird zwischen den malaisch-muslimischen bumiputra und anderen ethnischen Gruppen unterschieden (Chinesen, Inder, auch die muslimischen, nichtmuslimische “Unreinwohner”).
Zur Ehre Japans ist zu sagen, dass es mittlerweile heißen müsste:
“,… dass der Aufstieg ausländischer Manager in die Spitzenpositionen japanischer Unternehmen lange als undenkbar galt”
http://en.wikipedia.org/wiki/Carlos_Ghosn