UBI BENE IBI PATRIA
“Der Patriotismus der Franzosen, der Engländer, der Nordamerikaner hat daher den gemeinsamen Sinn, daß er ein Princip der Freiheit einschließt, und dies hat er vor dem der Deutschen voraus” schrieb der Paulskirchenabgeordnete Arnold Ruge 1844. Das war zu einer Zeit, als der deutsche Nationalismus sich über seinen Hass auf alles Französische definierte. Ruge spart nicht mit Kritik an anderen Varianten des europäischen Nationalgefühls, vor allem der Russen und der Schweizer, aber als Deutscher galt seine Kritik vor allem seinem eigenen Volk, während ihm die genannten Franzosen, Engländer und Nordamerikaner wegen ihrer Wertschätzung für die Freiheit am nächsten standen.

[Europas Nationen huldigen den Bürgerrechten. Frédéric Sorrieu, 1848]
Machen wir nun einen Sprung in die Gegenwart: Schwarz-Rot-Gold sind die Symbolfarben für das, wofür Ruge stand, die europäische Revolution von 1848 und ihre Ideale. Wir verbinden mit diesen Farben heute nicht einfach nur Deutschland, sondern das demokratische Deutschland, das freiheitliche Deutschland, das Deutschland der Westbindung. Neonazis mögen dumm sein, aber so dumm sind sie nicht, als dass sie nicht wüssten, dass Schwarz-Rot-Gold ihre Farben nicht sind, nicht sein können, und darum benutzen sie Schwarz-Weiss-Rot und dessen Varianten: die Reichskriegsflagge und das verbotene Hakenkreuzsymbol.
Wenn wir dieser Tage anlässlich der WM ein Meer von schwarz-rot-goldenen Flaggen sehen, so zeigt das, wie sehr das Nachkriegsdeutschland mit dem, wofür Schwarz-Rot-Gold steht, in der Bevölkerung akzeptiert wird. Das ist keine Selbstverständlichkeit: In der Republik Zypern ist die Landesflagge bis heute nicht besonders populär, wieviel mehr dagegen die Flagge Griechenlands. Die Akzeptanz für Symbole lässt sich eben nicht so leicht von oben verordnen.

[Die Deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche, um 1890]
Der Liberalismus der Nachkriegszeit hat auf das Verhältnis der Menschen zu ihrem Land, zu ihrer Nation in doppelter Weise gewirkt: Nationalismus ist unpopulär geworden in Europa, ein Schreckgespenst aus einer zu recht überwunden geglaubten, sehr finsteren Zeit - während man sich zugleich mit einem weltoffenen, liberalen und demokratischen Staatswesen umso mehr identifizieren mag. Das ist nicht paradox, sondern logisch.
Warum also zetteln Journalisten und Politiker immer wieder eine Patriotismusdebatte an? Was soll eine solche Pseudodebatte bringen? Gegner und Befürworter eines Patriotismus liegen gleichermassen daneben: Patriotismusgegner, die die Begeisterung für eine Fussballnationalmannschaft für eine Form des Nationalismus halten, gehören normalerweise zu derselben Gruppe von Menschen, die marktwirtschaftlichen Wettbewerb mit Sozialdarwinismus und Raubrittertum gleichsetzen. Ist doch irgendwie alles dasselbe. Und diejenigen, die einen Patriotismus ausdrücklich befürworten, glauben wohl, dass es ihn nicht gäbe, oder aber in falscher Form oder einfach nicht genügend.
Und das ist alles Kappes. In Wahrheit dürfte der Grund für diese Debatten um Für und Wider wohl der sein: Deutschland ist heute so normal, dass manche es einfach nicht ertragen können. Immerhin ist das ja auch was neues in unserer Geschichte. Und jetzt wird wieder Fussball geguckt.
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