Eine traditionslinke Abrechnung mit 68 …

By Martin Riexinger · July 2, 2006

… legt der Göttinger Parteienforscher Franz Walter in der TAZ vor. Anlass ist die Verärgerung über Schulbücher, in denen sich die 68er als die großen Liberalisierer der Lebensstile feiern. Er zeigt jedoch, dass die mutigen Bilderstürmer nur offene Türen einrannten. Von ihren politischen Vorstellungen habe sich nichts als haltbar erwiesen, während die Protagonisten kontinuierlich oben auf blieben. Nun liest man es gerne, wenn ein Linker Isaiah Berlin Mao Tsetung vorzieht, doch nimmt der Essay eine seltsame Wendung, wenn Walter Guido Westerwelle zu einer Folge der Studentenrevolte erklärt und dann zu einer Diathribe anhebt, die ebenso gut aus einer konservativen Feder stammen könnte:

Die Politik des beliebigen, spielerischen Affronts hat viel beschädigt: Institutionen, Traditionen, übrigens auch Menschen. Vor allem aber hat sie vereitelt, dass ein stabiler und verlässlich orientierender Wertekern erhalten blieb oder sich neu herausbildete. So wurde bezeichnenderweise das Werte- und Deutungsvakuum in der Regentenzeit von Rot-Grün zum entscheidenden Problem, das bis in die unmittelbare Gegenwart hineinreicht. Man weiß aus der Sozialpsychologie, dass Menschen nur dann aktiv, zielorientiert und selbstbewusst handeln können, wenn sie über ein konsistentes Normensystem verfügen. Fehlt ihnen ein solches Interpretationsset oder ist es in Unordnung geraten, dann machen sich Ängste breit, Hilflosigkeiten, Pessimismus. Menschen mit einem aus den Fugen geratenen Wertegerüst werden von Zukunftsfurcht gequält, reagieren konformistisch, suchen Sündenböcke. Eben so präsentiert sich die deutsche Gesellschaft im derzeitigen Übergang der 68er in den Pensionärsstand.

Trotzdem lesenswert!

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