Eine weisse Weste für die Hisbollah

Wednesday, August 9, 2006
Von Michael Kreutz

Es ist eine bedauerliche Tatsache, dass in den Medien zumeist nur der als Nahostexperte gilt, der – sagen wir es vorsichtig – Positionen bezieht, die konträr zu der israelischen und amerikanischen Politik stehen. Denn nur dann erwirbt man sich den Ruf, ein unvoreingenommener Fachmann zu sein. Wer dagegen zu Schlussfolgerungen gelangt, die für Israel und die USA sprechen, der gilt schnell als »gekauft«, »subjektiv« und »einseitig«. Im besten Falle wird daher die Schuld an einem Konflikt mit israelischer Beteiligung beiden Parteien, der israelischen wie auch ihrer Gegenpartei, zugewiesen. Das zeigt sich auch auf dem Markt der Bücher über den Nahostkonflikt, die sich in zwei Gruppen teilen lassen: Solche, die die Verantwortung allein bei Israel, und solche, die sie bei Israel und der Arabischen Welt gemeinsam suchen. Wer etwas anderes sagt oder schreibt, muss israelischer Botschafter sein.

Die »taz« nun hat ein neues Starlet am Himmel der Nahostexperten kreiert. Ein gewisser Stefan Rosiny darf im Interview zeigen, wie er alle Vorurteile seiner Zunft auf sich vereinigt und auch noch als eigene Gedanken ausgibt. Natürlich geht es um den Feldzug im Libanon, und da erfahren wir:

Das große Problem dieses Konflikts zwischen Hisbollah, Hamas und Israel ist die gegenseitige Nichtanerkennung. Alle Seiten wollen im Grunde ihren Gegner vernichten.

Wie eine Rasselbande, die sich ordentlich in die Wolle gekriegt hat und bei der kein Elternteil weiss, wer eigentlich angefangen hat. Und das ist ein Taschenspielertrick unseres »Experten«; denn wenn Hamas und Hisbollah Israel vernichten wollen, dann richtet sich dies gegen die jüdische Präsenz in Palästina als solche. Wenn Israel dagegen Hamas und Hisbollah vernichten wollte (aktuell gilt das eigentlich nur für letztere Organisation), dann richtet sich dies nicht gegen die arabische Präsenz ebendort. – Ein fundamentaler Unterschied, den Rosiny hier verwischt.

Dazu gehört es, ihn zu dämonisieren und zu entmenschlichen. So geschieht das im Hisbollah-TV-Sender al-Manar – aber auch bei israelischen Politikern, die von den Arabern wie von Tieren sprechen.

Dass der Hisbollah-Sender al-Manar Israel und die Juden dämonisiert, lässt sich leicht bei MEMRI-TV recherchieren. Dass israelische Politiker »von den Arabern wie von Tieren sprechen«, ist dagegen eine Behauptung, die der Leser nicht nachprüfen kann. Er kann sie nur glauben. Dabei ist die Behauptung blanker Unsinn: Selbst wenn es solche Äusserungen gegeben haben sollte, dann jedenfalls nicht als fester Bestandteil einer Regierungspropaganda und wohl kaum aus der Mitte des israelischen Parteienspektrums heraus.

Die Hisbollah betont immer wieder, dass sie die unrechtmäßige Besatzung Palästinas verurteilt. Ein ihr nahe stehender Geistlicher, Muhammed Hussein Fadlallah, hat es einmal so ausgedrückt: Selbst wenn die Israelis Muslime wären, würden wir gegen sie kämpfen: Weil sie den Palästinensern das Land genommen haben – und nicht, weil sie Juden sind.

Die »unrechtmässige Besatzung«, die die Hisbollah verurteilt, scheint für den »Experten« eine Art objektiver Tatbestand sein. Denn Rosiny sagt nicht, »die Hisbollah betrachtet das gesamte Staatsgebiet Israels als besetzt.« Und wenn man jetzt noch erfährt, dass die Hisbollah gar nichts gegen Juden hat, dann weiss auch der letzte, wer auf keinen Fall der Schurke im aktuellen Konflikt sein kann:

(…) dieser Krieg war wirklich unnötig, zumal im Libanon gerade ein “nationaler Dialog” stattfand, in dem die Entwaffnung der Hisbollah und ihre teilweise Integration in die Armee ganz oben auf der Tagesordnung standen. Allen Beteiligten – auch der Hisbollah – war dabei klar, dass sie nicht dauerhaft als Miliz bestehen bleiben würde. Möglicherweise wäre es in den nächsten Wochen oder Monaten hier zu einem Durchbruch gekommen. Doch diese Entwicklung wurde nun unterbrochen.

Natürlich war dieser Krieg unnötig. Israel hat ihn ja auch nicht angefangen. Dass die Hisbollah sich weigerte, sich unter die »Milizen« zu rechnen, von denen in der UN-Resolution 1559 die Rede war, erfährt der Leser nicht. Auch nicht, dass die Umsetzung der Resolution daraufhin aufgeschoben wurde , und zwar ohne, dass Israel gefragt worden wäre, ob und wie es gedenkt, die Shebaa-Farmen an den Libanon zurückzugeben, wie man hier nachlesen kann.
Tatsächlich weiss das auch unser »Experte«, er will es nur nicht wahrhaben, wie folgender Passus zeigt:

Die UN-Resolution 1559 aus dem Jahr 2004 erhob zwei Forderungen: Den Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon und die Entwaffnung aller Milizen. Dieser Konnex war sehr problematisch, denn er hat die Debatte im Libanon stark polarisiert. Dort betrachtet man die Hisbollah als legitime Widerstandsbewegung gegen die nach wie vor bestehende israelische Besatzung libanesischen Territoriums.

Also, welche Entwicklung hin zu einer Entwaffnung der Hisbollah soll unterbrochen worden sein? Offensichtlich ist das reines Wunschdenken. Und wenn wir schon beim Weisswaschen sind, dann muss noch ein letzter Schmutzfleck auf der Weste der Hisbollah entfernt werden, nämlich der, dass diese Zivilisten als Schutzschild missbraucht:

Es ist wirklich naiv zu glauben, dass sie ihre Raketen in ihren Privathäusern deponieren würden. Bekannt ist, dass die Hisbollah über unterirdische Tunnel verfügt, die sie als Raketendepot verwendet. Das ging sogar durch die westlichen Medien.

Sicher doch. Und wo verlaufen diese Tunnel? In der Wüste? (s.a. hier, hier und hier.)

Jedenfalls können wir Herrn Rosiny beglückwunschen. Dieses Interview ist sicherlich ein Sprungbrett für eine weitere Karriere im »Presseclub«, bei ARTE oder sonstwo.

Zum Schluss noch eine kleine Leseempfehlung über die Stimmung in Beirut: Hier. Die Katjuschas, die in Israel einschlagen, sind jedenfalls weit weniger präzise und unterscheiden nicht zwischen Juden und Arabern.

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2 Responses to “Eine weisse Weste für die Hisbollah”

  1. N. Neumann

    Es ist zwar bei weitem nicht so, dass Journalisten verschiedener Couleur nie genau den Experten interviewen würden, von dem sie sich ihnen normativ sehr genehme Antworten erhoffen, aber der Blinde unter den einäugigen Israel-Bashern und notorischen Islamistenverstehern, Daniel Bax*, hätte auch gleich ein Interview mit sich selber führen können. Das wäre wenigstens originell gewesen.

    Aber womöglich hätte Bascha ihn nicht gelassen – fairerweise sei erwähnt, dass in der taz auch der eine oder andere Nicht- oder Anti-Bax zu Wort kommt – wenn er binnen weniger Wochen Israel zum wasweißweißichwievelten Mal selbst einen hätte reingewürgen wollen. Da musste er eben auf einen Experten zurückgreifen. So bleibt Wiederholung immer noch die Mutter der Didaktik.

    *http://www.taz.de/pt/2006/07/22/a0032.1/text

    Die hier von Bax vollzogenen Verrenkungen stellen u.a. strengenommen eine Beleidigung von Claus Kleber, Uli Wickert und den wohlbehüteten Gutdeutschen unter den Zeit-Redakteuren dar.

    #6213
  2. Bernie

    An dieser Stelle ein großes Lob an das Transatlantic Forum für die guten Analysen des Nahostkonflikts und der Berichterstattung darüber. Ihr seid sachlich und nüchtern, und trotzdem pointiert in der Sache. Das schafft nicht jeder. Weiter so!

    #6215

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