Nichts ist so veraltet…

Tuesday, August 15, 2006
Von Martin Riexinger

… wie eine Rezension, der die Zeitläufte mit überraschender Schnelligkeit die Grundlage entzogen haben. Die musste ich mir denken, als ich am Sonntagnachmittag auf der Rückfahrt von Kassel auf HR Info eine lobhudelnde Besprechung von Harro Zimmermanns “Günter Grass unter den Deutschen. Chronik eines Verhältnisses” hörte. Rezensent und Autor übernehmen das selbstgerechte Selbstbild von Grass und Böll als einsame Kämpfer gegen die vermeintliche Restauration.

Besonders kurios gestaltete sich, wie die beiden zu Helden und Märtyrern stilisiert wurden. Kritikern von Grassens inkompetenten politischen Statements wurde entgegengehalten, erhabe nur von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht. Als ob ihm das jemand verwehrt hätte und er je etwas anderes zu befürchten gehabt hätte als harsche Gegenpolemiken, also die freie Meinungsäußerung anderer (aber die sind ja auch rechts, dumm und böse). Anders als Böll sei er aber nicht zerbrochen. Da schlägt es wirklich dreizehn. Böll ist nicht an einer imaginären Verfolgung gestorben, sondern wie Millionen andere Kettenraucher auch an dem, was er seinen Gefäßen angetan hatte.

Die Tatsache, dass Böll seine Biografie geschönt hat, wurde nicht erwähnt, ob der Beitrag bereits vor den einschlägigen Enthüllungten zu Grass fertig war, weiß ich nicht. In jedem Fall unterstrich die Abwesenheit jeglichen Hinweises, die Hohlheit des Beitrags ausgerechnet an diesem Tag.

Off topic: Der Anlass für die Fahrt nach Kassel (I, II) ist eher etwas für die ganz Interessierten.

— Nachtrag (16.8.2006) —
Wolfgang Münchau heute in der FTD:

Man kann aber auch umgekehrt fragen: Wie gelangt ein junger Mann, der bei der Waffen-SS diente und dies später als Irrtum erkannte, in seinem weiteren Leben zu einem so radikalen Antiliberalismus? Grass’ Geschichte spiegelt die Lebenslüge der deutschen Linken. Sie glaubten, links sei das Gegenteil von rechts, und linksextrem sei das Gegenteil von rechtsextrem. Sie sahen sich als die wahren Antinazis. Sie betrachteten die bürgerlichen Parteien CDU, CSU und FDP als die Fortsetzung des Faschismus mit anderen Mitteln. Noch absurder ist, dass sie die USA in demselben Licht betrachteten, ungeachtet dessen, dass ohne Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg der Faschismus gesiegt hätte.

+++ Update (18.8.2006) +++
Richard Wagner in der Welt:

Mehr noch, es hat sich ein Kanon des korrekten Verhaltens herausgebildet, mit einer für eine offene Gesellschaft verdächtigen Rigidität. Ein Kanon, der, indem er dauernd als gefährdet dargestellt wurde, die Kontrolle aller über alle nach sich zog und damit eine Spur des Totalitarismus erkennen ließ. Nicht zu vergessen: Die DDR war ein wichtiger Akteur dieses Kanons, der das Material für manche Denunziation bereithielt. Zur Enthüllung, zur Erpressung.

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One Response to “Nichts ist so veraltet…”

  1. [...] enauer-Enkel geht auf Grass los) blog.argwohnheim.de/2006/08/15/abgegrasst/ (.abgegrasst) blog.transatlantic-forum.org/index.php/archives/2006/843/intellelle-2/ [...]

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