Freiheit hat es schwer
Wie schwer Freiheit es manchmal hat, zeigen zwei Berichte aus der heutigen FAZ. So wird aus Indonesien vermeldet, dass sich dort eine stille islamische Revolution vollziehe:
Drei Viertel aller Indonesier unterstützen inzwischen einen “islamischen Staat”. In der gleichen Umfrage spricht sich allerdings eine ähnlich große Mehrheit gegen vieles aus, was ein solches Gemeinwesen kennzeichnet, insbesondere gegen das Hudut-Strafrecht. (…) Frustriert von den mangelnden wirtschaftlichen Erfolgen des demokratischen Experiments, verwirrt von den erratischen Suchbewegungen der Moderne, wendeten sich die Leute der vagen Hoffnung zu, ein Gottesstaat ginge möglicherweise einher mit mehr sozialer Gerechtigkeit, mehr Ruhe, mehr Moral und weniger Korruption.
(…) Das “Antipornographiegesetz” erregt die Öffentlichkeit seit Monaten. In den ersten Entwürfen wurde penibel festgelegt, wie sich eine Frau zu kleiden habe. Das Entblößen der Schultern etwa sollte strafrechtlich verfolgt werden. Inzwischen sind Ausnahmeklauseln im Gespräch, aber im Ergebnis schränkt das Gesetz die persönliche Freiheit drastisch ein. Noch stärker gilt dies für eine andere Novelle: das Verbot körperlicher Liebe vor der Ehe. Darauf sollen sogar langjährige Haftstrafen stehen. Der Streit darüber wird so erbittert geführt, daß das hinduistische Bali schon mit Abspaltung gedroht hat.
Und über Russland und den Putsch gegen Gorbatschow vor 15 Jahren, der letzten Endes zum Fall des Kommunismus führte, ist zu lesen:
Tatsächlich wird der Untergang der Sowjetunion - ihre Auflösung wurde Ende 1991 von den Präsidenten Rußlands, der Ukraine und Weißrußlands besiegelt - von der Mehrheit der Russen als das tragischste Ereignis des vergangenen Jahrhunderts gesehen. Auf das Ende des totalitären Staates folgten die schmerzhaften Wirtschaftsreformen, die Raub-Privatisierung, der Beschuß des “Weißen Hauses” 1993, der für Rußland so schmachvolle erste Tschetschenien-Krieg, schließlich die Finanzkrise 1998. Die Russen erlebten innerhalb weniger Jahre eine Welle sozialer und politischer Erdbeben, in denen der Putsch entweder als Anfang vom Ende oder eben wirklich nur als Episode erscheint.
Die “schmerzhaften Wirtschaftsreformen” und die “Raub-Privatisierung” sind in Wahrheit dem Autoritarismus geschuldet, der die Sowjetzeit überlebt hat. Trotzdem hat auch hier die Bevölkerung insgesamt vom Wandel profitiert. Ähnliches gilt für Indonesien. Der Kulturpessimismus, der ignoriert, wie die Menschen noch ein oder zwei Generation zuvor gelebt haben, ist das Problem - und der beste Nährboden für totalitäre Utopien.
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