Moral und Kontrolle
Wenn Intellektuelle wieder einmal mit den Freiheiten, die der Westen bietet, nicht fertigwerden, dann projizieren sie gerne ihre Sehnsucht nach einer vom Kapitalismus unverdorbenen Welt auf den Orient, in dem schon Generationen seit Rousseau nach dem “edlen Wilden” gesucht haben. So haben es zwei Kulturwissenschaftlerinnen mit allerhand geistigen Kapriolen offensichtlich fertiggebracht, die Verschleierung im Islam zu einem Symbol gesellschaftlicher Wertschätzung umzudeuten.
Gewiss mögen die Gründe, warum eine Muslimin ein Kopftuch trägt, vielfältig sein, aber die Argumentation, dass eine Frau unter dem Schleier nur deshalb schon nicht unfrei sein wird, weil die Annahme des Leidens unter dem Schleier die Übertragung der Wertvorstellungen einer durch die Ikonographie der christlichen Pieta geprägten europäischen Gesellschaft auf die muslimische Frau bedeutet, ist für einen normalen Menschen kaum nachzuvollziehen. Ob eine Muslimin unter dem Schleider leidet, dürfte in Wahrheit wohl eher eine individuelle Angelegenheit und damit allein rein empirisch ermittelbar sein als durch die Dekonstruktion von Wahrnehmungsmustern auf nichtmuslimischer Seite.
Im übrigen wird hier wieder einmal etwas betrieben, was auf diesem Blog wiederholt kritisiert wird: Die Islamisierung der Muslime von westlicher Seite. Denn wer sagt, dass die Musliminnen in ihrer Gesamtheit oder auch nur in ihrer Mehrheit in dem Kopftuch oder der Verschleierung genau das sehen, was unsere beiden Kulturwissenschaftlerinnen zu sehen glauben? Hier lässt sich eine Fülle von Gegenansichten präsentieren, z.B. diese einer iranischen Feministin, die als gebürtige Muslimin ganz anders über das Thema denkt:
Islam, as in fact, all other religions, is a misogynist ideology. Islam is a direct product of sheer patriarchy. Islam, particularly, due to its earthly characteristics, penetrates every aspect of private and social lives of men and women. A woman, according to Islam, is an extension and subject of a man. She does not have an independent identity and is defined by her master. The veil has been prescribed to hide men’s property from potential violators. A “free” woman, according to Islam, is considered an open and free target, a free ride.
It is absurd to regard the veil as a fashion item, or a dress style. We should define the veil as it really is, and as it really functions in the lives of many women under the rule of Islam: a symbol of servitude and subjugation.
Auch dies ist natürlich eine Meinung, die sicherlich nicht von jeder Muslimin geteilt wird. Sie ist aber mindestens ebenso zu respektieren. Im übrigen ist die Behauptung der beiden Kulturwissenschaftlerinnen, dass möglicherweise “die physische Gewalt, der man die verschleierte Frau ausgesetzt glaubt, ein Ausdruck jener symbolischen Gewalt ist, der die entblößte Frau unterliegt” eine mehr als dumme Hypothese, weil die verschleierte Frau in der islamischen Welt eben nur in der Öffentlichkeit verschleiert ist, nicht aber im Kreise der Familie. Wenn der Schleier also überhaupt so etwas wie eine schützende Wirkung gegenüber männlicher Gewalt haben sollte, dann gilt das für den häuslichen Bereich, in dem Frauen allgemein (nicht nur muslimische) am ehesten Opfer von Gewalt werden, eben nicht mehr.
Dass übrigens die Verschleierung vor allem eine Massnahme zur Kontrolle der weiblichen Sexualität ist, lässt sich leicht an der Literaturgeschichte der islamischen Welt sehen. Dort geht intakte Moral immer mit Entsexualisierung einher. In der türkischen Literatur wiederum findet diese eine Übertragung auf die Geographie. So schildert der türkische Romancier Peyami Safa (1899-1961) in seinem 1922 erschienenen Roman Sözde Kızlar (Die Scheinmädchen) im Paar der Mebrure und des Fahri die Tugendhaftigkeit Anatoliens als Gegenbild zum levantinischen Viertel von Istanbul, in dem die Frauen sittenlos sind, Tango tanzen und für ihre Nation nur Desinteresse zeigen.
Die Turbulenzen der werdenden türkischen Republik erhalten ihren sinnbildlichen Ausdruck in der Schilderung ungezügelter Sexualität. Halide Edip Adivar (1884-1964) schuf in ihrem 1912 erschienenen Roman Yeni Turan (Das neue Turan) mit der Heldin Kaya den Prototyp der entschlossenen Nationalistin. Ihrer Sittsamkeit steht die »Alafranga«-Frau mit ihrer hemmungslosen Leidenschaft gegenüber. Auch bei Halit Ziya Uşakligil (1866-1945) und Yakup Kadri Karaosmanoğlu (1889-1974) ist die verwestlichte Frau die Ursache für den Verfall der Sittlichkeit. (s. dazu R. Hermann, FAZ 20. Sep. 2004, S. 10) In der frühen arabischen Literaturgeschichte ist die weibliche Dämonin ein Ausdruck der Sehnsucht nach einer mächtigen Frau, den die islamische Frömmigkeit weitgehend unterdrückt usw. In allen Fällen geht es um die Kontrolle weiblicher Verführbarkeit.
Die kuweitische Schriftstellerin Layla Uthman sieht (Ar.) die Verschleierung vor allem im Zusammenhang mit dem gerade in den arabischen Golfstaaten anzutreffenden Phänomen, minderjährige Mädchen ungefragt an ältere Männer zwangszuverheiraten. Ihr selbst haben die Islamisten gehörig zugesetzt, als sie sie zur Verschleierung nötigen und schliesslich sogar dazu bringen wollten, mit dem Schreiben aufzuhören. Solche Erfahrungen bilden die ganz konkrete Seite gesellschaftlicher Verhältnisse, die weit entfernt von den gelehrsamen Abstraktionen weltferner Kulturwissenschaftler sind.
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Ausgezeichneter Beitrag!
Zur Ergaenzung eine Debatte zur Verschleierung auf :
http://www.dohadebates.com/output/page1.asp
with Tim Sebastian