Ehrenmorde in dörflichen Gemeinschaften Syriens
Es tut sich was in der Arabischen Welt: Zunehmend werden gesellschaftliche Probleme, die bis dahin als tabu galten, öffentlich thematisiert. So berichtet Middle East Online (Ar.), wie syrische Intellektuelle gegen Ehrenmorde anzugehen versuchen. Interessant ist die Thematik auch insofern, als es hier um die alte Frage geht, inwieweit Ehrenmorde im Islam verwurzelt sind. Hier bietet sich ein widersprüchliches Bild: Denn während das religiöse Establishment eine Legitimierung dieser Praxis durch den Islam bestreitet, wird sie von ebenjenem dörflichen Milieu, in dem Frauen besonders häufig Opfer von Gewalt aus Gründen der Ehre werden, mit dem Islam begründet.
Das Problem liegt aber auch auf einer anderen Ebene: So verlangen syrische Intellektuelle eine Änderung des Paragraphen, der Täter von Gewalttaten zur Verteidigung der Ehre straffrei ausgehen lässt. Einige Experten schätzen die Zahl von Tätlichkeiten gegen Frauen in Syrien auf jährlich zwischen 200 und 300, wovon die meisten in ländlichen und beduinischen Gesellschaften zum Schutze der “Verteidigung der Ehre” begangen werden. Wie Talal Mustafa, Prof. für Sozialwissenschaften an der Universität Damaskus bestätigt, halten Männer in den meisten arabischen Gesellschaften die Tötung von Frauen innerhalb der Familie auf den blossen Verdacht hin für zulässig, dass sie sich unzüchtig verhalten haben.
Er fügt hinzu: “Leider sind einige arabische Regierungen darangegangen, ein Gesetz zu erlassen, dass diese Verbrechen legitimiert und die Strafe für einen Mörder, unter dem Vorwand, dass der Mord sich auf eine Frage der Ehre und der Moral stützte, herabsetzt.” Mustafa führt diese Verbrechen auf eine lange Tradition zurück, die ihre Wurzeln in vorislamischer Zeit hat, wobei er darauf verweist, dass der Islam für einen männlichen wie weiblichen Unzüchtigen eine Strafe von hundert Peitschenhieben vorsieht. Er fügt hinzu, dass strenge Bedingungen den Tatbestand der Unzucht festlegen, die zu erfüllen unmöglich ist. Er weist darauf hin, dass die Rechtsprechung im Islam keine Strafe für Unzucht vorsehe, die auf Verdacht hin geschehen sei, denn der Prophet selber habe gesagt: “Vermeidet die Strafen auf Verdacht hin”.
Menschenrechtsorganisationen in Syrien haben eine Kampagne gestartet, die zum Ende der Gewalt gegen Frauen aufrufen soll. Mehr als zwanzig syrische Medien sind an der Kampagne beteiligt; insgesamt sollen es ca. 10.000 Intellektuelle und Menschenrechtsaktivisten sein, die sie unterstützen. Ihre oberste Forderung besteht in einer Änderung des Strafrechts. Susan Zukazzik, eine Expertin für soziale Belange, meint, dass das syrische Gesetz Verbrechen im Namen der Ehre sogar emutige. Das Strafgesetz entlässt sogar den Vergewaltiger aus dem Tatverdacht, wenn das Opfer die eigene Ehefrau ist. Zukazzik schlägt vor, den Paragraphen abzuschaffen, der die Gewalt gegen Frauen zementiert, und staatliche Programme einzurichten, die gesellschaftlichen Einstellungen in Bezug auf Gewohnheiten und Traditionen, die Ehrenmorde erlauben, ein Ende machen.
Zukazzik verneint einen Zusammenhang zwischen Verbrechen im Namen der Ehre und der Religion, mit der Begründung, dass eine grosse Zahl von Religionsgelehrten diese Praxis ablehnt – während zugleich mit Verweis auf die Religion der syrischen Frauenbewegung Steine in den Weg gelegt werden.
—
Siehe auch:
• Frau Karakaşoğlu hat sich schlau gemacht, 17. Februar 2006,
• Bahreinische Studie über häusliche Gewalt, 21. März 2006,
• Namus, 25. April 2006,
• Frauenrechte in Pakistan geopfert, 14. September 2006,
• Mehr Ehrenmorde in Afghanistan, 25. September 2006,
• Einsicht, 29. November 2006,
• Arabische Frauenpower, 20. Dezember 2006.

