Mirfetros über die iranischen Intellektuellen

Saturday, February 17, 2007
Von Michael Kreutz

In der Londoner “Kayhan“, dem wichtigsten persischsprachigen Organ iranischer säkularer Demokraten im Ausland, gibt es eine Fortsetzungsreihe “Betrachtungen über die Islamische Revolution im Iran”, deren Verfasser der namhafte (in Deutschland leider unbekannte) Historiker Ali Mirfetros (Webseite) ist. In der aktuellen Ausgabe schreibt er, dass die aufgeklärte Gesellschaft des vorrevolutionären Iran eine Gefangene zweier Fundamentalismen war: Des islamischen und des marxistischen Fundamentalismus. Beiden gemeinsam ist das “Nicht-Denken” (nayandishidan), die Gegnerschaft zum Modernismus und zu den Errungenschaften der Monarchie, vor allem unter Mohammed Reza Shah.

Selbstkritisch schildert Mirfetros, selber ein Ex-Linker, wie junge Menschen zu seiner Zeit ganz selbstverständlich in einem Klima “politischer und kultureller Irrationalismen” mit den Schriften von Al-e Ahmad[1] aufgewachsen waren, deren Spätfolge die Islamische Revolution ist. Die Tudeh-Partei (Kommunisten) wurde zum Faktor für sich abwechselnde Reaktionen und Gegenreaktionen gegenüber dem Staat und den politischen Kräften innerhalb der Gesellschaft. Eine anti-intellektuelle Front aus Islamisten und Kommunisten erklärte das Schah-Regime für illegitim und jegliche Zusammenarbeit mit ihm für Ketzerei.

Als Reza Schah 1941 durch Grossbritannien und die Sowjetunion abgesetzt wurde, so Mirfetros, hatten die Intellektuellen zwölf Jahre lang die Gelegenheit, die entstandene politische Freiheit zu nutzen, scheiterten jedoch, weil sie es nicht verstanden, rechten Gebrauch von ihr zu machen: “Ein Blick auf die unterschiedlichen Veröffentlichungen der Tudeh und die Zeitungsartikel so bekannter Autoren wie Mohammad Mas’ud, Karimpur Shirazi und sogar einige unvergessene Artikel von Dr. Hossein Fatemi (in “Bakhtar-e Emruz”[2]) zeigen, dass die Intellektuellen und Zeitungsjournalisten jener Zeit das Beleidigen, Denunzieren, Erpressen, Verleumden und Bedrohen von politisch Andersdenkenden mit Anstand und politischer Moral verwechselten.”

Diese “zwölferschiitischen Marxisten” (M. Rambod) sind mit dafür verantwortlich, warum die Schahzeit in Europa eine dermassen schlechte Presse hatte, da die 68er hierzulande die Tudeh-Propaganda ihrer iranischen Genossen ungefiltert wiedergaben. Dazu gehört auch die Mär von einem 1953 durch die CIA gestürzten “Volkshelden” Mosaddegh. Die gesammelten Informationen im “Kursbuch” Nr. 2 (1965) über den Schah (das mir vorliegt) stammen meist aus Tudeh-Quellen wie der erwähnten “Bakhtar-e Emruz” und “Iran Azad”. In Deutschland ist es vor allem der Altlinke Bahman Nirumand, der mit seinem Buch “Persien – Modell eines Entwicklungslandes” die Studentenbewegung massgeblich beeinflusste und bis heute gegen den Westen agitiert.

Es ist daher an der Zeit, dass in deutschen Medien mehr Leute vom Schlage eines Mirfetros über den Iran zu Wort kommen. Und weniger von den Reformislamisten, Marxisten und anderen Freunden des Obskuren.


  1. Ein nichtreligiöser, linksintellektueller Antimodernist, gest. 1969. Sein bekanntestes Werk ist “Gharbzadegi”, auf Deutsch etwa “Verwestlichung” oder “Okzidentose”. Man muss ihm allerdings zugestehen, dass er ein begabter Schriftsteller war. Sein Roman “Modir-e Madrase” ist eine wunderbar sarkastische Darstellung gesellschaftlicher Verhaltensweisen in der iranischen Provinz – leider bis heute nicht ins Deutsche übertragen.
  2. Dt. “Heutiger Westen”, kommunistische Zeitschrift.
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15 Responses to “Mirfetros über die iranischen Intellektuellen”

  1. Libero

    Lieber Herr Kreutz

    Armin hat recht. Die Werte die sie vertreten, sind universelle Werte. Ihre exklusive Inanspruchnahme dieser Werte durch den Westen wirkt auf Nicht-Westler abstossend. Zumal es innerhalb des Westens eine starke Minderheit gibt, die diese Werte gar nicht vertritt. Es sind universelle Werte und eine Mehrheit(?) im Westen trägt die Fackel dieser Werte, ist aber nicht selbst die Fackel. Verstehen Sie, was ich mit dem Sinnbild sagen will?

    #37817
  2. armin

    M.Kreutz schreibt: ”Gadamer und Foucault haben Ihnen ein bisschen den Kopf verdreht.”
    Ich glaube nicht, daß dieser Ton sehr diskussionfördernd wäre.
    *
    Der Relativitätsgehalt Ihres Westenbegriffes besteht aus zweierlei:
    1. Formal 2. Substanziell.
    Formal ist der Westen im besten Falle der falsche Nomen für einen gutgemeinten Inhalt. Mit anderen Worten, das Zeichen deckt und trägt
    das Bezeichnete nicht.
    Substaniell aber ist es viel komplexer denn sie operieren vorwiegend kontextentfremdend: Sie nehmen aus dem sogenannten Westen nur jene Teile heraus, die Sie, aus welchen Gründen auch immer, bejahen: Individualität, Parlamentarismus etc. Dabei blenden Sie aus, daß all diese kulturpolitische Erscheinungen nie vereinzelt aufgetreten sind, sondern in einem geschichtlichen Prozess, dessen markantesten Charackteristikum das Widersprüchliche gewesen ist. Auch heute ist es noch so, daß z.B. der Parlamentarismus weder etwas gegen den islamischen
    Völkermord in Sumalien unternehmen kann und will, noch gegen die systematische Vernichtung der Erde. Unsere Demokratie ist heute noch ein
    in den bestimmenden Zügen introvertierter Begriff: wichtig ist die Welt innerhalb der europäischen Mauern, was draußen läuft, ist zweitrangig. Mit anderen Worten, der Menschenbegriff, der hier vorherscht ist ein eindimensionaler. Eine unangenehme Erbe des Griechentums, innerhalb dessen die Welt bzw. die Zivilisation jenseits von den Mauern der Polis aufhörte. Es ist ein Kulturrelativismus subtilster Art, wenn wir vom Griechentum z.B. die aristotelische Methodik überehmen, die kategorische Menschenverachtung aber, die stets der griechischen Geisteswelt inherent war, außer Acht lassen. Damit will gesagt sein, daß Ihr Westen genau wie der glorreiche Hellenismus, der von der Altphilologie bis Hollywood gepflegt wird methodisch falsch und damit eine zivilisatorische Lüge ist. Ein Paulus the Persian würde sagen: ein Draoga, ein Trug. Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang die etymologische Verbindung von draoga nicht nur mit dem deutschen Trug, sondern auch mit Traum/Dream. In der mazdayanischen Philosophie ist die Lüge ein Wahrheitsschlaff! Die Wahrheit, die asha heisst, ist die Harmonie bzw. die paradoxiefreie Allverbundenheit des Gesamten. Der Westen, den Sie propagieren, leidet unter fundamentalen Unzulänglichkeiten. Die sind behebbar. Aber dann heißt der Westen auch nicht mehr Westen. Ich ziehe Begriffe wie Weltharmonie und die gute Vernunft formal wie substanziell nicht nur vor, sondern halte sie auch für unumgehbar, insofern wir Ihre ehrenwerte Ziele gemeinsam und erfolgreich erreichen wollen.

    #38000
  3. N. Neumann

    MK: Gadamer und Foucault haben Ihnen ein bisschen den Kopf verdreht.

    Es gibt gute Gründe, gegen Gadamer und Foucualt etwas einzuwenden, aber allem Anschein nach steht Armin nicht auf ihren Schultern.

    #38017
  4. @ Libero
    Können Sie nicht lesen? Wir vertreten keine “exklusive Inanspruchnahme”, sondern reden vom Westen als Metapher. Der “Westen als Chiffre für Freiheit und Kapitalismus” heisst es in unseren “Standpunkten“. Jedes Land und jede Kultur kann in diesem Sinne Teil des Westens werden. Solange das nicht der Fall ist, braucht man entsprechende Begriffe, um ideologische Abgrenzungen vorzunehmen.

    @ Armin
    Mit dem Westen als Chiffre werden gemeinhin bestimmte Dinge assoziiert, zu denen man bejahend oder verneinend stehen kann. Hier gilt es, Position zu beziehen. Wenn Sie einem anderen Weltbild anhängen als ich (”systematische Vernichtung der Erde”, “kategorische Menschenverachtung … der griechischen Geisteswelt”, “zivilisatorische Lüge”), dann soll es eben so sein. An der Idee des Westens scheiden sich nun einmal die Geister. Damit hat er seinen Zweck erfüllt.

    #38045
  5. armin

    So einfach ist es nicht lieber Herr Kreutz, Sie können nicht ohne Argumentation einen Konsens erwarten. Darüber hinaus kann Ihre unterschwellige Polemik keinen ernsthaften Beitrag zu einer auf Vernunft basierenden Diskursethik darstellen. Ihre Chiffreidee, i.e. das Zeichen vers. das Bezeichnete, ist vorher bereits falsifiziert worden, also gilt sie nicht. Bezüglich Griechenland und dessen kategorischer Menschenverachtung habe ich übrigens argumentiert und nicht einfach etwas behauptet um irgendetwas zu diskreditieren. Der Mensch an sich wurde in Griechenland nicht konzipiert, mit anderen Worten, die griechische Geisteswelt, im Gegenteil z.B. zu mazdayasnischer Philosophie, kannte den Menschen an sich nicht, sondern stets nur Untergattungen desselben: Männer, Frauen, Kinder, Sklaven etc. Nicht einmal ein gleich verteilter Seelenanteil war da vorhanden. Nehmen wir den hoch verehrten Platon: In seiner Metapsychosis (Phaidros & Phaidon) sind die Frauen gefallene Männer! Haben also einen ontologischen Stellenwert zwischen Tier und Mensch. Und die Männer selbst haben nur dann eine Aussicht auf Rückkehr zum Demiurgen, wenn sie erst Philosophen sind. Solange sie nicht als Philosoph geboren sind bleibt ihre Seele in der Welt und dem Kerker des Körpers gefangen. Es gibt aber auch Sünder, die für immer im Tartarus bleiben und nie befreit werden können. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Das ist aber nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass man, um ständig kritikfähig bleiben zu können, einen neuen Boden braucht, einen reinen und guten Vernunftboden, der über jeglichen Kulturboden erhaben sein soll und muss. Die lauteren Brüder, akhwân alsafâ, haben bezüglich des Religiösen einen ähnlichen Versuch unternommen. Sie haben versucht die Idee des Religiösen mit der der Vernunft und Wissenschaft zu verbinden und gleichzeitig alle Traditionen, von Buddhismus über Islam, Christentum, Judentum und Zoroastrismus mit einzubeziehen. Der Islam ließ es nicht zu und die Bewegung scheiterte. Die Idee aber, in angepasster bzw. modifizierter Form wäre heute m.E. anwendbar. Natürlich kann es hier nicht darum gehen dem Westen, dem ich mich mehr als Sie wahrscheinlich vermuten können verpflichtet fühle, den Boden unter den Füssen wegzuziehen. Im Gegenteil, damit die universellen Errungenschaften des Westens auch universell brauchbar gemacht werden können, müssen wir den Kulturboden verlassen und uns dem guten reinen Vernunftboden zuwenden. Allein durch die Aufhebung des Kulturellen in das Vernünftige hätten wir die nötige theoretische Ferne um das Kulturelle, dem wir in unserer existenziellen Alltäglichkeit unausweichlich ausgesetzt sind einer der Förderung des Weltguten dienenden Kritik unterzuziehen. Aus dieser Warte heraus, – die Achameniden hatten einen in Grundzügen solchen Ansatz, die Zeit aber war nicht reif-, ist der Westen für mich ein möglicher Ausgangspunkt, keineswegs aber das Ziel. Genau so verhält es sich mit Osten, Norden und Süden. Deswegen bitte ich um und bestehe zugleich auf begrifflicher Klarheit und sprachlicher Präzision. Die Weltharmonie und die gute Vernunft im Auge habend, scheint der Westen als programmatischer Begriff, wie er bei Ihnen Anwendung findet, als das falsche Mittel für den guten Zweck. Die entsprechende Korrektur tut not.

    #38171

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