Dilettierende Iranexperten
Die gestrige Phoenix-Runde zum Thema Iran brachte mit Kienzle und Steinbach wieder ein echtes Doppelpack geballter Inkompetenz über den Äther. Schon die Einführung in das Thema erweckte den Eindruck, als stünden sich mit den USA und Iran zwei Kampfhähne gegenüber, deren Unversöhnlichkeit jedem aufgeklärten Europäer bizarr anmuten müsse. Äquidistanz als journalistisches Ideal. Es wurde aber noch schlimmer. Steinbach, Direktor des Hamburger GIGA-Instituts, erhielt als erster das Wort und nutzte sogleich die Gelegenheit klarzumachen, wo die wirkliche Gefahr liegt.
Wieder einmal verbreitete Steinbach die Mär vom CIA-Coup gegen den iranischen Ministerpräsidenten Mosaddeq 1953, der für ihn das “direkte Vorspiel” für die Islamische Revolution bildet. Nun gut, Steinbach ist offensichtlich mit Interviews und Talkshows zu sehr ausgelastet, um sich mit aktuellen Forschungserkenntnissen (Gasiorowski, Matini, …) noch vertraut machen zu können. Aber man hätte schon ganz gerne gewusst, wo hier die Verbindung zur derzeitigen religiösen Diktatur liegt. Steinbach scheint nämlich davon auszugehen, dass die Islamische Revolution vom Volk getragen wurde, das seit 1953 gewissermassen von einem tiefen Misstrauen gegenüber den USA geprägt ist.
Damit ist Steinbach nur ein weiterer in der Reihe derjenigen Nahostwissenschaftler, die dem Mullahsystem Legitimität zu schaffen versuchen. Ein schwacher Trost ist, dass der anwesende iranische Dissident Mehran Barati sogleich klarstellte, dass antiamerikanische und antiisraelische Ressentiments unter der iranischen Bevölkerung nicht sehr verbreitet sind. Der einzig wirkliche Lichtblick der Sendung war der Vorsitzende der Republikaner in Deutschland, Eric Staal, der mit kühlem Kopf die Politik der USA zu erklären versuchte.
Steinbach zur Seite stand Ulrich Kienzle, der den USA ein Scheitern im Nahen Osten diagnostizierte und einen Krieg gegen den Iran für ausgeschlossen hielt, weil die USA im Irak gebunden und viel zu schwach für einen weiteren Krieg seien. “Die Iraner”, befand Kienzle, nehmen die USA gar nicht mehr ernst. So etwas hört man in Teheran gewiss gerne. Kienzle versteht es hervorragend, am laufenden Band antiamerikanische Ressentiments zu bedienen: Der Nahe Osten sei dank der USA in ein Chaos gefallen, so als ob mit dem Irak zusammen gleich auch alle umliegenden Länder bürgerkriegsähnliche Zustände zu beklagen hätten. Das Geplapper vom Chaos, das in der Region ausbrechen werde, war vor dem Feldzug gegen Saddam Hussein oft genug zu hören gewesen. Dass diese Voraussagen allesamt nicht eingetroffen sind, macht ja nichts; die Formel wird einfach weitergebetet, auf Teufel komm raus.
Kienzle findet es denn auch “paradox”, dass der Sturz Saddams nun ausgerechnet den Schiiten zu einer Vormachtstellung im Irak verholfen habe. Nur, durch die antiamerikanische Brille, durch die hindurch Kienzle glaubt, alles und jeden in der Region erklären zu können, ist ihm entgangen, dass von einer Vormachtstellung erstens nicht die Rede sein kann, und zweitens die US-Regierung niemals die Absicht hatte, Schiiten als solche zu bekämpfen. Im übrigen ist auch Ahmad Chalabi, der einstmalige Wunschkandidat der Amerikaner für das Amt des irakischen Minsterpräsidenten, selber Schiit. Kienzle aber war in seiner offensichtlichen Schadenfreude immun geworden gegenüber der Wahrnehmung elementarer Tatsachen.
Steinbach und Kienzle schwadronierten, was das Zeug hielt. Steinbach forderte allen Ernstes, dass die iranische Regierung beim Wort genommen werden müsse – ganz richtig: beim Wort genommen! –, keine Atomwaffen zu entwickeln! Entscheidend sei für die Verhandlungen, wie fest das Regime im Sattel sitze und dass Drohungen nur dazu führten, dass die iranische Bevölkerung sich hinter Herrn Ahmadi-Nejad (Steinbach sagt immer “Herr Ahmadi-Nejad”) versammele. Nicht zum ersten Mal verharmlost Steinbach die Gefährlichkeit dieses Mannes.
Während für Steinbach Teheran einen Verhandlungspartner abgibt, an dessen politischer Stabilität Europa folglich ein Interesse haben muss, sitzt der wahre Aggressor wieder einmal woanders, nämlich weiter im Westen. Die Rede ist, selbstverständlich, von Israel und für Steinbach ist es eine eine ausgemachte Sache, dass es einen weiteren Krieg im Nahen Osten geben wird, den nur die USA abwenden könnten, wenn sie denn dazu willens wären. Wieder einmal stellt Steinbach die Realität völlig auf den Kopf. Das Vertrauen, dass er den Machthabern in Teheran entgegenbringt, mag er für die Regierungen in Washington und Jerusalem nicht aufbringen.
In einer Sache aber unterscheiden sich Steinbach und Kienzle sehr wohl: Im Gegensatz zu Kienzle, der die ganze Region in einem einzigen Chaos sieht, sagt Steinbach den Flächenbrand erst noch voraus und glaubt ihn kommen, sobald Israel den Iran angreife. Bemerkenswert, wie weit die Wahrnehmungen zweier “Experten”, die offenbar ein gemeinsames Weltbild teilen, so auseinanderklaffen können: Der eine sieht die Katastrophe bereits vorhanden, der andere befürchtet sie für die nahe Zukunft. Aber wenn man sich so in Rage redet, fallen solche Widersprüche nicht weiter auf. Genausowenig wie die Frage, warum man denn verhandeln soll, wenn der Krieg ohnehin unabwendbar ist.
So sind sie halt, die deutschen Nahostexperten.
(Wer es sich unbedingt antun will: Hier gibt es die Sendung als Videostream.)
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Lieber Michael Kreutz,
Wieder einmal verbreitete Steinbach die Mär vom CIA-Coup gegen den iranischen Ministerpräsidenten Mosaddeq 1953
falls Sie meinen sollten, es es hätte 1953 gegen Mossadeq überhaupt kein CIA-Coup stattgefunden: Als solcher ist dieser keine Mär.
,der für ihn das “direkte Vorspiel” für die Islamische Revolution bildet.
Was als tollkühne Ableitung Steinbachs gelten kann.
Das Thema kommt nicht zum ersten Mal auf diesem Blog vor. Also noch einmal: Ja, die CIA war an dem Sturz beteiligt, aber nach allem, was man heute weiss, war sie durchaus nicht die entscheidende Kraft. Mosaddeq selbst war am Ende seiner Amtszeit durch den von ihm begangenen Verfassungsbruch eben längst nicht mehr der Volksheld, als der er heute so oft dargestellt wird. Damit stellt sich auch die Frage, inwieweit überhaupt noch die Rede von einer demokratischen Regierung sein kann.
Etwa Udo “Dadullah Islam” Steinbach? Der bei der BpB Hausislamist ist? Und auch ansonsten immer ein gutes Wort für die Taliban einzulegen weiß? Da hab ich ja was verpasst.
Zu Mossadegh)
Mossadegh war sehr beliebt. –> das stimmt.
Sowohl die Mullahs als auch die Mehrheit der iranischen Bevölkerung standen hinter ihm. –> ja, stimmt auch.
Mossadegh war aber am Ende seiner Amtszeit überhaupt nicht mehr so beliebt. Sowohl die Mullahs als auch große Teile der Bevölkerung wollten ihn nicht mehr.
Meines Erachtens lag es ganz einfach daran, dass er sich zunehmend mit den Kommunisten anfreundete. Welche Auswirkungen diese Freundschaft/Partnerschaft auf die damalige wirtschaftliche als auch gesellschaftliche Situation Irans hatte, kann man sich wohl sehr einfach vorstellen.
Der Sturz Mossadeghs war kein Alleingang der CIA. Das gebeutelte iranische Volk als auch die Mullahs waren hauptverantwortlich.
Gott sei Dank rechtzeitig, anderenfalls wäre der Iran ein Teil der USSR geworden und wer weiß wie sich die Welt entwickelt hätte mit der USSR am persischen Golf – Stichwort: Energiequellen!
Im Übrigen darf eines nicht vergessen werden: Die Durchsetzung der kommunitischen herrschaft mit Hilfe nichtkommunistischer Strohmänner in Osteuropa lag gerade erst einige Jahre zurück.
Jawohl Herr Riexinger.
Wer diese Zusammenhänge nicht versteht oder verstehen will, der wird dann wie unser Prof. Dr. Steinbach – warum immer wieder “Intellektuelle” so engstirnig und eindimensional die Dinge sehen und beurteilen, bleibt wohl ein ungelüftetes Geheimnis – oder wie jene Iraner, die nach wie vor nicht einsehen wollen, dass ihr beliebter Mossadegh voll und ganz von Kommunisten umgeben war, argumentieren.
Ich möchte klarstellen, dass Mossadegh kein “Vaterlandsverräter” war, im Gegenteil, aber mit seiner anti-westlichen Einstellung manövrierte er sich selbst in eine Lage, aus der er nicht mehr herauskommen konnte bzw. herauskam – es sei denn durch Gesichtsverlust, wozu er eindeutig nicht in der Lage war.
Falscher Stolz!
[...] Einsicht wünscht man auch der Akademikerkaste unter den [...]