Freiheitsopfer

Wednesday, March 7, 2007
Von Martin Riexinger

Auf das Frauenbild konservativer türkischer Autoren zur Mitte des letzten Jahrhunderts hat Michael kürzlich verwiesen, als er im Zusammenhang mit der “Schleierfrage”, ausführte, dass die weibliche Sexualität gemeinhin als Bedrohung dargestellt werde.

Interessanterweise hat sich in dieser Hinsicht bei einigen islamischen Autoren in der Türkei eine Wende vollzogen. Die verwestlichte Frau erscheint nicht mehr als bedrohliche Dämonin, sondern als mitleidbedürftiges Opfer.

Bezeichnend hierfür ist der Roman “Sibel”[1] des zur Nurcu Bewegung gehörenden Autors Hekimoğlu İsmail, der der Nurcu Bewegung nahe steht. Der Name der Titelheldin ist kein Zufall. Sibel, abgeleitet von Cybèle, der französischen Schreibung der anatolischen Fruchtbarkeitsgöttin ist ein typisch kemalistischer, areligiöser Name.
Die Protagonistin in reiferem Alter ist Übersetzerin im Außenministerium gehört also der kemalistischen Bürokratie an. Sie scheint die Werte des Systems verinnerlicht zu haben. Während sie jedoch die Phrasen von Fortschritt und Verwestlichung wiederholt, wird sie von innerer Leere zerfressen, die sie auf den offiziellen Cocktaikparties im Alkohol ersäuft. Kummer bereitet ihr auch ihr eigener Sohn, der sich von ihren Vorstellungen abgewandt hat und sich – wie sie zunächst meint – in finsteren Zirkeln zu Versammlungen rückwärtsgewandter Dunkelmänner einfindet. Doch es ist ihr Sohn Tufan[2], der ihr zur Rettung verhilft. Er befreit sie aus der Gefangenschaft von Sucht und Sinnlosigkeit heraus, indem er sie zur Religion zurückführt. So kann sie schließlich mit innerem Frieden dem Tod entgegensehen, als sie an Krebs erkrankt.

Die gleiche Tendenz zeigt sich in “Ben özgür müyüm?” (Bin ich frei?) der Autorin Gülay Atasoy[3], kein Roman, sondern eine Sammlung von Reportagen, mit denen demonstriert werden soll, dass Frauen auch um ihr diesseitiges Glück betrogen werden, wenn sie den freiheitsversprechungen des Feminismus folgen. Familiäre Gewalt kennzeichnet ihr zufolge verwestlichte Familien, in denen Alkohol konsumiert wird. Eine Tochter aus reichem Hause endet als Bushostess, weil ihre die Eltern alles erlaubt haben und sie deswegen in schlechte Gesellschaft geriet. Junge Türkinnen in Deutschland geraten an Heroin, werden in intakten, konservativen Familien zuhause aber wieder auf den rechten Wege geführt. Zwei Freundinnen haben mit der Illusion, als Schauspielerinnen reüssieren zu können, ihre furchtbaren Jahre verplempert und müssen nun ständig mit Tränen in den Augen glückliche FAmilien durch die Straßen spazieren sehen. Die Heuchelei der Feministinnen entlarven soll der Bericht von einer im Milieu tätigen jungen Frau, die einen Mann erschoss, der sie bedrängte. Die „freien Frauen“ hätten ein Geschrei erhoben, als sie deswegen zu 18 Jahren verurteilt wurde, aber haben sie nicht immer gefordert, dass Männer und Frauen gleich seien?
Die Schuld gibt Atasoy aber weniger dem kemalismus als der Libertinage der 1960er Jahre, was wieder einmal zeigt wie sehr sich bestimmte Kreise bei uns, mit den Produkten ihrer Zuwendungsobjekte beschäftigen.


  1. İstanbul: Timaş Yayınları, 2004
  2. ”Sintflut”
  3. İstanbul: Nesil Yayınları, 2004
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One Response to “Freiheitsopfer”

  1. Serdar

    Nun es gibt ja noch das Buch von Nilüfer Göle “Republik und Schleier”, das ich sehr gut finde. Es gibt von ihr noch einige gute türkische Bücher, die ich auch hervorragend finde. Allerdings leider nicht auf Deutsch.

    #34436

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