Wer sind die Türken?

Friday, March 30, 2007
By Martin Riexinger

“Wer sind wir” lautet eine Frage, mit denen in offenen Gesellschaften deren konservative Gegner, zur nationalen Selbstbesinnung aufrufen. In einem Kontext wo hingegen über Jahrzehnte hinweg die Heterogenität der Gesellschaft als Tabu behandelt wurde, setzt sie die überfällige Auseinandersetzung mit der Frage in Gang, wer in einem Staatswesen alles lebt, wie er spricht, was er glaubt, und was für Schlüsse er für sein Selbstverständnis er daraus zieht. Diese Daten wurden mit Angaben über Bildung, sozialen Status und Größe der Familien verglichen. Die türkische Zeitung MİLLİYET hat vergangene Woche die Ergebnisse einer Umfrage unter 48000 Türken publiziert. Hier die Schlagzeilen in Übersetzung:

  1. Ein farbiges erstes Mal, 19.3.
  2. Die Hälfte der Ärmsten lebt im Südosten, 20.3.
  3. 4,5 Millionen sagen sie seien Aleviten, 21.3.
  4. 55 Millionen Personen sind “ethnische” Türken, 22.3.
  5. Die Mehrheit sagt: “Ich bin in erster Linie ‘Türkiyeli’*”, 23.3.
  6. Die Kurdenfrage ist eine ausländische Einmischung, 24.3.
  7. Die Gesellschaft hat endlich angefangen zu reden, 25.3.
  8. In den Städten weicht die Grenze zwischen Aleviten und Sunniten auf, 26.3.

Einige interessante Aspekte: Der Bevölkerungsanteil der Aleviten liegt wohl deutlich niedriger als vielfach angenommen. Inzwichen leben die meisten vo ihnen in Istanbul und nicht mehr in Ostzentralanatolien oder dem Hinterland des Mittelmeeres. Als zweitgrößte religiose Gruppe ermittelte die Umfrage Sunniten des schafiitischen Ritus, bei denen es sich in der Türkei vorwiegend um Kurden handelt.
Ähnlich sieht es bei den Kurden aus. Auch ein Drittel von ihnen lebt in Istanbul. 15,7 % bezeichnen sich als ethnische Kurden, aber nur 13 % geben Kurdisch oder Zaza als Muttersprache an.
Nur 28% der Bewohner von Istanbul sind dort geboren, immerhin zusammen 25 % in den beiden Schwarzmeeregionen und 21 % in Ostanatolien. Wenige hingegen in den verwestlichten Regionen Ägäis, Mittelmeer und Westmarmara.
Während immerhin 77,6 % der Arabischsprachigen, also der zweitgrößten sprachlichen Minderheit angeben, sie könnten ihre Identität ungehindert entfalten, behaupten dies nur 39,2 % der Kurden.
Ganze 53,8 % erachten die Zugehörigkeit zum Islam als Bedingung für die türkische Staatsbürgerschaft. Aleviten allerdings sind wesentlich toleranter: Über 60 % erachten eine Eheschließung mit einem Andersgläubigen, einem Angehörigen einer eigegen Ethnie oder einem Ausländer für zulässig. Bei den Sunniten tut dies nur eine Minderheit.

* Schwierig zu übersetzender Begriff aus der politischen Diskussion. Bedeutet zur Türkei gehörend, ohne aber ethnisch Türke sein zu müssen.

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2 Responses to “Wer sind die Türken?”

  1. Serdar

    Vielleicht könnte man “Türkiyeli” mit Türkländer übersetzen :-)

    #36922
  2. marriex

    Theoretisch natürlich schon, klingt aber bescheuert.

    #36923

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