Amerikanischer Angriff im Sommer?
“Israel erwartet einen amerikanischen Angriff auf den Iran”, titelt (Ar.) Middle East Online, hat aber ausser einem israelischen Geheimdienstoffizier, der von iranischen Vorbereitungen für einen Krieg zu berichten weiss, nicht viel an Informationen aufzubieten. Die Schlagzeile offenbart jedoch eine Sichtweise, wie sie auch in Europa vorherrschend ist: Der wahre Aggressor wird in den USA gesehen, nicht im iranischen Mullah-Regime, das unverdrossen seine Ziele weiterverfolgt.
“Die Anreicherung wird nicht gestoppt”, sagt (Per.) Ali Laridjani, handele es sich doch um eine “nationale Angelegenheit”; Ahmadi-Nejad wiederum lässt verlautbaren (Per.), dass es die “Pflicht” der Islamischen Republik sei, das Nuklearprogramm zu verwirklichen, und das International Institute for Strategic Studies ist überzeugt (Per.), dass das Regime in zwei bis drei Jahren über die Bombe verfügen könnte.
Mordechai Kedar vom BESA Centor for Strategic Studies fordert ein vereintes Vorgehen der westlichen Staaten gegen das Teheraner Regime, das nur unter Druck von seinem Vorhaben, Nuklearwaffen in seinen Besitz zu bekommen, ablassen wird. Dass der Erwerb von Atomwaffen in Teheran angestrebt wird, steht für Kedar ausser Zweifel. Zweifelhaft dagegen ist, ob es ein gemeinsames westliches Vorgehen geben wird. Kommentare wie dieser im Guardian, die das Mullahregime weisswaschen, in dem die 15 gekidnappten britischen Marinesoldaten gegen Guantanamo aufgerechnet werden, lassen einen manchmal schier verzweifeln, fallen doch die Menschenrechtsverletzungen des Regimes wieder einmal völlig unter Tisch. Journalisten wie Seymour Hersh wiederum halten alles, was die Bush-Adminstration tut oder nicht tut, für kontraproduktiv im Kampf gegen den Terrorismus.
Tatsächlich ist ein amerikanischer Angriff höchst unwahrscheinlich. Das hat mit der Erfahrung im Irak zu tun, aber auch damit, dass die Machtbasis im Iran komplizierter ist als im Irak, wo sie sich im wesentlichen auf Saddam Hussein begrenzte. Das amerikanische Vorgehen ist tatsächlich ein ganz anderes: Schon im Dezember hatte die Washington Post berichtet, dass “Iran is suffering a staggering decline in revenue from its oil exports, and if the trend continues income could virtually disappear by 2015, according to an analysis published yesterday in a journal of the National Academy of Sciences.” Diese Entwicklung setzt das Regime der Gefahr zunehmender Instabilität aus: “Iran earns about $50 billion a year in oil exports. The decline is estimated at 10 to 12 percent annually. In less than five years, exports could be halved, and they could disappear by 2015 (…). Iran produces about 3.7 million barrels a day, about 300,000 barrels below the quota set for Iran by the Organization of Petroleum Exporting Countries.” Roger Stern vom Department of Geography and Environmental Engineering der amerikanischen Johns Hopkins Universität kam vor vier Monaten zu einem ganz ähnlichen Ergebnis:
Even if a relatively optimistic schedule of future capacity addition is met, the ratio of 2011 to 2006 exports will be only 0.40-0.52. A more probable scenario is that, absent some change in Irani policy, this ratio will be 0.33-0.46 with exports declining to zero by 2014- 2015. Energy subsidies, hostility to foreign investment, and inefficiencies of its state-planned economy underlie Iran’s problem, which has no relation to ”peak oil.”
Der iranische Ölminister Kazem Vaziri Hamaneh hat offen zugegeben, dass das amerikanische Vorgehen für den Iran ein schweres Problem darstellt. Ein Sturz des gegenwärtigen Regimes ist daher nicht nur wünschenswert – sondern auch machbar. Sofern er von innen kommt. Der amerikanische Druck auf das Regime bereitet einem solchen Umsturz den Boden. Hier zeigt sich eine weitere Wahrnehmungsdifferenz gerade auf europäischer Seite, die häufig nicnt wahrhaben will, wie die iranische Bevölkerung über die eigene Diktatur denkt. Kedar fasst die Situation wie folgt zusammen:
The situation in Iran is extremely unusual: most Iranian citizens lead a free, secular lifestyle, scorn the religious leaders who tyrannize them, and survive economically in a twisted and corrupt system. The leadership knows the population and its system of priorities, and imposes its regime by means of force—from executing people in the city square to lashings and other forms of physical and mental punishment—according to Shiite practice.
In der letzten Phoenix-Runde vom vergangenen Donnerstag zum Thema Iran merkte man den deutschen Gästen Christian-Peter Hanelt (Bertelsmann Stiftung) und Dieter Bednarz (Der Spiegel) deutlich die Verwirrung an, als der iranische Politologe Mehran Barati erklärte, dass 20-25%, allerhöchstens jedoch 30% der iranischen Bevölkerung hinter dem Regime stehen. Bednarz, der bei seinen Iranreisen wohl nur mit Offiziellen zusammenkommt und allen Ernstes den Pasdar-Hardliner Qalibaf als pragmatische Alternative zu Ahmadi-Nejad sieht, und Hanelt, dem die Naivität ins Gesicht geschrieben steht, wussten augenscheinlich mit den Äusserungen des Iraners nicht viel anzufangen und noch weniger darauf zu erwidern. Der perplexe Gesichtsausdruck beider sagte allerdings schon genug.
Einen amerikanischen pre-emptive strike wird es mit Sicherheit nicht geben. Dass die Mullahs nachts ruhig schlafen können, sollte man daraus aber nicht schliessen.
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Siehe auch:
• Katzbuckeleien, 29. Oktober 2005.

