Wasser auf die Mühlen der Ajatollahs
Immer wieder fallen arglose Iran-Kommentatoren auf die Tricksereien des Regimes herein. Allein dieses Wochenende gab es dafür wieder zwei hübsche Beispiele.
So behauptet in der gestrigen FAS ein Eckart Lohse allen Ernstes, dass die Diktatur der Ajatollahs “demokratische Strukturen” aufweise und Ahmadi-Nejad eine “Mehrheit der Wählen sammeln” konnte. Vor einem Jahr schon hatte Lohse einen ähnlich dicken Bock geschossen. Tatsächlich waren die Wahlen massiv gefälscht worden; zudem gehört der Iran zu den Ländern mit dem geringsten Grad an Freiheit in Nahost. Diese Hintergründe wären leicht zu recherchieren gewesen.
Ein anderer, der auf Irans staatliche Propaganda hereingefallen ist, ist ein gewisser Omid Nouripour im “Spiegel”. Über Zack Snyders Spielfilm “300″, der von der antiken Schlacht bei den Thermopylen zwischen dem griechischen Nationalhelden Leonidas und seinem persischen Gegenspieler Xerxes I. handelt, schreibt er: “Die Iraner fühlen sich durch die Darstellung der Perser schlicht verunglimpft. (…) Spannend dabei ist die einzigartige Allianz zwischen iranischen Exil-Nationalisten und Ahmadinedschad-Anhängern.”
Das mag so sein, schliesslich sind die Iraner für ihren robusten Nationalismus bekannt. Und doch entsteht ein falscher Eindruck, wenn man nicht darauf hinweist, dass die Mullahs hier ein doppeltes Spiel treiben. Tatsächlich ist den Machthabern der Islamischen Republik das vorislamische Erbe des Landes stets ein Dorn im Auge gewesen. So soll die Ausschachtung eines U-Bahn-Tunnels im westiranischen Kermanschah die in der Nähe befindlichen ungeliebten antiken Stätten gleichsam verschwinden lassen. Noch schlimmer sieht es in den südiranischen archäologischen Stätten Pasargad und Persepolis (Takht-e Jamshid) aus, in denen ein Staudamm geplant ist. Auch versucht das Regime, vorislamische Bräuche zu unterbinden. – Und ausgerechnet die Mullahs sind empört über eine filmische Darstellung von Xerxes I.!
Beiden Artikeln, dem in der FAS ebenso wie dem im “Spiegel”, ist eines gemeinsam: Sie behaupten eine gemeinsame Front der iranischen Führung mit der von ihnen geknechteten Bevölkerung. Wo im deutschen Journalismus bleiben die Gegenstimmen?
++++Anmerkung+++
Zu dem Text von Nouripur s. den Hinweis von Leser N. Neumann.
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MK: Das mag so sein, schliesslich sind die Iraner für ihren robusten Nationalismus bekannt. Und doch entsteht ein falscher Eindruck, wenn man nicht darauf hinweist, dass die Mullahs hier ein doppeltes Spiel treiben.
Lieber Herr Kreutz, letzteres trifft nicht zu, Nouripour schreibt mit Hinblick auf die Islamisten:
Ausgerechnet diejenigen also, die sich bis heute damit brüsten, die “2500 Jahre alte Tyrannei der Perser-Könige” beendet zu haben, versteigen sich nun in die große Verteidigung der antiken iranischen Monarchie.
Und Nouripours gemeinsame Front zwischen iranischer Führung und geknechteter Bevölkerung ist deutlich relativ: einzigartige[!] Allianz zwischen iranischen Exil-Nationalisten und Ahmadinedschad-Anhängern.
Kurzum: Sie sind ein bisschen sehr streng mit Nouripour. Genauso gut bzw. genauso schlecht könnte man Ihnen und Nouripour vorhalten, nicht darauf hingewiesen zu haben, dass die islamistische Führung, sofern es ihr zur Abwechslung mal in den Kram passt, die klassisch iranisch-nationalistische Karte spielt. Z.B., wenn es darum geht, das Atomprogramm mit der Verstaatlichung des iranischen Öls in den 50ern in eine Reihe zu stellen bzw. zu verschwurbeln. (Korrigieren Sie mich bitte, wenn ich hier falsch liege.)
Danke für den Hinweis! Sie haben völlig recht. Ich hatte mir den Spiegel-Artikel vollständig durchgelesen, aber dieser eine Satz (”Ausgerechnet diejenigen also, die sich bis heute damit brüsten, die “2500 Jahre alte Tyrannei der Perser-Könige” beendet zu haben…) ist mir entgangen. Ich leiste Abbitte.
Die gute Nachricht: Wir haben sehr aufmerksame Leser, die Kommentare auf hohem Niveau verfassen. Chapeau!
Herr Omid Nouripoor und pseudointellektuellen seinesgleichen haben nie ein Problem damit, wenn die vorislamische Kultur Iran’s diskreditiert wird. Herr O.N. gehört der Tradition der iranischen Linken und diese Tradition ist für das verantwortlich was man Tod der Geschichte nennen kann. Mit Anlehnung an Leute wie Marx, Weber und Wittvogel erklären sie die Geschichte Iran’s für tot, und zwar unter dem Oberbegriff Orientalischer Despotismus. Interessant dabei ist, dass weder die drei letztgenannten deutschen Denker, noch ihre iranischen Gefolgsleute keine Zeile avestisch, altpersisch oder pârsic bzw. mittelpersisch lesen konnten und können. Die drei deutschen konnten nicht mal neupersisch oder arabisch. Um die Absurdität der Forschungsergebnisse dieser Herren sich vor den Augen zu führen, sollte man sich einen iranischen ‚ Germanisten’ vorstellen, der ohne Kenntnis der deutschen Sprache ein Buch über Goethe’s Dichtung und Wahrheit schreibt. Längst ist den Kennern bekannt, dass die Theorie hydraulischer Gesellschaften Wittvogel’s falsch ist (Michael Mann: Geschichte der Macht), jedoch wird das von den Herrschaften nicht zur Kenntnis genommen. Die Pflege alter Lügen ist bekanntlich leichter als Erforschung der Wahrheit.
Herr. O.N. ist ein engagierter Anhänger Khatami’s, der nicht nur die glorreiche Revolution von 1979 für notwendig hält sondern an einen Satz wie ‚ 2500 Jahre alte Tyrannei der Perser-Könige’ auch tatsächlich glaubt. Das was für die Linken der orientalische Despotismus ist, ist für die moslemintellektuellen der Begriff Jâheliyat (Ignoranz, Unwissenheit). Damit wird die ganze vorislamische Geschichte für nichtig erklärt. A.Larijâni, der Chefunterhändler in der Atomfrage hat vor einiger Zeit öffentlich die Äußerung gemacht, dass erst mit der Ankunft der Araber fingen die Perser an Kultur kennen zu lernen und dass sie bis dahin Analphabeten und Wilde gewesen sind. Ein ehemaliges Mitglied der Tudehpartei, nâser purpirar, ist seit einigen Jahren von Leuten wie Herr Lârijâni damit beauftragt worden die vorislamische Größe Iran’s als Lüge darzustellen. In seinem Buch ‚davâzdah gharn sokut’ (12 Jahrhunderten Schweigen: von Achameniden bis der Eintritt Islam’s) versucht er zu beweisen, dass die Perser, die er als Eindringlinge und Fremdlinge auf der iranischen Hochebene erklärt, all die einheimischen Kulturen vernichtet haben sollen und dass z.B. Kyros der Große eine Marionette der Juden gewesen ist und ähnliches mehr. Auch er ist der Meinung, dass die Perser vor dem Islam nichts der Welt beizutragen wussten außer Krieg und Unterdrückung fremder Kulturen. Demnächst wird von der Königsstrasse keine Spur mehr da sein und spätestens in ein paar Jahrzehnten wird auch der Grab Kyros wegen der entstehenden Nässe in sich zusammenfallen. Schon jetzt können die Linken und ihre moslemische Brüder sich und der zuschauenden Welt mit Stolz mitteilen können: die Mission ist erfüllt!