Reformfähigkeit der Islamwissenschaften? (III)
Womit befassen sich heutzutage die Islamwissenschaften und die Orientalistik? Manche Mythen halten sich offenbar etwas länger.
Eigentlich obliegt es der Wissenschaft, Licht ins Dunkel zu tragen und steile Thesen durch empirisch abgesicherte Fakten zu ersetzen. Doch die zuständigen Universitätsgelehrten haben sich für den heimischen Islam lange kaum interessiert – vor allem die Islamwissenschaftler nicht. Der Glauben der Migranten galt als rückständig und intellektuell anspruchslos. Zudem verstehen sich die Orientalisten eher als Philologen denn als Sozialwissenschaftler. »In einer Hinterhofmoschee zu schauen, was die Muslime dort glauben, war wenig karriereförderlich«, sagt Peter Heine, Professor an der Humboldt-Universität.
Zugespitzt formuliert: Schön alt und möglichst weit weg musste das Forschungsobjekt sein. So kommt es, dass die deutschen Islamgelehrten mehr über Sufi-Dichter im alten Persien zutage gefördert haben als über Vorbeter in Deutschland.
… meint Martin Spiewak von der “Zeit”. Dabei hätte schon ein klein wenig Recherche Licht ins Dunkel bringen können.
Zuerst einmal: Die Islamwissenschaften sind heute ihrem ihrem Selbstverständnis nach etwas völlig anderes als das vor dreissig oder fünfzig Jahren der Fall war. Waren sie früher noch im wesentlichen ein Teilbereich der Arabistik, indem sie sich nämlich mit den (arabischsprachigen) Quellen des Islam beschäftigten, so verstehen ihre heutigen Vertreter unter Islamwissenschaften zumeist die Erforschung der Islamischen Welt in ihrer geschichtlichen Entwicklung und sozialen Realität. Das Gegenteil von Spiewaks Behauptung ist der Fall: Die Islamwissenschaften werden heutzutage mehr als sozialwissenschaftliche, denn als philologische Disziplin ausgeübt.
Damit einher geht die Tatsache, dass immer weniger Forscher sich als Orientalisten bezeichnen, und das hat offenbar etwas damit zu tun, dass spätestens mit Edward Saids Buch über den westlichen “Orientalismus” der Begriff in den Augen vieler anrüchig wurde, insofern als ihm ein kulturimperialistisches Moment zu eigen schien (Saids nächstes grösseres Werk trug übrigens den Titel “Culture and Imperialism”). Wie unübersichtlich die ganze Fachdisziplin der Orientalistik und Islamwissenschaften geworden ist, zeigt sich exemplarisch am 1. Weltkongress für Nahoststudien (WOCMES), der vor fünf Jahren in Mainz abgehalten worden war. Hier war der sozialwissenschaftliche Aspekt schon explizit formuliert worden:
The World Congress will present studies and research on themes embracing all disciplines of the humanities and social sciences engaged in research on North Africa, the Middle East and the Muslim states of Central Asia including studies on the impact of these regions on other parts of the world.
Ein Blick auf die Themengruppen zeigt, dass die Zeit, als Sufismus noch Hochkonjunktur in dem Fach hatte, längst vorbei ist.
Hierin liegt aber auch die Schwäche des Faches: Die eigene Entphilologisierung nämlich droht es überflüssig zu machen. Schliesslich haben Islamwissenschaftler und Orientalisten den Islam als Forschungsthema nicht für sich gepachtet. Die sozialwissenschaftliche Erforschung des “heimischen Islam” setzt wohl kaum Fremdsprachenkenntnisse voraus, sodass diese Arbeit auch von denen erledigt werden kann, die in der zuständigen Fachdisziplin beheimatet sind: Den Sozialwissenschaftlern selbst nämlich.
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Siehe auch:
• Reformfähigkeit der Islamwissenschaften?, 25. Oktober 2006,
• Reformfähigkeit der Islamwissenschaften? (II), 22. November 2006.


Nun ich würde sagen, das alles beide richtig ist. Und in diesem Sinne hatten Saids Thesen schon Wahrheitsgehalt, bei aller Kritik daran.
Bei einigen Wissenschaftler gibt es eine stark philologische Komponente (mit einer Abneigung gegenüber den Sozi.Wiss., bei Tilman Nagel merk ich manchmal sowas), aber eben auch andersrum. Letzteres hat dann auch zur Folge, das die Sprachkenntnisse immer mehr vernachlässigt werden. Ideal wäre es natürlich mit einer Beherrschung beider “Welten”.